Chamsa

Schützende Hand

Gegen den Bösen Blick: Chamsa-Amulett Foto: Marco Limberg

Chamsa

Schützende Hand

Die Chamsa soll den bösen Blick abwehren. Der Aberglaube erfreut sich in Israel großer Beliebtheit

von Sabine Brandes  25.09.2008 00:00 Uhr

Juden klopfen nicht auf Holz und haben keine Angst vor schwarzen Katzen. Auch werfen sie kein Salz hinter sich. Unter Leitern spazieren sie lediglich aus Sicherheitsgründen nicht hindurch. Doch auch im Judentum ist der Aberglaube weit verbreitet. Die Überzeugung, kleine Helfer in Form von Amuletten um den Hals, am Schlüsselbund oder an der Haustür könnten Böses abwenden, ist tief verwurzelt.

Aberglaube ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst. Die Überzeugung, ein bestimmtes Verhalten, Gegenstände oder Tiere könnten ein Unglück heraufbeschwören, zieht sich durch sämtliche Gesellschaften und Epochen. Oft gibt es zahllose Deutungsversuche, doch kaum plausible Erklärungen, warum etwa schwarze Katzen auch im 21. Jahrhundert noch manchen Furcht einflößen.

Besonders stark vertreten in den jüdischen Gemeinden war der Glaube an den bösen Blick – und er ist es noch heute. Neid, Missgunst oder auch zu große Bewunderung können ihn entfesseln. Mit dem Augenwink eines besonders grässlichen Zeitgenossen könne die gesamte Menschheit in einen Haufen Knochen verwandelt werden, hieß es im Mittelalter. In Israel hat der Glaube an den bösen Blick vor allem bei Juden nordafrikanischer Abstammung eine zentrale Bedeutung.

Hauptsächlich dient die Chamsa, die offene Hand, oft mit einem Auge in der Mitte, als schützender Glücksbringer. Chamsa ist arabisch, heißt wie das hebräische Wort Chamesch »fünf« und steht für die Finger an der Hand. Sowohl im Judentum als auch im Islam ist die Chamsa das meistbenutzte Amulett für den magischen Schutz. Manche Juden nennen es auch »die Hand Miriams«.

Archäologische Funde beweisen, dass die antiken Hände stets nach unten zeigten und symmetrisch waren, mit einem daumenartigen Finger an jeder Seite. Moderne Versionen aus Keramik, Holz, Glas oder Silber stellen die Hand oft in einer authentischen Form dar. Häufig findet man kurze Segenssprüche oder die Buchstaben Chet und Jud, die das Wort »Leben« und die Glückszahl 18 symbolisieren, in der Mitte.

Besonders zum Tragen kommt der böse Blick bei der Geburt eines Kindes. So baumeln Chamsas in hellblau und rosa von den Verdecken vieler Kinderwagen. Yael Aknin schiebt einen hypermodernen Babywagen vor sich her. Über dem Kopf ihrer drei Wochen alten Tochter schwingen drei große Sicherheitsnadeln voller Anhänger im Miniaturformat. Neben Schnullern, Windeln und Herzen aus pinkfarbenem Plastik sind kleine Händchen aus Metall aufgefädelt.

»Es ist sehr wichtig«, erklärt Aknin, Tochter von Einwanderern aus Marokko, in ernstem Ton, »das Baby vom Tag der Geburt an vor schlechtem Einfluss zu schützen«. Das funktioniere mithilfe dieser Amulette, die mit einem speziellen Segensspruch aktiviert worden sind.
Doch nicht nur die kleinen Helfer sollen vor Unheil bewahren.

Auch Worte müssen sorgfältig gewählt werden. Natürlich findet die junge Mutter ihr Baby wunderschön, hören möchte sie es von Freunden und Familie nicht. »Zu viele Komplimente locken den bösen Blick an.« Also ist sie jedem Bewunderer dankbar, der ihr mitteilt, wie hässlich ihre Tochter doch ist. »Bis sie alt genug ist, sich selbst zu schützen«, so Aknin. »Dann kann man ihr natürlich sagen, sie sei sehr hübsch.«
Verschiedene Quellen in Tora und Talmud geben Hinweise auf die schützende Hand, die über das Leben wacht.

»Deine Rechte, o Ewiger, verherrlicht durch Macht, deine Rechte, o Ewiger, zerschmettert den Feind«, ist im 2. Buch Moses 15,6 zu lesen. In Kapitel 17,16 steht geschrieben: »Die Hand liegt auf dem Thron des Ewigen zum Schwur, dass der Ewige von Geschlecht zu Geschlecht gegen Amalek Krieg führen wird.« Wichtig ist die Bedeutung der offenen Hand: »Aharon hob seine Hände zum Volk hin hoch und gab ihnen den Segen.« (3. Buch Moses 9,22). Der Talmud zitiert Rabbi Jochanan mit den Worten: »Ich stamme von den Nachkommen Josefs ab, denen der böse Blick nicht schaden kann.« An anderer Stelle des Talmud steht indes, »dass dich der böse Blick nur dann treffen kann, wenn du dich um ihn sorgst«.

Heute ziert die kleine Hand mit der großen Bedeutung die meisten Häuser in Israel. Ob über der Eingangstür oder als Schmuck an der Wand – es gibt sie in allen denkbaren Farben, Formen und Verzierungen. Von minimalistisch-elegant aus poliertem Edelstahl über schlicht mit künstlerischem Hauch bis zur kitschigen Variante voller Blüten, Engel, Tiere, Glimmer und Glitzer. Selbst Leute, die mit gutem oder bösem Blick wenig am Hut haben, verzieren ihre vier Wände mit Chamsas. Nach dem Motto: Auch wenn es nicht hilft, schaden kann es ja nicht. Um den Hals vieler israelischer Frauen baumelt die filigrane Variante in glänzendem Silber und Gold, oft mit einem Halbedelstein in der Mitte, der das Auge symbolisieren soll.

Eine beliebte Farbe für die schützende Hand ist ein dunkles, bläuliches Rot. Im Tempel von Jerusalem ist das Scharlachrot, auch rotes Purpur genannt, das wahrscheinlich aus einem wurmähnlichen Insekt (hebräisch Tola’at Schani) gewonnen wurde, für Verzierungen an Priestergewändern und Decken der Kultgegenstände verwendet worden. Die besondere Farbe soll die Menschen daran erinnern, dass auch ein Wurm ein Geschöpf Gottes ist – und somit Bescheidenheit und Demut lehren.

Auch ist historisch belegt, dass der Genuss von großen Mengen Knoblauch nicht nur gegen Vampire, sondern auch gegen den bösen Blick wirken sollte. Sicher war dabei hilfreich, dass sich nach dem Verspeisen der stinkenden Knolle niemand mehr in die Nähe des Abergläubigen wagte – und ihn so auch nicht direkt ansehen konnte.

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