Militärrabbiner

Soldat und Seelsorger

von Wladimir Struminski

Für Oberstleutnant Jitzchak Bar‐Josef ist es ein wichtiger Tag. In einem Ausbildungsstützpunkt in Zrifin, südlich von Tel Aviv, wird heute eine neue Synagoge eingeweiht. Als Oberrabbiner der israelischen Bodentruppen ist Bar‐Josef für das Ereignis verantwortlich. An der Einfahrt steht eine Gruppe von Soldaten. Ein Lautspre‐cherwagen bombardiert das Trommelfell der Wartenden mit frommen Melodien. Dann setzt sich die Prozession langsam in Bewegung. Unter einem Baldachin wird eine in blauen Samt gehüllte Torarolle für das neue Gotteshaus getragen. Die Träger wechseln sich im Minutentempo ab. Auf Rang und Namen wird nur bedingt geachtet. So darf Feldwebel Benjamin Chajun die einhundert Jahre alte Tora‐Rolle noch vor Brigadegeneral Avichai Ronsky, Oberrabbiner der Streitkräfte, ein Stück des Weges tragen. Dann steht die Gruppe vor dem bescheidenen Gotteshaus, das sich äußerlich kaum von den anderen Fertigbaubaracken des Stützpunktes unterscheidet. Die Mesusa wird angebracht. Um 13 Uhr füllt sich die Synagoge erstmals mit Betern: Es ist Zeit für Mincha, das Nachmittagsgebet. Danach kann sich Bar‐Josef wieder anderen Aufgaben widmen.
Und daran mangelt es nicht. Es gibt viel zu tun. Das Militärrabbinat ist die für religiöse Betreuung der Soldaten verantwortliche Einheit der Streitkräfte. Anders als etwa bei der Bundeswehr sind die Seelsorger in die militärische Hierarchie eingebunden und haben reguläre Dienstgrade bis hin zu dem eines Brigadegenerals. In der Einheit dienen über einhundert Rabbiner – viele von ihnen ehemalige Kampfsoldaten – sowie eine Schar von Assistenten. Das Rabbinat ist für drei Aufgaben‐
bereiche verantwortlich, die im Zivilleben getrennt sind. »Erstens«, so Bar‐Josef, »sind wir für Fragen der Halacha zuständig. Zweitens bieten wir religiöse Dienste an. Drittens fallen in unseren Zuständigkeitsbereich auch Bestattungen.«
Für die meisten nichtreligiösen Uniformträger ist das Militärrabbinat trotz solcher Kompetenzballung Nebensache. Viele gehen allenfalls an besonderen Feiertagen zu einer religiösen Feier oder zu den obligaten Vorträgen über das Judentum. Viel höhere Anforderungen werden an religiöse Soldaten gestellt. Diese wollen auch bei der Armee ihr jüdisches Wissen vertiefen. Dafür gibt es Studientage mit den Rabbinern. Die Zahl religiöser Soldaten, so Oberrabbiner Ronsky, weist nach oben. »In manchen Stützpunkten«, sagt der Brigadegeneral, »sind die Synagogen inzwischen zu klein geworden, und die meisten Beter müssen draußen stehen.« Der Dienstalltag stellt fromme Soldaten auch vor halachische Probleme, bei denen rabbinischer Rat gefragt ist. Um die passende Antwort auf jede Frage zu finden, die der Dienst mit sich bringt, unterhält das Streitkräfte‐Rabbinat ein eigenes Halacha‐Institut.
Besonders großes Kopfzerbrechen be‐
reitet den Rabbinern der Schabbat. Grundsätzlich gilt, dass schabbatwidrige Tätigkeiten, die der Lebensrettung dienen, und sei es nur potenziell, bei der Armee wie im Zivilleben erlaubt sind. Alle anderen bleiben verboten. So darf ein Jude den Patrouillenwagen an der Grenze zum Libanon lenken, aber kein warmes Essen an die Wach‐
posten ausfahren. Die nehmen schlimms‐tenfalls das Schabbat‐Essen zum Wachdienst mit. Genauso muss ein frommer Soldat den Empfang eines Sturmgewehrs am Schabbat schriftlich quittieren, da unkontrollierte Waffenausgabe potenziell lebensgefährlich ist. Dagegen bleibt ein am Schabbat empfangener Schlafsack unquittiert.
Weniger Probleme wirft die Kaschrut auf, zu deren Einhaltung die Armee per Befehl verpflichtet ist. Allerdings kommt es auch hier gelegentlich zu Entscheidungsschwierigkeiten, wie zum Beispiel während des Libanonkrieges im vergangenen Jahr: Wegen mangelhafter Versorgung waren israelische Soldaten in der südlibanesischen Kampfzone ohne Nachschub geblieben und brachen örtliche Le‐
bensmittelläden auf. Halachisch gesehen ein erlaubter Schritt. Die Notlage setzte die Kaschrutvorschriften nämlich ebenso wie das Verbot, sich an fremdem Eigentum zu bedienen, außer Kraft. Vor zwei Jahren stellte die Räumung des Gasastreifens das Militärrabbinat vor eine schwere Aufgabe. Es galt, eine halachisch passende Regelung für die Zerstörung von Synagogen und die Umbettung von Toten ins Kernland zu finden. Es war ein offenes Geheimnis, das viele Rabbiner in Uniform in schwere Gewissensnot gerieten. Als Militärs führten sie aber den Befehl aus. Das nehmen ihnen viele Räumungsgegner bis heute übel. Nicht ganz so dramatisch war eine andere, vor dem diesjährigen Pessachfest getroffene Entscheidung des Militärrabbinats. Nachdem sich herausstellte, dass sich kein Hundefutter »koscher für Pessach« beschaffen ließ, wurden die Vierbeiner für die Dauer des Festes pro forma an einen Nichtjuden verkauft.
Das Militärrabbinat ist auch für die religiösen Belange nichtjüdischer Soldaten zu‐
ständig. In der israelischen Armee dienen vor allem drusische und christliche Wehrpflichtige. Bei Letzteren handelt es sich vor allem um Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Ihren Eid leisten die nichtjüdischen Soldaten auf die heiligen Bücher ihrer jeweiligen Religion. In den Lagerräumen des Armeerabbinats sind deshalb Ko‐
ran‐Ausgaben ebenso wie das Neue Testament zu finden.
Seinen Einsatz für die nichtjüdischen Soldaten nimmt Bar‐Josef ernst. »Natürlich kommen sie nicht zu mir mit religiösen Fragen, doch genieße ich als Rabbiner ihr Vertrauen.« Die jüdischen Schriftgelehrten tragen unter anderem Sorge dafür, dass ihre andersgläubigen Kameraden für die hohen Feiertage ihrer jeweiligen Religion pünktlich Urlaub erhalten.
Manchmal sind es scheinbare Kleinigkeiten, die schwer wiegen. »Einmal kam ich während des Ramadan bei beduinischen Fährtensuchern vorbei und fand lange Gesichter vor«, erinnert sich Bar‐Josef. »Wie sich herausstellte, waren sie über das mickrige Buffet enttäuscht, das ihnen am Abend zum Fastenbrechen gereicht wurde.« Nach moslemischer Tradition wird nach Ende des Fastens nämlich üppig gespeist. Kurz entschlossen ging der Rabbiner zur Obrigkeit und mahnte für die Zukunft mehr Großzügigkeit an. »Das«, berichtet der Heeresrabbiner mit Genugtuung, »sagte der Divisionskommandeur auch sofort zu.«

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