Ilja Richter

»Sind wir nicht seit 5.000 Jahren verwandt?«

von Lutz Debus

Es ist Nachmittag in Düren, einer Kleinstadt bei Aachen. Im Restaurant des Posthotels sitzen drei Menschen an einem Tisch. Ein älterer Herr, eine elegante ältere Dame und als Jüngster, aber inzwischen auch schon grau meliert, der Schauspieler Ilja Richter. Am Abend wird er in der Stadthalle mit »Hello Dolly« gastieren. Vorher nutzt Richter die Gelegenheit, zwei Menschen einander vorzustellen, die ihm seit Jahren viel bedeuten.
Der eine ist Franz Joseph Hall, pensionierter Lehrer, Rheinländer, Katholik. Er erzählt von 1945. Wie seine Familie in Güterwaggons abtransportiert wurde. Die Nazis wollten den vorrückenden Alliierten nichts und niemanden überlassen. So wurden die Überlebenden aus dem nahezu völlig zerstörten Düren ... Hall, sonst wortgewandt, stockt. Er wollte gerade »deportiert« sagen. Stattdessen sagt der 82-Jährige »evakuiert«.
Das andere Wort gehört Ilse Rübsteck, der eleganten Dame. Auch sie ist gebürtige Rheinländerin, auch sie hat ihre Heimat im Güterwaggon verlassen müssen. 18 Jahre alt war Ilse Falkenstein, wie sie damals hieß. »Ich war im Ghetto von Riga«, flüs-tert sie. Eine kleine Pause entsteht, nur gefüllt mit Schweigen. Verlegen versucht der Reporter, das Gespräch fortzuführen. »Ich habe vor Kurzem über eine andere Frau geschrieben, die Riga überlebte.« »Wie heißt sie denn?«, will Ilse Rübsteck wissen. Aber ja, natürlich kenne sie Emmi Mendel. Die Metzgertochter aus Dormagen bei Köln. »Wir haben uns im Ghetto kennengelernt.« Danach kam das KZ Stutthof, der Marsch Richtung Westen, die Befreiung. Wieder ganz leise sagt die 85-Jährige: »Das Schicksal von Frau Mendel ist genau auch meins.«
Ilja Richter erzählt fast sprudelnd, wie er Herrn Hall kennengelernt hat. Der organisierte früher das kommunale Kulturleben von Düren mit. Der Schauspieler und der Lehrer verstanden sich sofort gut. Gelegentlich telefonierte man miteinander. Einmal, es ist inzwischen über 13 Jahre her, rief Franz Joseph Hall an, fragte, wie es seinem jungen Bekannten gehe. »Als ich am Telefon sagte, dass meine Mutter gestorben war, dass es mir miserabel ginge, da hat er nur gesagt: ‚Das habe ich gespürt!‘«, erinnert sich Ilja Richter. Vielleicht war es Schicksal, spekuliert er. Seit dieser Zeit telefonieren die beiden Männer regelmäßig miteinander. »Ich versuche, Ilja zu unterrichten«, sagt Franz Joseph Hall. »Ich auch«, meldet sich Ilse Rübsteck. Hall nickt: »Ja, aber Sie unterrichten die privateren Fächer.«
Auch die erste Begegnung zwischen Ilse Rübsteck und Ilja Richter habe etwas Schicksalhaftes gehabt, sagt der Schauspieler. »Ich hatte ein Gastspiel in jener Seniorenresidenz und spreche von Hunderten von Zuschauern diese eine Dame an.« Und zwar mit den Worten »Sind wir nicht seit 5.000 Jahren miteinander verwandt?« Die so Angesprochene reagierte, erinnert sie sich, zunächst abweisend. »Na, wie Kriemhild sehen Sie zumindest nicht aus«, habe der freche Junge entgegnet. Inzwischen telefonieren die beiden mindestens einmal wöchentlich miteinander. Und immer, wenn Ilja Richter im Rheinland ist, kommt er zu Besuch zu Ilse Rübsteck. Sie selbst hat keine Kinder: »Das hat sich nach all dem nicht mehr ergeben«, sagt Ilse Rübsteck etwas traurig. Ob sie Ilja Richter deshalb quasi adoptiert habe? »Ach was, er hat mich adoptiert!« Fast kichert die alte Dame.
Ilja Richter spricht über seine verstorbene Mutter. Mit falscher »arischer« Identität überlebte die Jüdin die Nazizeit. »Sie wäre jetzt 98 Jahre alt«, rechnet er aus. Er habe den Tod seiner Mutter verarbeitet, versichert der Schauspieler. Der Tod gehöre zum Leben dazu. »Es ist doch schon positiv, wenn man Juden in Ruhe sterben lässt«, versucht er eine sarkastische Wendung und schaut, wie um Bestätigung für diese These zu erhalten, zu Ilse Rübsteck.
Die ist die einzige Überlebende ihrer Familie. Nach 1945 ging sie dennoch zurück nach Deutschland, betrieb in einem kleinen Ort im Rheinland einen Frisiersalon. Später leitete Ilse Rübsteck in Köln das jüdische Elternheim. »Ich habe in den alten Menschen meine Eltern gesehen«, sagt sie mit leicht zitternder Stimme, um dann gleich wieder zu lächeln: »Na, und jetzt sorge ich mich um Ilja!« Wenn er doch nur etwas mehr zur Ruhe kommen würde, sagt sie.
Später, bei der Aufführung von »Hello Dolly«, beobachtet Ilse Rübsteck mit hellen Augen genau, was auf der Bühne geschieht. Singende, tanzende, lachende Menschen. »Ich hätte auch so gern weiter Musik gemacht. Aber mein Akkordeon durfte ich nicht mitnehmen«, flüstert sie in einer kurzen Pause. Fast so begeistert wie von Ilja ist sie von einer mitwirkenden Schauspielerin. »Die kann so herrlich lachen.« Das klingt fast ein wenig neidisch. Lachen und Musik hatten keinen Platz im Zug nach Riga.
Die Vorstellung in der Stadthalle ist vorbei. Ilse Rübsteck muss nach Hause. Bevor sie in das Taxi steigt, ermahnt sie zum Abschied ihren Ilja, doch bitte den Mantel zu schließen und den Schal umzubinden. Es ist kühl geworden in Düren.

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