Bochum

Stein auf Stein

von Gaby Hommel

Vor zwei Jahren ist der Grundstein für die Errichtung einer neuen Synagoge in Bochum gelegt worden. Vor zwei Monaten bestaunten 500 Menschen den Rohbau im Rahmen einer öffentlichen Besichtigung. Zur feierlichen Einweihung am 16. Dezember dieses Jahres wird eine noch größere Zahl an Gästen und politische Prominenz erwartet. Ottilie Scholz, Oberbür- germeisterin der Stadt, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, Bundestagspräsident Norbert Lammert und Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, haben ihr Kommen zugesagt.
Die Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen, bislang untergebracht in einem Notbehelf am Stadtrand, freut sich und kann den Umzug in ihr neues Zentrum kaum erwarten. Ansonsten aber bleibt sie gelassen. Auch angesichts des Umstandes, dass ihrem fast fertig gestellten Werk vor drei Wochen die Steine ausgingen.
»Ramon Grey Gold« heißen sie und stammen aus Israel. Zusammengesetzt bilden sie ein Band von Davidsternen, das bereits drei Seiten des Haupthauses in Bochum schmückt. Ein kleiner Betrieb aus der Eifel hat den Auftrag übernommen. An der Westfassade fehlen nun noch 200 Quadratmeter des besonderen Kalksteins, eine weitere Charge für den Bodenbelag in der Synagoge und im Foyer. Warum sie nicht fristgerecht eingetroffen sind, ob es Probleme beim Abbau gibt oder – wie die Lieferfirma erklärt – bei der Verladung und Ausschiffung in Haifa, kann Thomas Riese, verantwortlicher Architekt vor Ort, nur vermuten. »Wir können das von hier aus nicht überprüfen«, sagt er.
Aleksander Chraga, Geschäftsführer der Gemeinde, kommt angesichts des Termindrucks da schon einmal ins Schwitzen. »Unsere israelischen Partner bringen uns in Schwierigkeiten.« Die Einweihung des neuen Gebetshauses und der angeschlossenen Räumlichkeiten für die Gemeindearbeit werde aber in jedem Fall wie vorgesehen stattfinden, ist er sich sicher. Daran ließ der in der Ukraine geborene Maschinenbauingenieur und Jurist selbst auf dem Höhepunkt der Baukrise keinen Zweifel.
Mittlerweile ist sie entschärft, da zu-mindest ein Teil der vor allem zur Fortsetzung des Innenausbaus dringend benötigten Steine vor einigen Tagen nachgeliefert wurde. Seitdem engagieren sich Bauherren, Architekten und die Mitarbeiter der ausführenden Betriebe mit doppelter Kraft, um die Verspätung der Arbeiten an der Bochumer Synagoge aufzuholen.
Der Bauplan, aus 35 Entwürfen ausgewählt, stammt vom Kölner Architekturbüro Peter Schmitz. Das Land Nordrhein-Westfalen trägt rund ein Drittel des 7 Millionen Euro teuren Projekts. Ein weiteres Drittel übernahm die Stadt Bochum, indem sie das rund 4.000 Quadratmeter große Baugrundstück, an exponierter Stelle zwischen Stadtpark und dem Bochumer Planetarium gelegen, der Gemeinde übereignet. Diese muss etwa 2,2 Millionen aufbringen, wozu trotz zahlreicher Spenden die Aufnahme eines Darlehens in Höhe von einer Million Euro notwendig war.
Finanziell und ideell werden die 1.200 Mitglieder der Gemeinde vom »Freundeskreis der Bochumer Synagoge« unterstützt. Seine kontinuierlichen Aktivitäten tragen seit Jahren dazu bei, die Schaffung eines neuen jüdischen Zentrums in der Stadt zur Aufgabe der gesamten Bürgerschaft zu machen. Wie weit das gelungen ist, zeigte zuletzt das unerwartet große Interesse an der Besichtigung des Neubaus samt anschließendem Fest. Steven Sloane, Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker, sang zur Gitarre ein jiddisches Lied, in das – nicht minder improvisiert – das Auditorium vollen Herzens einstimmte. Der Intendant des Bochumer Schauspielhauses, Elmar Goerden, rezitierte Texte jüdischer Autoren und las einen Zettel vor, den sein Großvater 1933 in einem Berliner Theater gefunden hatte. Darauf notiert Bekleidungs- und Verhaltenshinweise, um der Aufmerksamkeit des Nazi-Regimes zu entgehen.
Der Bochumer Künstlerbund stellte 70 Werke aus und leitete ohne viele Worte den großen Teil der Einnahmen zur Finanzierung der Synagoge weiter. Einziger Stein des Anstoßes: Die Etablierung des neuen jüdischen Zentrums in Bochum erfolgte an einem Schabbat. »Stellen wir uns vor, heute sei Donnerstag«, antwortete Gemeindevorsitzender Grigorij Rabinovic.
So einfach konnten die Gemeindefunktionäre nicht immer über Schwierigkeiten hinwegsehen. »Wir beobachten die Situation mit Aufmerksamkeit, haben aber wichtigere Probleme«, lautete sein Kommentar drei Jahre zuvor, als sogenannte »freie Kameradschaften« im Auftrag der NPD unter dem Motto »Stoppt den Synagogenbau!« in einer bundesweiten Demonstration durch Bochum ziehen wollten. 24 Richter hatten damals in einem spektakulären Brief an den Polizeipräsidenten Thomas Wenner appelliert, die beabsichtigte Kundgebung als Störung der öffentlichen Ordnung und Verhöhnung später Wieder- gutmachungsversuche zu unterbinden. Es folgte ein juristisches Tauziehen, an dessen Ende das Bundesverfassungsgericht entschied (1BvQ 6/94). Im Ergebnis durften im Mai 2004 etwa 150 Personen, geschützt von einem Vielfachem an Polizeibeamten, mit der Losung »Keine Steuergelder für den Synagogenbau – Für Meinungsfreiheit« durch das frühere jüdische Viertel von Bochum marschieren und erklären: »Für uns als nationale Sozialisten gibt es heutzutage nur noch wenige Tabus, die gebrochen werden können. Heute brechen wir eines davon, und jeder Teilnehmer, der heute hier steht, gibt lebendes Zeugnis davon, schreibt Geschichte.«
Der Autor und Journalist Ralph Giordano bewertete die damaligen Vorgänge als »Testfall Bochum« und fragte auf dem Titel der Jüdischen Allgemeine (11. März 2004) nach »dem Aufschrei der Gesellschaft«. Der blieb aus. Nicht viel mehr als eine kleine Gruppe mehrheitlich junger Leute wagte nach dem Bescheid des höchsten deutschen Gerichts ihren Protest noch zu artikulieren. Trotzdem wird das neue Bochumer Gemeindezentrum in sechs Wochen bezogen werden. »Der lange Schatten der Vergangenheit«, wie Zentralratspräsident Paul Spiegel sel. A. bei der Grundsteinlegung sagte, »darf die Freude darüber nicht trüben«.

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