Familie Berolzheimer

Spendable Patrioten

von Tobias Asmuth

Es hat lange gedauert, bis die Deutschen den Verlust wahrnahmen, den das Verschwinden des jüdischen Großbürgertums für die Gesellschaft und besonders für die Künste bedeutete. Selbst als das ausgelöschte jüdische Leben in Deutschland wiederentdeckt wurde, blieben Existenz und Wirken jüdischer Unternehmer und Bankiers lange kaum beachtet. Dem Zeitgeist der ideologischen 70er und postmodernen 80er Jahre war alles Bürgerliche als verstaubtes Relikt des 19. Jahrhunderts suspekt. Aber nicht erst seit der von feuilletonistischen Sinnsuchern ausgerufenen Mo- de der »Neuen Bürgerlichkeit« sind die Liebermans und Rothschilds feste Größen im Diskurs des Kulturbetriebs: zum einen als Vertreter eines verfeinerten kunstsinnigen Publikums, dessen Fehlen proletarische Städte wie Berlin mit fortschreitender Verlotterung bezahlen, zum anderen als Vorbilder eines herbeigesehnten Mäzenatentums in Zeiten knapper städtischer Kassen.
»Geschenkt!« So heißt die Ausstellung des Jüdischen Museums Franken in Fürth, die die Geschichte der Familie Berolzheimer erzählt und der es eindrucksvoll gelingt, jüdische Stifter als Bürger in ihrer Zeit zu zeigen, die großzügig schenkten und solidarisch spendeten, ohne die schwierigen gesellschaftlichen Verhältnisse auszublenden.
Die Grundlage für den raschen wirtschaftlichen Aufstieg der Familie legte Daniel Berolzheimer 1855 mit der Gründung der Bleistiftfirma Berolzheimer & Illfelder in Fürth. Nach seinem frühen Tod stieg sein Sohn Heinrich mit nur 23 Jahren in die Firma ein. Da der heimische Markt durch die konkurrierende Firma Faber-Castell aus dem benachbarten Stein schon abgedeckt war, setzte der junge Mann auf den Export ins europäische Ausland und die USA. Mit Wagemut und Esprit machte er den väterlichen Betrieb in kurzer Zeit zu einem florierenden Unternehmen. Schon 1869 gründete Heinrich in New York die Bleistiftfabrik Eagle Pencil. Mit der Verlagerung in die sich stürmisch industrialisierenden Vereinigten Staaten erschloss er einen neuen großen Absatzmarkt und um- ging die hohen amerikanischen Schutzzölle. Bis 1889 reiste er zwischen Amerika und Deutschland hin und her, übergab dann die Leitung der Eagle Pencil Company seinen Söhnen Emil und Philipp und kehrte in seine fränkische Heimat zurück, wo er sich in Nürnberg niederließ.
Lange hatten Juden wie Heinrich Berolzheimer dafür kämpfen müssen, Deutschland als ihre Heimat betrachten zu dürfen. Bis weit über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus konnten sie weder wohnen, wo, noch arbeiten, was sie wollten. Für gewöhnlich machten die Stadtgesellschaften ihnen auch das Recht streitig, sich am Aufbau kultureller und sozialer Einrichtungen für die gesamte Bürgerschaft zu beteiligen. So fragte sich 1821 der Frankfurter Dichter Ludwig Börne, dem die Lesegesellschaft bis 1848 die Mitgliedschaft verwehrte, resigniert: »Warum bloß darf kein Jude die nützlichen Künste befördern helfen?« Vor dem Hintergrund dieses Wunsches verwundert es nicht, dass nach der rechtlichen Gleichstellung im wilhelminischen Kaiserreich – gleichzeitig die Hochzeit bürgerlichen Mäzenatentums – jüdische Bürger in weit höherem Maße als Stifter tätig waren, als es ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprach. Neben der traditionellen Wohltätigkeit, einem wichtigen Element der jüdischen Religion, treibt der patriotische Stolz, endlich dazuzugehören, jüdische Financiers an. Ihr wohltätiges Engagement macht dabei nicht an Religionsgrenzen halt. Das Fördern der deutschen Kultur und Wissenschaft lässt den Wunsch erkennen, als gleichberechtigte Bürger akzeptiert zu werden: In Frankfurt ermöglichen die Bankiers Rothschild und Speyer den Bau der Universität, in Berlin schenkt James Simon dem Ägyptischen Museum die weltberühmte Porträtbüste der Nofretete. Überall im Reich, ob in Hamburg, Düsseldorf, Leipzig, gründen jüdische Philantropen Stiftungen, spenden für das allgemeine Wohl. In Fürth richtet die Familie Krautheimer der Stadt eine Kinderkrippe ein, finanzieren die Nathans ein Geburtshaus, stiftet Heinrich Berolzheimer 1906 das erste Volksbildungsheim (vgl. Jüdische Allgemeine Nr. 29/06, 20. Juli 2006). Das »Berolzheimerianum« sollte allen Bürgern offen stehen; neben einer öffentlichen Bibliothek und Lesehalle gab es einen prächtigen Veranstaltungssaal, in dem Konzerte und Vorträge stattfanden. Die in der Schau in den originalen Regalen ausgestellten Bücher der Bibliothek stehen für ein aufklärerisches Bildungsideal. Gleichzeitig erinnern sie an den noch heute aktuellen Anspruch der Bücherei: dass Bildung für alle da sein soll. Eine große Sammlung englischsprachiger Bücher schließlich geht auf Spenden der in den USA lebenden Söhne Emil und Philipp zurück, die damit ihre Verbundenheit mit der alten Heimat zeigen.
Ihr Vater Heinrich gehörte auch zu den ersten Förderern des 1910 in Nürnberg eröffneten Künstlerhauses. Neben der finanziellen Unterstützung steuerte er eine Mappe mit 52 Grafiken aus dem 16. Jahrhundert zu der Sammlung bei. Die Ausstellung zeigt Stiche von Albrecht Dürer und Sebald Beham. Anders als manche heutige Sammler, die ihre Schätze öffentlichen Museen häufig nur für einen bestimmten Zeitraum überlassen, um sie nach einer kräftigen Wertsteigerung wieder abzuziehen und auf dem Kunstmarkt zu veräußern, schenkte Berolzheimer dem Haus die Werke. Es offenbart sich darin die besondere Qualität bürgerlichen Mäzenatentums im Kaiserreich: Vermögen verpflichtete zur Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Das bedeutete nicht, dass das Großbürgertum sich – bundesrepublikanisch gesprochen – am Mittelstand orientierte. Sowohl mit seinem sozialen und kulturellen Engagement als auch in der eigenen Lebenswelt strebte es nach Einzigartigkeit und Verfeinerung. Ein leider nicht fertiggestelltes Ölgemälde mit dem Porträt Heinrich Berolzheimers (der während der Sitzungen 1906 starb) drückt diese Haltung aus. Es zeigt das stolze Standesbewusstsein eines Erfolgreichen. Der Fabrikant und Stifter hatte nur wenige Jahre zuvor etwas Besonderes geschafft. 1903 und 1905 wurde er Ehrenbürger der in alter Rivalität verbundenen Städte Fürth und Nürnberg. Jüdische Bürger waren angekommen in der Gesellschaft, die sie nur wenige Jahrzehnte später verstieß und verfolgte. In Fürth wurde 1933 das Berolzheimerianum in »Volkshaus« umbenannt. Ausgerechnet hier wurden in der Pogromnacht jüdische Männer von der SA festgehalten und misshandelt. Von den 1990 jüdischen Bürgern Fürths flohen etwa zwei Drittel, ein Drittel wurde deportiert und ermordet.
Im Eingangsbereich des Jüdischen Museums in Fürth erklingen vom Band leise Beethoven und Schubert. Musik, die einmal im Berolzheimerianum gespielt wurde und aus einer bürgerlichen Zeit des Aufbruchs und Ankommens herüberzuwehen scheint. Heute ist das Haus Spielstätte der Kabarettisten Volker Heißmann und Martin Rassau. Ihre Stücke heißen »Dinner for one – auf fränkisch« und »Allmächtnaa die Franken«.

USA

Machanot trotz Corona

In Neuengland öffnet ein Sommercamp mit besonderen Schutzmaßnahmen

 19.05.2020

Corona-Krise

Fortschritte im Dialog der Religionen

Europäische Rabbinerkonferenz: Gemeinsame Herausforderungen lösen neue Dynamik aus

 14.05.2020

Extremismus

Zentralrat der Juden warnt vor Zunahme von Verschwörungstheorien

Proteste gegen Corona-Beschränkungen locken auch Hassprediger an. Viele sehen darin eine Gefahr

 10.05.2020

Israel

Maskenpflicht verhängt

Coronavirus: Gesundheitsministerium verschärft Vorschriften. Jerusalemer Stadtviertel abgeriegelt

 12.04.2020

London

Kandidaten für den Labour-Vorsitz stellen sich vor

Bewerber beantworten Fragen zu Antisemitismus und zur Ausrichtung der Partei

von Daniel Zylbersztajn  14.02.2020

Thüringen

»Definitiv ein Dammbruch«

Zentralratspräsident Schuster zur Ministerpräsidentenwahl: »Diese Einfallstore müssen wir wieder schließen«

 11.02.2020

Diplomatie

Knatsch zwischen Brüssel und Jerusalem

Israel wirft Belgien systematische Kampagne im UN-Sicherheitsrat gegen den jüdischen Staat vor

von Michael Thaidigsmann  07.02.2020

»Markus Lanz«

Atze Schröder bittet um Verzeihung

Komiker entschuldigt sich bei Schoa-Überlebender Eva Szepesi für Nazi-Verbrechen seines Vaters

 07.02.2020

Rubrik

Zitat der Woche

Jüdische Allgemeine vom 26. September 2019

 10.10.2019