„Gebirtig

Schwarz-weiß und nicht ganz koscher

Viele kennen den Namen von Mordechai Gebirtig, der 1877 im polnischen Krakau geboren wurde. Der Dichter und Sänger, oft als „letzter jüdischer Barde“ bezeichnet, konnte den Untergang des polnischen Judentums im Zweiten Weltkrieg nicht mehr besingen – im Juni 1942 wird er in Krakau von den Nazis umgebracht. Sein berühmtestes Lied Es brennt, Brider, es brennt schreibt er allerdings schon 1936 nach dem Pogrom von Przytyk, den einheimische Judenhasser zu verantworten haben.
Der 68‐jährige israelische Dramatiker Joshua Sobol entdeckt Gebirtig, als er 1983 sein Stück Weiningers Nacht verfasst. Der Dichter lässt ihn fortan nicht mehr los: Im Jahr 2000 wird Gebirtig, ein „Märchen mit Musik“, wie Sobol es nennt, in Tel Aviv uraufgeführt. Kurz danach übersetzt Anat Feinberg das Stück ins Deutsche. Dennoch dauert es noch rund sechs Jahre, bis Gebirtig seine deutschsprachige Uraufführung erlebt: als deutsch‐schweizerische Co‐Produktion zwischen dem Kulturzentrum „Kesselhaus“ in Weil am Rhein und dem Neuen Theater am Bahnhof im schweizerischen Dornach.
Als Band konnte der Freiburger Regisseur Klaus Michael Zintgraf das Schweizer Klesmer‐Ensemble Beith Jaffe gewinnen, das eine dichte ostjüdische Atmosphäre auf die Bretter des „Hauses der Volksbildung“ zaubert – mit Gebirtig‐Ohrwürmern wie Hulet, hulet Kinderlach (Freut Euch, Kinder) oder Avrohom der woiler Mavriche (Avraham, der Bettler), die die Musical‐Sängerin Barbara Wäldele auf Jiddisch singt.
Schade nur, dass der Text und dessen Umsetzung nur teilweise mithalten können. Die Kellner Berl (Krishan Krone) und Welwel (Georg Darvas) warten „irgendwo im Osteuropa der Jetzt‐Zeit“ auf eine Hochzeitsgesellschaft und philosophieren dabei über das Leben und ihren geistigen Vater Mordechai Gebirtig. Die Szenen, die während zweieinhalb Stunden folgen, sind eher Bilder als szenische Auseinandersetzung. Die beiden Figuren, die die Abfolge der einzelnen Szenen zusammenhalten müssen, schaffen das nur teilweise: Sie zerdehnen das Spiel vielmehr und machen es oft (noch) langsamer. Über Mordechai Gebirtig erfährt man nur Häppchen, und er bleibt einem an diesem Abend seltsam fremd und unbekannt.
Die Bühne, so das Programmheft, sei ein „Wartesaal der Seele“, in dem sich Arme und Reiche, Orthodoxe und Liberale, Lebemänner und Halbweltdamen tummeln. Die auf dieser Bühne gezeigten Bilder gleiten schnell ins Klischee ab: betende, aber immer gut gelaunte Chassidim, hoffnungslose jüdische Proletarier und schließlich wieder einmal vertriebene Jüdinnen und Juden, die versuchen, sich mit ihrer kargen Habe irgendwie durch die feindlichen Linien nach Palästina durchzuschlagen. Schwarz‐weiß und kaum Grautöne.
Auch die zeitweise ratlose Regie trägt nicht zu einem gesteigerten Unterhaltungswert bei: Die Darsteller stehen sich auf der kleinen Bühne regelrecht auf den Füßen, während sie versuchen, das Krakau der Vergangenheit oder das jüdische Leben der Gegenwart zu zeigen. Zudem ist das Jiddisch einiger Akteure nicht über jeden Zweifel erhaben, was vom begeistert mitgehenden Publikum allerdings ebenso großzügig übersehen wird wie gewisse Längen.
Dabei zeigt Regisseur Zingraf gelegentlich, dass er weiß, wie es geht: Wenn sich etwa die Hochzeitsgesellschaft um den Tisch versammelt und das Besteck mit zunehmendem Stakkato dazu benutzt, auf den eigenen Hunger aufmerksam zu machen, ist das packend und gut umgesetzt, bleibt aber leider Stückwerk.
Gebirtig – das ist nicht „glatt koscher“, sondern „kosher style“. Schade um den bewundernswerten Aufwand und das große Engagement, das das fast 30‐köpfige Ensemble an den Tag legt. Peter Bollag

Wieder am 28./30. September in Weil am Rhein; 18., 20., 27. und 28. Oktober sowie 3. und 4. November in Dornach/Schweiz

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