Lebensbalance

Seele, Geist und Kassensturz

von Alexander Krimhand

In unserer modernen Welt des Fortschritts und der vielfältigen Möglichkeiten fallen Menschen, die sich vom weltlichen Vergnügen distanzieren und sich auf die spirituellen Inhalte des Lebens konzentrieren, als etwas befremdlich auf. Dennoch ziehen sie oft neidvolle Blicke der in der Hektik des Alltages versinkenden Menschen auf sich. Das von Sorgen anscheinend kaum gekennzeichnete Leben der Asketen hat bis heute nicht an Attraktivität verloren. Die Möglichkeit, aus den Alltagsverpflichtungen herauszukommen, um mehr Zeit für sich selbst zu gewinnen, scheint sehr verlockend.
Seit Menschengedenken haben sich in vielen Kulturen besondere Gruppen entwickelt, die sich dem asketischen Lebensstil verschreiben, um dem Zustand der moralischen und ethischen Vollkommenheit näher zu sein. Die jüdische Tradition steht solchen Wegen der spirituellen Entwicklung skeptisch gegenüber. In der Schöpfungsgeschichte lesen wir: „… so ward der Mensch ein lebend Wesen“ (1. Buch Moses 2,7). Nach der Lehre der Tora sind die individuellen Leidenschaften, Genüsse und Triebe Grundelemente des lebenden Menschen. Es gehört sich nicht, diese zu bezwingen, vielmehr gilt es, sie richtig zu steuern.
Im längsten Wochenabschnitt der Tora, Nasso, in dem viele verschiedene Themen der jüdischen Tradition überliefert sind, erfahren wir jedoch von der Möglichkeit der Nasirut. Ein Nasir war ein Mensch, der sich freiwillig absonderte, weil er ein höheres geistiges Niveau erreichen wollte. „Die ganze Zeit des Gelübdes seiner Enthaltung gehe kein Schermesser über sein Haupt; bis die Tage um sind, da er enthaltsam sein will für den Ewigen, sei er (sodann) heilig“ (4. Buch Moses 6,5).
Außer sich die Haare nicht zu schneiden gelobte der Nasir, eine Zeit lang keinem Toten nahe zu kommen und keine Traubenprodukte zu sich zu nehmen. Die begrenzte Zeit dieser Gebote und der Umstand, dass sie weder Keuschheit noch den Ausschluss vom aktiven Familien‐ und Gemeinschaftsleben vorsahen, waren die wichtigsten Unterschiede zum Mönchstum anderer Religionen. Im Zeitalter des Tanachs begegnet man etlichen Juden, die sich auf diesen Weg der spirituellen Entwicklung begeben. Der Richter Samson und der Prophet Samuel sind die bekanntesten und die einzigen, die schon vor ihrer Geburt dazu berufen wurden.
Die Einstellung der jüdischen Gelehrten zur Enthaltsamkeit war, obwohl diese sogar der weiteren individuellen religiösen Entwicklung dienen sollte, sehr ambivalent. Allein die Tatsache, dass der Nasir aufgefordert wird, am Ende seiner asketischen Periode Sühnopfer darzubringen, rückt die Nasirut als solche in ein zweifelhaftes Licht (4. Buch Moses 6,14). Viele Lehrer des Talmuds haben in der Enthaltsamkeit einen großen Widerspruch zu den Grundprinzipien der jüdischen Weltanschauung gesehen. Die Selbstausgrenzung mit dem Ziel, sich G’tt zu verschreiben, ist nicht die Idealvorstellung der Tora. Es ist das reguläre und übliche Leben, das den Rahmen liefert, in dem der Mensch nach g’ttlicher Vorstellung leben soll. Als Strafe für die Überschreitung dieser Grenzen erlegen sich die Nasirim die genannten Sühnopfer auf.
Allerdings betont Mosche ben Maimon (Rambam) in seinem religionsgesetzlichen Hauptwerk Mischne Tora den hohen geistigen Wert der Nasirut und erklärt die Sühneopfer damit, dass der Nasir aus dem Zustand der besonderen rituellen Reinheit zurückkehrt. An anderer Stelle warnt er jedoch vor möglichen Konsequenzen dieser Idee. Angesichts der Tatsache, dass Neid, Eitelkeit und Begierde falsche und sittenlose Lebensbegleiter sind, könnte man zu der Ansicht kommen, vollkommene Selbstbeherrschung sei die ideale Lebenseinstellung. Und als logische Konsequenz daraus könnte dann die Idee entstehen, einen völlig anderen Lebensweg einzuschlagen. Diejenigen, die sich dazu entschließen, würden dabei einen großen Fehler begehen. Auch König Salomon warnte vor übertriebenem Eifer: „Sei nicht allzu gerecht und zeige dich nicht überweise, warum willst du dich vereinsamen?“ (Prediger 7,16).
Warum aber bietet die Tora die so widersprüchliche und anscheinend riskante Möglichkeit, eine Zeit lang als Nasir zu leben? Die Antwort auf diese Frage sieht Mosche Isserlis (Rema) in dem versteckten Hinweis über den Nasir, nämlich in der Zukunftsform der Formulierung: „sei er (sodann) heilig“ (4. Buch Moses 6,5). In seinem Werk Torat Haola beschreibt er die Nasirut nicht als Ziel, sondern als Mittel der Vollendung. Falls man sich in den Klemmen der Süchte befindet, bekommt man als ein Nasir die Möglichkeit, sein Leben in eine völlig andere Richtung zu steuern. Das Abtasten der persönlichen Grenzen könne helfen, die Lebensbalance zu finden. Ziel sei es, den persönlichen Mittelweg zu entdecken, auf dem sich die spirituellen und physischen Elemente im Einklang miteinander befinden. Genau aus diesem Grund wählt die Tora die Futurform. Denn die wirkliche moralische Vollendung des Nasirs entsteht erst nach der Zeit der Abstinenz.
In unserem Wochenabschnitt haben wir die Möglichkeit, uns mit einem Nasir auseinanderzusetzen, seine Entscheidung nachzuvollziehen und uns selbst in Hinblick auf die genannten Ideen zu befragen. Und obwohl im modernen Judentum die Institution der Nasirut nicht mehr existiert, besteht weiterhin der Appell, den eigenen Mittelweg zu finden. Es ist hilfreich für jeden, zwischendurch eine kleine Pause einzulegen und sich einer inneren „Inventur“ zu unterziehen, um eine neue geistige Lebensorientierung zu definieren. Dies wird uns dem Ideal der Tora möglicherweise einen Schritt näherbringen.

Der Autor unterrichtet Jüdische Religionslehre in Dortmund, Gelsenkirchen und Bielefeld.

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