Edward A. Tenenbaum

Starkes Stück

von Robert Nef und
Bernhard Ruetz

Erfolg hat viele Väter. Als „Vater der Deutschen Mark“ gilt gemeinhin der spätere Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. Wie kein zweiter verkörpert Erhard das deutsche Wirtschaftswunder. Seine Politik des „Wohlstands für alle“ hat sich tief in die Köpfe der deutschen Nachkriegsgesellschaft eingeprägt. Doch wo sich Legenden ranken, ist Skepsis angebracht. Personenkult fordert stets auch Opfer, und diese sind oftmals die eigentlichen Protagonisten großer Taten. Ein typisches Beispiel ist die Geschichte von Edward A. Tenenbaum, einem jungen amerikanischen Leutnant und Finanzexperten, welcher einen entscheidenden Beitrag zum sagenhaften Aufstieg der D‐Mark zum erfolgreichsten Produkt der deutschen Nachkriegsgeschichte geleistet hat. Tenenbaum kann mit guten Gründen als der eigentliche Vater der D‐Mark gelten.
In Amerika ist Tenenbaum nur einem kleinen Kreis von Spezialisten bekannt. Eine Ausnahme bildet der renommierte amerikanische Finanzhistoriker Charles P. Kindleberger (1910–2003), dem die Autoren dieses Beitrags für wichtige Quellenhinweise zu Dank verpflichtet sind. Die Währungsreform von 1948 wird in erster Linie mit General Lucius D. Clay, dem Währungsreformplan von Colm, Dodge und Gold‐smith sowie mit Ludwig Erhard in Verbindung gebracht. Milton Friedman etwa be‐ zeichnete in seinem Buch Free to choose die deutsche Währungsreform als ein Werk Erhards, was die Witwe Tenenbaum in einem Leserbrief an die New York Review von 1980 einen historischen Unsinn nannte. In Deutschland ist Tenenbaum zwar ein Begriff, doch schweigt sich die Mehrzahl der Arbeiten zur Währungs‐ und Wirtschaftsreform über seine Bedeutung aus. Weshalb Tenenbaum über lange Zeit weitgehend ignoriert wurde, bleibt spekulativ, solange keine fundierte Quellenanalyse über sein Wirken vorliegt. Dennoch scheint die These zulässig, dass es auf amerikanischer wie auf deutscher Seite offenbar immer noch Mühe bereitet, dass ein 26‐jähriger bisher völlig unbekannter amerikanischer Leutnant jüdischer Herkunft an der Wiege der D‐Mark steht und Größen wie Clay, Dodge oder Erhard in die zweite Reihe verweist.
Tenenbaum wurde 1922 in New York als Sohn jüdischer Emigranten polnischer Abstammung geboren. Nach einem Sprachaufenthalt in der Schweiz studierte er an der Yale‐Universität und promovierte zum Thema National Socialism and International Capitalism, wofür er das Prädikat summa cum laude erhielt. Er beherrschte fünf Sprachen und dazu noch etwas Russisch. In seinem Umfeld galt Tenenbaum als brillanter Kopf, aber als eigensinnig und zu wenig bestimmt in der Wahrung seiner persönlichen Interessen. 1942 wurde Tenenbaum in die Armee eingezogen. Aufgrund seiner starken Kurzsichtigkeit konnte er keinen Dienst an der Waffe leisten und absolvierte eine Offiziersausbildung im Bereich der psychologischen Kriegsführung. 1945 wurde er nach Deutschland entsandt, wo er als erster amerikanischer Offizier das Konzentrationslager Buchenwald betrat. Die meisten seiner europäischen Verwandten waren in Konzentrationslagern umgekommen.
Auf Vermittlung seiner Frau gelangte Tenenbaum in den Stab von Jack Bennett, dem Finanzberater von General Lucius D. Clay. Dort befasste sich der 25‐jährige Tenenbaum 1947/48 als Finanzexperte mit der dringlichen Frage einer Währungsreform und war maßgeblich an der Ausarbeitung des „Emergency Plan for Berlin“ beteiligt, der für das Schicksal Westberlins eine wichtige Rolle spielte. Tenenbaums bestechende Analysen und seine gründlichen Sprachenkenntnisse empfahlen ihn alsbald für höhere Aufgaben, auch wenn sein Vorgesetzter einen gewissen Neid nicht verbergen konnte.
Im November 1947 traf sich Tenenbaum zum ersten Mal mit Erhard, dem Leiter der „Sonderstelle Geld und Kredit“, und seinen Mitarbeitern zu einem längeren Gespräch über die anstehende Währungsreform. Er argumentierte mit erstaunlicher Sicherheit und Fachkenntnis und drängte auf eine unverzügliche Umsetzung der Währungsreform. Erhard stimmte zu, gab allerdings zu verstehen, dass die Ausarbeitung der Details den Deutschen zu überlassen sei. Darin sollte er sich allerdings gründlich irren. Der unter seiner Ägide 1947/48 ausgearbeitete Homburger Plan, der offizielle deutsche Währungsreformplan, wurde von den Alliierten nahezu vollständig übergangen. Tenenbaum selbst hielt den Homburger Plan für unausgewogen und, was die Liquidierung der Reichsschuld betrifft, für zu wenig radikal.
Die deutschen Experten, die sich von April bis Juni 1948 im „Konklave von Rothwesten“ an der organisatorischen und technischen Durchführung der Währungsreform für Westdeutschland beteiligten, glaubten anfänglich, deren inhaltliche Bestimmungen im Sinne des Homburger Plans beeinflussen zu können. Groß war deshalb die Ernüchterung und die Diskussion auf deutscher Seite, als Tenenbaum, der Wortführer und Koordinator der Veranstaltung, einen zwischen den Alliierten ausgehandelten Entwurf zur Währungsreform sowie der entsprechenden Gesetze vorlegte, nach denen die Arbeiten zu gestalten waren. Tenenbaum verstand es geschickt, das 25‐köpfige Gremium alliierter und deutscher Experten zu raschen Taten anzutreiben und mit den Finanzberatern und -experten auf alliierter und deutscher Seite zu verhandeln.
Tenenbaum war der eigentliche Manager der Währungsreform, sagte der damalige Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer 1998 in einer Rede anlässlich des 50. Jahrestags der Währungsreform: „Das Konklave war keine Marginalie. Es war ein entscheidender Faktor für die erfolgreiche Umsetzung der Währungsreform.“ Tenenbaum habe „dem deutschen ‚Elfer‐Rat‘ von Rothwesten alles abverlangt, ihn zur Effizienz getrieben“, so Tietmeyer.
Von seinem Vorgesetzten erhielt Tenenbaum einen weiten Handlungsspielraum, nicht zuletzt, weil er sich in allen Sprachen mühelos ausdrücken konnte. Am 8. Juni lagen die „Gesetze zur Neuordnung des Geldwesens“ sowie weitere Durchführungsverordnungen, Merkblätter und weitere Unter‐ lagen druckreif auf dem Tisch. Die neue Währung hieß Deutsche Mark. Dieser Name wurde bereits im Währungsreformplan der Amerikaner provisorisch verwendet. In seiner unveröffentlichten Schrift The German Mark schreibt Tenenbaum hingegen, dass er den Namen „D‐Mark“ gegenüber den Alternativen wie „Mark“, „Taler“, „Batzen“, „Neumark“, „Goldmark“, „Schilling“, „Warenmark“, „Kaufmark“ vorgeschlagen habe und dieser schließlich gewählt wurde.
Unter den deutschen Sachverständigen war die Verärgerung über die Missachtung ihrer Bedenken und Einwände beträchtlich. In einer Resolution vom 8. Juni 1948 an die Finanzberater der drei Militärregierungen wollten sie es deshalb vor der Geschichte festgehalten haben, dass sie für die Geldreform keinerlei Verantwortung übernähmen, weil ihre Arbeit lediglich technischer Natur gewesen sei. Vielmehr hätte „die Besonderheit der deutschen Verhältnisse unter politischen, sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten eine wesentlich an‐ ders geartete Lösung verlangt.“ Auch an Erhard ging der Alleingang der Alliierten unter der Führung Tenenbaums nicht spurlos vorüber. Im Beileidstelegramm zum Tode von Edward A. Tenenbaum im Jahr 1976 schrieb Erhard dessen Witwe jedoch, dass er und Tenenbaum in völliger geistiger und wissenschaftlicher Übereinstimmung die Währungsreform geschaffen hätten.
Der 20. Juni 1948 war für die westdeutsche Bevölkerung einer der bedeutendsten Tage seit Kriegsende. Die Währungsreform war vollendet, die Deutsche Mark ersetzte die Reichsmark. Mit 40 Mark „Kopfgeld“ für jeden begann der Mythos der D‐Mark, entstand ein neues Lebensgefühl des Konsums und des materiellen Wohlstands. Eine rege Spartätigkeit der Bürger verlieh den Banken genügend Liquidität für industrielle Investitionen. Die Kombination von Währungs‐ und Wirtschaftsreform, neuen Technologien im Industrie‐ und Agrarsektor sowie einer ungebrochenen Schaffenskraft der Bevölkerung machten Westdeutschland binnen Jahrzehnten zur zweitgrößten Handelsnation der Welt und zur führenden Wirtschaftsmacht Europas. „Made in Germany“ wurde zu einem Qualitätssiegel erster Güte, die Deutsche Mark zu einer gesuchten, weil harten und verlässlichen Währung. Die Währungsreform von 1948 hatte dazu die Grundlage geschaffen.
Nach dieser kurzen und höchst produktiven Phase im jugendlichen Alter erlitt Tenenbaums Lebenslauf einen markanten Bruch. Zurück in New York erhielt er weder von der Regierung noch von der Armee eine vielversprechende Position zugewiesen und betätigte sich als freier Finanzberater für AID, IWF, die Weltbank und andere Organisationen. Ende der 50er‐Jahre schrieb er ein Buch über die Geschichte der D‐Mark, das wegen fehlenden verlegerischen Interesses noch immer unvollendet in der Truman Library lagert. Tenenbaum starb 1976 bei einem Verkehrsunfall.
Als der Finanzberater von General Clay, Jack Bennett, einmal die Sorge äußerte, dass die Währungsreform als eine deutsche Leistung in die Geschichte eingehen könnte, erwiderte Tenenbaum lakonisch: „Who cares who gets the credit.“ Selbst wenn es gegen seine Überzeugung geschähe, hat Tenenbaum einen Ehrenplatz in der deutschen Wirtschaftsgeschichte der Nachkriegszeit verdient.

Robert Nef ist Präsident des Liberalen Instituts und Mitherausgeber der Schweizer Monatshefte. Bernhard Ruetz ist Geschäftsführer des Vereins für wirtschaftshistori‐ sche Studien in Zürich.

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