Juden und die Alpen

Sinai und Sankt Moritz

von Alexander Kluy

»Wer nie bergauf gegangen ist, hat nie gelebt«, hat der Philosoph Vilém Flusser einmal gesagt. Und Walter Benjamin schrieb 1910 aus den Alpen an einen Freund: »Manchmal frage ich mich, wenn ich so die Berge sehe, wozu überhaupt noch die ganze Kultur da ist.«
Juden und die Berge: Das ist eine Beziehungsgeschichte, deren Anfang Hanno Loewy auf Moses und dessen Aufstieg auf den Berg Sinai datiert. Loewy ist Direktor des Jüdischen Museums Hohenems im österreichischen Vorarlberg. Das Haus zeigt bis Oktober die Ausstellung »Hast du meine Alpen gesehen?« über die jüdische Faszination für das Gebirge und die Reaktion der christlichen »Mit- und Gegenmenschen«. Denn: »Die Geschichte der Alpen«, meinte Arnold Zweig einmal, »gibt im Groben und Abgekürzten die Geschichte Europas, das heißt, unserer Gesittung«. Der Satz – eine Art Leitmotiv der Schau – stammt aus dem Buch Die Dialektik der Alpen, das Zweig zwischen 1939 und 1941 verfasste – in Haifa, wohin er vor seinen ehemaligen Landsleuten geflohen war.
Passend zum Thema ist auch die Ausstellung selbst ein Aufstieg. Sie beginnt im Untergeschoss des Museums mit der Geschichte vor 1900. Aus hellen Holzlatten sind Stationen gebaut worden, die hochalpinen Schutzhütten, Unterständen oder Ausblicksstellen nachempfunden wurden, teilweise begehbar sind oder als Halterungen für die Exponate dienen. Plakate sind zu sehen und Fotografien der jüdischen Sommerfrischler Peter Altenberg, Arthur Schnitzler und Felix Salten. Daneben ein Brief Gustav Mahlers an Bruno Walter, worin der Komponist schreibt, dass der Dirigent sich das Höllengebirge am Attersee nicht mehr ansehen müsse, er, Mahler, habe es schon komplett wegkomponiert.
Gewürdigt werden namhafte jüdische Alpinisten wie Paul Preuß, der bekannteste »Freestyler« seiner Zeit, der 150 Erstbesteigungen absolvierte, 1913, gerade 27 Jahre alt, tödlich abstürzte und über den Reinhold Messner ein Buch geschrieben hat. Oder der Münchner Gottfried Merzbacher, der als Kartograf Pionierarbeit leistete. Hinzu kommen Trachten und anekdotische Exponate wie Sigmund Freuds Trinkflasche, Theodor Herzls Tourenfahrrad, der Wanderhut des Psychologen Viktor Frankl, sowie, als beabsichtigter Zeitbruch, ein Kabinett mit zeitgenössischen Collagen des Schweizers Roger Reiss.
Durchs Treppenhaus auf dem Weg nach oben schlängelt sich eine Fotoserie von Patricia Schon und Michael Melcer über Graubünden als Ferienziel chassidischer Juden. Im zweiten Teil der Ausstellung im Dachgeschoss laufen Filme mit dem seinerzeit berühmten Skiläufer Hannes Schneider, den die Nazis als »Juden« beschimpften, weil er ein Freund von Rudolf Gomperz war, dem Pionier des alpinen Fremdenverkehrs. Gomperz lebte seit 1905 in Sankt Anton und rührte die Werbetrommel für den damals noch exotischen Sport Skifahren. Von anderen, unfreiwilligen jüdischen Bergwanderungen berichten Meyer Levins wenig bekannter Dokumentarfilm »The Illegals« von 1947 über die Versuche von Schoa-Überlebenden, nach Kriegsende über die Alpen nach Italien und von dort weiter nach Palästina zu gelangen, sowie Videointerviews mit Flüchtlingen, Fluchthelfern und Schweizer Grenzpolizisten über die (oft gescheiterten) Fluchtversuche aus dem Nazireich in die Eidgenossenschaft. Der Wiener Schriftsteller Jura Soyfer etwa wollte 1938 auf Skiern in die Schweiz fliehen, wurde jedoch von Grenzern verhaftet und ins KZ Buchenwald gebracht, wo er im Februar 1939 starb. Erzählt werden auch die Lebensgeschichten von Juden aus Hohen-ems, die in den Straßen rund um das heutige Jüdische Museum lebten und in den 1940er-Jahren deportiert wurden.
Diskriminierung, Ächtung, Ausgrenzung auch unter »Bergfreunden« setzte aber lange vor 1933 ein. Schon 1899 hatte sich die Sektion Mark Brandenburg des Deutschen Alpenvereins dezidiert »auf völkischer Grundlage« gegründet. Auch ein Eintrag im Gästebuch des noblen Palace Hotels in Sankt Moritz aus dieser Zeit ist bezeichnend. Er lautet: »Gute Gäste – aber Juden.«
Der Antisemitismus mancher Alpenländler scheint bis heute ungebrochen zu sein. Als der jüdische Wiener Schauspieler Miguel Herz-Kestranek im März 2008 mit dem nach dem jüdischen Großindustriellen und Volkskundler Konrad Mautner benannten Trachten-Preis ausgezeichnet wurde, erhielt er einen anonymen Brief mit der Fotokopie einer Karikatur aus der SS-Postille »Das schwarze Korps«, darauf zu sehen ein jüdisches Ehepaar, begleitet von der Bildzeile: »Die einzige Tracht, die man solchen Typen zugestehen soll, ist eine Tracht Prügel!«

»Hast du meine Alpen gesehen?«, Jüdisches Museum Hohenems, bis 4. Oktober 2009 www.jm-hohenems.at

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