Satellitenfernsehen

Schüsseln voller Träume

von Igor Serebryany

Wladimir Slutzker hat große Pläne. Der Moskauer Unternehmer möchte einen jüdischen Fernsehsender ins Leben rufen und ein Gegengewicht zum muslimischen Sender Al Dschasira schaffen, er möchte Weltnachrichten aus jüdischer Sicht ausstrahlen und die jüdische Gemeinschaft in Russland sowie anderen früheren Sowjetstaaten stärken.
Slutzker ist nicht der Einzige, der ins Schwärmen kommt, wenn er von den Möglichkeiten jüdischen Fernsehens im ehemaligen Sowjetreich erzählt. Von einer großen Fernsehzukunft träumt auch die Chabad-geführte Vereinigung der Jüdischen Gemeinden Russlands. Sie sah unlängst eine Million Dollar für ein Projekt vor, dass die jüdischen Gemeinden des Riesengebiets der ehemaligen Sowjetunion per Nachrichtensatellit miteinander verbinden sollte. Man plante, alle beteiligten Synagogen und jüdischen Institutionen über eine Fernseh-Intranet-Kombination zu verknüpfen, unter anderem auch für die Abhaltung von Videokonferenzen. Und es sollte täglich jüdische Nachrichtensendungen und jüdische Filme geben. Sollte, sollte, sollte. Laut Aussagen des Betreibers des Satellitensenders ist bis heute nichts davon umgesetzt worden.
Das Phänomen eines jüdischen Fernsehens ist neu für Russland. Es gibt auf der ganzen Welt eine Reihe von jüdischen Sendern, die meisten davon in den USA. Der Geschäftsführer von Global Jewish TV, das seit 2005 aus New York sendet, ist Badri Patarkatsischwili, ebenfalls Unternehmer aus der ehemaligen Sowjetunion und Gründer von Imedi, einer Fernsehgesellschaft in Georgien. Weder diesen noch anderen jüdischen Fernsehprojekten gelang es bisher, Al Dschasira und anderen Sendern Zuschauer wegzuschnappen.
»Ein jüdischer Fernsehsender ist von Haus aus ein Nischenprojekt«, sagte Adrian Monc, Professor an der Universität von London. »Ein weltweit ausgerichtetes Projekt kann jährlich leicht 40 bis 60 Millionen Dollar verschlingen, und ich befürchte, Profit ist damit keiner zu machen.«
Das kann sich vermutlich selbst ein erfolgreicher Geschäftsmann wie Slutzker nicht leisten. Der behauptet zwar, dass kein jüdischer Unternehmer, den er aufforderte, in das Projekt zu investieren, abgelehnt habe; doch Slutzkers Weigerung zu sagen, wie viel Geld er beschaffen konnte, legt nahe, dass sein Vorhaben nicht sonderlich realistisch ist. »Das ist ein untrügliches Zeichen, dass das Projekt nur heiße Luft ist«, sagte Michail Savin, Pressesprecher des Russischen Jüdischen Kongresses.
Doch Slutzker ist ein einflussreicher Mann. Seit 2002 sitzt er im Föderationsrat, der zweiten Kammer des russischen Parlaments, und ist stellvertretender Vorsitzender des Parlamentsausschusses für religiöse Gruppen und ethnische Politik. Und für kurze Zeit war Slutzker Vorsitzender des Russischen Jüdischen Kongresses.
Nikolai Amiridze, ehemaliger Produzent des ersten Kanals beim russischen Staatsfernsehen, weiß aus erster Hand, wie schwierig es ist, einen neuen Sender aus der Taufe zu heben. Er ist Generaldirektor von Shalom-TV, einem weiteren geplanten russisch-jüdischen Fernsehsender, der bislang allerdings nur auf dem Papier existiert. Amiridze, der auch den Namen Amir Alperstein führt, traf sich kürzlich mit Mitarbeitern einer Agentur für Fernsehproduktionen in seinem winzigen Büro in einem jüdischen Kindergarten im Zentrum von Moskau. »Wir haben eine Vereinbarung unterzeichnet: Die Agentur versorgt uns mit Studio und Personal«, erläutert er, während er einen dicken Akten- ordner voller offiziell aussehender Papiere hervorzieht. »Wir haben einen Vertrag mit einem Nachrichtenunternehmen, das uns einen Satelliten vermietet, der ganz Eurasien abdeckt, Israel eingeschlossen.«
Amiridze kalkuliert für sein Projekt zwei Millionen Dollar im Jahr. Er geht von 350.000 Teilnehmern aus und hofft, Satellitenschüsseln kaufen zu können, nachdem Shalom begonnen hat, täglich vier Stunden zu senden. Wenn er 200 Dollar pro Minute für Werbung zugrunde lege, rechnet er vor, mache er vier Millionen Dollar Gewinn im Jahr. Doch trotz dieses Geschäftsplans hat niemand in Shalom-TV investiert.
Amridize hat mit den Mitarbeitern des russisch-israelischen Magnaten Lev Leviev Kontakt aufgenommen und mit Slutzkers Leuten sowie auch mit Medienunternehmen in Israel: »Alles vergebens«, seufzt er. »Man stimmt mir zu, das Projekt sei vielversprechend, aber damit hat es sich. Andere sehen in mir nur die Konkurrenz, obwohl es mir doch nur um die jüdische Sache geht, nicht ums Geldmachen.«
Das sagen alle. Auch Slutzker, der vor ähnlichen Hindernissen steht, weist finanzielle Ambitionen weit von sich und betont, sein oberstes Ziel sei es, dem jüdischen Volk zu helfen. »Im heutigen Russ- land ist es trotz des im Volk weit verbreiteten Antisemitismus im Gegensatz zu So- wjetzeiten leicht, Jude zu sein«, sagt Slutzker. Das Problem sei vielmehr, dass die jüdische Gemeinschaft gespalten sei. »Wir müssen einen gemeinsamen Informationsraum schaffen. Das Fernsehen könnte unser Volk einen.«

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