Ehud Olmert

So fern und doch so nah

von Detlef David Kauschke

Während Israels Premierminister Ehud Olmert zum Auftakt seines 48-stündigen Deutschlandbesuchs am Montagvormittag das Jüdische Museum in Berlin besuchte, war zu Hause die Stimmung aufgeheizt. Einige hundert Demonstranten blockierten die Ayalon-Schnellstraße, die zentrale Verkehrsachse von Tel Aviv. Die Protestierer waren aus Sderot gekommen, um auf die verzweifelte Lage in ihrer Stadt aufmerksam zu machen. Allein am vergangenen Freitag und Samstag schlugen etwa 40 Kassam-Raketen im israelischen Grenzgebiet ein, zwei Kinder wurden dabei schwer verletzt. Am Tag darauf versperrten wütende Einwohner von Sderot auch die Hauptzufahrt nach Jerusalem und protestierten vor dem Amtssitz des Premierministers, der sich allerdings schon auf dem Weg zum Staatsbesuch befand. Ein De- monstrant schimpfte: »Olmert ist vor uns nach Deutschland geflohen«.
Noch vor seiner Ankunft in Berlin wies der Regierungschef in einem Gespräch mit Journalisten die Kritik an seiner Reise zurück, die auch von Kabinettskollegen im Hinblick auf die Eskalation der Lage in Sderot geübt wurde: »Ich fahre nicht zu meinem Vergnügen nach Berlin«, zitierte ihn die Tageszeitung Maariv. »Die Themen, die ich in Deutschland erörtern werde, sind für die Sicherheit Israels von Bedeutung. Unter diesen Umständen kam es nicht in Frage, den Besuch abzusagen.«
Kanzlerin Angela Merkel sagte dann auch nach dem offiziellen Treffen am Dienstag im Kanzleramt, sie freue sich, dass Olmert trotz aller Schwierigkeiten Zeit gefunden habe, »Deutschland zu besuchen, so dass wir unsere Kontakte intensivieren können«.
Dass gute Kontakte zwischen zwei Staaten auch immer eine Sache persönlicher Beziehungen sind, haben Merkel und Ol-
mert schon häufiger bewiesen. So lud die Kanzlerin ihren Gast noch am Abend vor der offiziellen Konsultation ins brandenburgische Schloss Meseberg ein. Zum Es-
sen überraschte sie ihn mit israelischem Wein von »hervorragender Qualität«, wie ihr Olmert später bescheinigte und dabei ihre Gastfreundschaft lobte. Beide vereinbarten bei diesem Treffen, dass das Bundeskabinett Mitte März zu einer ersten gemeinsamen Sitzung mit der israelischen Regierung nach Jerusalem reisen wird. Anlass ist der 60. Jahrestag der Gründung des jüdischen Staates. Es wird das erste Mal sein, dass die Bundesregierung außerhalb Europas an einer gemeinsamen Kabinettssitzung teilnimmt. Geplant ist, dass die Kanzlerin als erste deutsche Regierungschefin auch in der Knesset spricht. »Für mich ist es besonders wichtig, dass neben der historischen Verantwortung für die Existenz des Staates Israel unsere bilateralen Beziehungen auch auf eine Plattform gestellt werden, die in die Zukunft blickt«, sagte Merkel.
Ein zentrales Thema der Gespräche Olmerts mit der Kanzlerin – auch bei seinen Begegnungen mit Bundespräsident Horst Köhler, Bundestagspräsident Norbert Lammert und der Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch – war das iranische Atomprogramm. Israel fordert, dass die internationale Gemeinschaft den Druck und die Sanktionen gegen Teheran verstärkt, wobei Deutschland als einem der wichtigsten Handelspartner des Irans eine besondere Rolle zukomme. Olmert betonte, er sei fest davon überzeugt, dass der Iran trotz anders lautender Beteuerungen weiterhin an der Produktion von Nuklearwaffen arbeite. Er würde es begrüßen, wenn es der Diplomatie gelänge, dieses Projekt zu stoppen. Gleichwohl seien andere Optionen nicht auszuschließen. Merkel bekräftigte, dass sie an einer »Doppelstrategie« festhalten wolle: Androhung von Sanktionen, wenn die Forderungen der Internationalen Atomenergiebehörde nicht erfüllt werden, und das Angebot der Kooperation, wenn Teheran einlenkt. »Ich habe immer gesagt, dass ich fest an die Lösung auf diplomatischem Wege glaube«, sagte Merkel.
Zur Frage der israelisch-palästinensischen Friedensgespräche betonte die Kanzlerin, dass die Zeit dränge und man das »Fenster der Möglichkeiten« nutzen müsse. »Wir unterstützen die Bemühungen um eine Zweistaatenlösung.« Olmert hob hervor, er sei gewillt, den Friedensprozess fortzuführen, um auf diese Weise auch »eine Grundlage der Hoffnung zu schaffen«. Gleichzeitig machte er klar, dass Israel entschlossen gegen den palästinensischen Terror vorgehen werde, auch und vor allem gegen den andauernden Raketenbeschuss aus dem Gasastreifen. Während Olmert in Berlin weilte, hatte Verteidigungsminister Ehud Barak in Jerusalem bereits angekündigt, Israel werde seine Luftangriffe und Bodeneinsätze verschärfen. Vize-Regierungschef Haim Ramon drohte mit einer gewaltsamen Entmachtung der Hamas.
Merkel zeigte Verständnis für das israelische Vorgehen. »Wir alle können uns in Deutschland ja nur sehr schwer vorstellen, was es bedeutet, wenn die eigene Bevölkerung angegriffen und in Gefahr gebracht wird.« Sie hoffe, dass die Menschen im Gasastreifen ihren Einfluss nutzen, »diese terroristischen Aktivitäten zu unterbinden, weil es nicht zum Wohle der jeweiligen Bevölkerung ist«.
Bevor er am Dienstagabend wieder nach Israel zurückkehrte, sagte Olmert: »Die israelische Regierung unter meiner Führung ist voll und ganz entschlossen, den Terror, der aus Gasa gegen uns ausgeübt wird, auf jede mögliche effiziente Weise zu beantworten.« Das war wohl auch an die Adresse der Menschen im fernen Sderot gerichtet, wo die Proteste unterdessen weitergehen.

Fussball

Kopfball mit Kippa

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Jan Feldmann  01.04.2026

Podcast

»Arbeiten im Krieg ist eine große Herausforderung«

Zwischen Bomben und Bunker: Wie unsere Korrespondentin in Tel Aviv ihren Alltag erlebt

von Jan Feldmann, Sabine Brandes  01.04.2026

Video

Zwischen Matzen und Kneidlach: Stimmen aus einem koscheren Supermarkt

Kurz vor Pessach: Vorbereitungen auf den Feiertag – Stimmen aus »Kosherlife«

von Jan Feldmann  01.04.2026

Wirtschaft

Iran-Krieg treibt Inflation auf höchsten Stand seit 2024

Teurer Sprit, steigende Preise für Strom und Gas: Die Kämpfe im Nahen Osten haben schon im ersten Kriegsmonat die Verbraucherpreise angeheizt. Bald könnten auch andere Warengruppen betroffen sein

von Alexander Sturm und Christian Ebner  30.03.2026

Die israelische Raketenabwehr hat eine aus dem Libanon anfliegende Terror-Rakete im Visier.

Nahost

Libanon muss jetzt handeln

Die Hisbollah hat äußeren Druck jahrzehntelang in politische Stärke verwandelt. Doch ihr aktueller Legitimitätsverlust ist hausgemacht — und eröffnet dem Libanon erstmals die Chance, das Machtgefüge im eigenen Land zu verändern.

von Leo Benderski  26.03.2026

Berlin

»Grenzen der Erinnerung erweitern«

Argentinien hat von Israel die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen. In der Botschaft des südamerikanischen Landes wurde das mit einer Zeremonie gefeiert

 26.03.2026

Nahost

Israels Kriegsstrategie gegenüber Iran und der Hisbollah

Israels Armee greift Irans Führung unerbittlich an. Es gibt jedoch warnende Stimmen: Die gezielten Tötungen von Anführern könnten das System noch radikaler machen. Welche Ziele verfolgt Israel?

von Sara Lemel  19.03.2026

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026

Jerusalem

Wadephul: Iranische Waffen gefährden »nicht nur Israel, sondern auch uns in Europa«

Bei seinem Besuch bei seinem Amtskollegen Gideon Sa’ar sei es auch um diese Frage gegangen: Wie kann dieser Konflikt irgendwann beendet werden, wenn man dem Iran die entscheidenden Waffen aus der Hand geschlagen hat?»

 11.03.2026