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Schriftsteller

Sei Berlin!

von Veronique Brüggemann

Deckenhoch und prall gefüllt sind die Bücherregale. Die Bibliothekslampe spendet mattes Licht in dem kleinen Raum. Und mitten drin sitzen Literaturprofessoren aus Haifa, Basel, Beer Sheva, Doktoranden und Studenten aus Heidelberg. Chaim Beer hört gespannt zu. Der israelische Autor sitzt am Kopf des Tisches. Eine Studentin der Hochschule für Jüdische Studien liest aus seinem neuesten Buch Lifne Ha Makom zu Deutsch Vor dem Ort. Eine Eigenübersetzung, denn die deutsche Version erscheint vermutlich erst 2010.
Die Literaturprofessorin Anat Feinberg ist stolz, denn es ist ihre Studentin, die da liest. Dies geschieht auf der Tagung mit dem Thema »Rück-Blick auf Deutschland: Ansichten hebräischer Autoren«.
Es sei das erste Mal seit 1945, dass sich eine internationale Tagung im deutschsprachigen Raum mit einem großen Thema in der hebräischen Literatur beschäftigt, sagt Feinberg. Nur eine Tagung ausschließlich zu Zeruya Shalev habe es einmal gegeben. »Im Laufe der letzten zehn Jahre sind jede Menge Bücher erschienen, die sich mit Deutschland befassen«, sagt Feinberg. »Nachdem sie anfangs die deutsche Sprache und Kultur boykottiert haben, richten die hebräischen Autoren ihren Blick auf Deutschland – nicht nur auf den Holocaust, sondern auf die ganze deutsch-jüdische Geschichte.«
Beers Geschichten, die heute gelesen werden, handeln von Israelis, die nach Deutschland kommen. In Lifne Ha Makom steht Berlin als Ort der Erinnerung im Mittelpunkt. So erschrecken zwei israelische Intellektuelle am S-Bahnhof in Berlin-Grunewald eine türkische Migrantin, weil sie ihr auf ihre Frage »Wann ist denn euer letzter Zug weg?« mit »1947« antworten. »Für mich eines der wichtigsten Bücher zum Thema Deutschland«, sagt Feinberg.
Kein Ort ist für Israelis so bedeutend wie Deutschland, und weniges prägt das Bild aufwachsender Israelis von Deutschland so wie Literatur. »In meinem Bewusstsein als Kind war Europa ein Ort, der uns Bücher zuschickt«, sagt Beer. Neben Schiller und Goethe übersetzte man vor allem Kästner und Thomas Mann ins Hebräische. »Weil auch sie von den Nazis verfolgt wurden, auch wenn sie keine Juden waren«, erklärt Feinberg »Wir haben als Kinder alle Kästner gelesen.«
Auch ihre Kollegin aus Haifa, Fania Oz-Salzberger erinnert sich: »Mein erstes Bild von Berlin ist aus Erich Kästners Emil und die Detektive, wie Emil und seine Freunde am Nollendorfplatz herumrennen.« Deutschland sei etwas, »nachdem wir uns gesehnt haben, auch wenn wir es nicht wussten«. Die neue Sehnsucht hat nicht allein mit der Schoa zu tun, sondern auch damit, dass die ersten hebräischen Autoren, in Deutschland anfingen. Bialik, Agnon, Tschernikowski, Frischmann: Sie alle schrieben hier vor 1933 ihre ersten Werke. Vor allem in Berlin entstanden mehrere Verlage, die hebräische Bücher druckten. Der Münchner Historiker Michael Brenner spricht sogar von einer Renaissance jüdischer Kultur in der Weimarer Republik. Fania Oz-Salzberger sagt: »Damit später Straßennamen in Tel Aviv nach ihnen benannt wurden, gingen viele Schriftsteller zunächst auf den Straßen Berlins.«
10.000 Israelis lebten derzeit in Berlin, sagt Oz-Salzberger. Junge Israelis kämen zum Studium, auf der Suche nach Selbstbestätigung, ältere kämen mit Erinnerungen ihrer Eltern, aus Büchern und Erzählungen nach Berlin. »Berlins Zeit für uns Israelis ist gekommen. Es kann nicht München oder Hamburg sein, es muss Berlin sein«, glaubt sie. Das liege vor allem an zwei Gründen: Der biografischen Verbindungen vieler Israelis zu Berlin und eben daran, dass hier »die Wiege des Zionismus« war.
Orte wie das Jüdische Museum und das Holocaust-Mahnmal würden in Berlin eine »Karte der Erinnerung« bilden, sagt Oz-Salzberger. »Sie sind ein Kompass für israelische Reisende und lassen sie so seltsam willkommen in einer Stadt sein, die heute ihre dunkelsten Tiefen offen trägt.«
Stand in israelischen Pässen anfangs noch auf Englisch: Gültig für alle Länder, außer Deutschland, so appellierte die Literaturprofessorin aus Haifa in Heidelberg an das Ministerium, jetzt eine andere Anmerkung hinzuzufügen: »Dieser Reisepass ist gültig für alle Städte, besonders Berlin.« Doch nur unter einer Bedingung: »Bringt Bücher mit!«

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