gewissensfrage

Schüler dringend gesucht

In Hamburg haben in diesem Frühjahr zehn Schüler ihre mündliche Abiturprüfung im Fach »Jüdische Religionslehre« abgelegt. Ein Fach, das in vielen Städten schulübergreifend von den Gemeinden angeboten wird, um auch Schülern von staatlichen Schulen die Auseinandersetzung mit der jüdischen Re-
ligion zu ermöglichen. Aber nicht in jedem Bundesland ist der Unterricht staatlich anerkannt.
In die Organisation der Hamburger Abiturprüfungen ist auch Ruben Herzberg eingebunden, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde und selbst Schulleiter an einem staatlichen Gymnasium. »Die Zahl der Schüler schwankt. Aber es sind immer deutlich über 50 oder 60«, berichtet er. Alleine den Oberstufenkurs besuchen mehr als 30 Schüler. Wegen des vollen Stundenplans treffen sie sich alle drei Wochen sonntags zum Intensiv-Unterricht. Zwischen den einzelnen Treffen korrespondieren sie mit ihrem Lehrer, Rabbiner Joel Berger, per E-Mail.

konfessionsübergreifend Auch Kon-
fessionslose, Christen und Muslime nehmen in Hamburg am jüdischen Religionsunterricht teil. »Die sind aber deutlich in der Minderheit«, sagt Herzberg. Die meis-
ten Schüler kommen aus jüdischen Familien und wollen mehr über ihre Religion und die jüdische Tradition lernen. »Für die ist es praktisch, dass sie dafür auch noch versetzungsrelevante Noten bekommen.«
Voraussetzung dafür, dass es Noten gibt und dass auch nichtjüdische Kinder teilnehmen dürfen, ist die staatliche Anerkennung des Unterrichts. Das ist in Hamburg, Bayern, Berlin und Nordrhein-Westfalen der Fall, nicht aber in Sachsen. Im Zeugnis finden die Schüler nur eine Teilnahmebestätigung. »Die jüdische Religion ist in Sachsen absolut benachteiligt«, kritisiert die Religionslehrerin Ruth Röcher, »das ist fast ein Skandal. Zumal die christliche Religion hier auch in der Minderheit ist und trotzdem bis zum Abitur anerkannt wird.«
Seit 1994 pendelt Ruth Röcher zwischen Chemnitz, Dresden und Leipzig und gibt jüdischen Religionsunterricht.
Laut Kultusministerium müssen für eine staatliche Anerkennung mindestens acht Schüler von zwei Jahrgangsstufen zu-
sammenkommen – von einer Schulform. Ein Teufelskreis: Ohne Noten kommen wenig Schüler – und bei wenigen Schülern gibt es keine Noten. Zurzeit unterrichtet Ruth Röcher rund 70 Kinder und Jugendliche aus 35 Schulen in drei sächsischen Städten. Aber jedes Mal zittere sie davor, wie viele Schüler es im neuen Schuljahr sein werden. »Gerade russisch-stämmige Familien bringen ihren Nachwuchs zwar zum Gesangs- und Tanzunterricht, aber nicht zum Religionsunterricht.«

pluralismus Beim Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Westfalen-Lippe ist Rosa Rappoport seit dem Schuljahr 2004/05 Religionslehrerin und unterrichtet in Dortmund, Bochum und Recklinghausen. Das Angebot besteht seit fast 20 Jahren und hat sich mittlerweile in den Gemeinden etabliert. »Natürlich machen wir Werbung für den Unterricht«, berichtet Rappoport. Sie will bei den Schülern vor allem das Interesse für ihre jüdische Herkunft wecken. Dabei legt sie großen Wert darauf, alle Seiten des »pluralistischen Judentums« zu zeigen. »Ich wünsche mir, dass meine Schüler irgendwann in den Gemeinden aktiv werden«, sagt sie.
Auch in Duisburg ist der jüdische Religionsunterricht staatlich anerkannt und wird benotet. Rund 50 Kinder und Jugendliche nehmen derzeit an ihm teil. Zu wenige, meint Michael Rubinstein. Er möchte die Anzahl der Schüler gerne verdoppeln. Zum einen hofft der Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde, dass sich die bevorstehende Gründung eines Kindergartens positiv auswirkt. »Wenn sich die Kinder bereits vor der Einschulung mit der jüdischen Religion beschäftigen, machen sie danach vielleicht weiter«, mutmaßt Rubinstein. Zum anderen soll der Religionsunterricht umstrukturiert und zum Beispiel mit Schabbatfeiern für Kinder ver-
bunden werden: »Es hilft nichts, wenn die Kinder alle Buchstaben können, aber keinen Praxisbezug haben.«

werbung Jeweils zwei Jahrgangsstufen lernen zusammen. Die Kleinen im Gemeindezentrum und die Größeren in einem nahe gelegenen Gymnasium. Häufig sei es schwierig, die Eltern für die religiöse Erziehung des Nachwuchses zu begeistern, berichtet Rubinstein. Die Gemeinde rührt deswegen die Werbetrommel und schaltet Anzeigen in der Gemeindezeitung. Schwierigkeiten bereitet den Duisburgern auch die Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre. »Mehr Unterricht, mehr Leistungsdruck, da bleibt wenig Zeit für Zusätzliches«, weiß Rubinstein. Und der Religionsunterricht ist zusätzlich.

lehrermangel Ein weiteres Problem sei der Mangel an qualifizierten Lehrern. Der Geschäftsführer der Gemeinde hat sich deswegen zu einem ungewöhnlichen Aufruf entschieden: Die Jüdische Gemeinde Duisburg vergibt an denjenigen ein Stipendium, der sich verpflichtet, anschließend mindestens drei Jahre in der Stadt zu unterrichten. An Lehrern mangelt es in Essen nicht. Staatlich anerkannten jüdischen Religionsunterricht gibt es trotzdem nicht. »Wir wollen das schon seit einiger Zeit anbieten und führen Gespräche mit der Stadt und dem Schulamt«, berichtet Hans-Hermann Byron vom Vorstand der 900 Mitglieder zählenden Gemeinde. Er hofft, dass sich dann auch mehr Kinder und Jugendliche für den Unterricht interessieren – bislang nehmen nur zehn Schüler das außerschulische Angebot wahr. Gründe dafür sieht Byron vor allem bei der Einstellung der Eltern: »Wenn die Kinder zu Hause diesbezüglich keine Unterstützung kriegen, kommen sie auch nicht zu uns.«

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