Inna Louchanskaja

»Schön, wenn man gebraucht wird«

Hinter mir liegen bewegte Wochen. Mein Enkelsohn aus Kanada – er ist 20 Jahre alt – war zu Besuch, wir haben viel unternommen. Und meine Arbeit in der Gemeinde ist liegen geblieben. Nun ist wieder Alltag, und ich bekomme »telefonischen Besuch« von Kranken aus unserer Gemeinde. Ein Mann ruft nach seiner Herzoperation an. Er möchte wissen, was er jetzt tun muss, wie er sich verhalten soll. Später rufe ich eine Frau im Krankenhaus an, frage, wie es ihr geht. Dann muss ich noch mit einem Pflegedienst über eine russische Frau reden. Sie müssen ihr dringend helfen. Viele unserer Leute sind aus der Ukraine, sie haben oft Krebs als Folge des Unglücks von Tschernobyl. Sie brauchen die Zuwendung, das Gespräch. Ich habe dafür den Verein »Bikkur Cholim« gegründet, wir machen Krankenbesuche. Die Leute sind meist alt, sprechen nur Russisch, sie sind sehr allein. Die Leute, die nicht mehr raus können, besuchen wir auch zu den Feiertagen. Im Verein haben wir eine Ein-Euro-Jobberin, sie hilft mir als Dolmetscherin und geht auch mit zum Arzt. Ich bin ja selber Ärztin gewesen, Kardiologin, aber medizinisch darf ich hier nicht arbeiten. Es ist eine menschliche Beratung, die wir geben.
Drei bis vier Mal in der Woche nehme ich mir dafür Zeit. Ich mache das im Gemeindezentrum, dort kann ich vieles organisieren. Es gibt da viele Zimmer, wir können auch Leute einladen. Mein Arbeitszimmer habe ich zu Hause in einer Ecke, da steht mein Schreibtisch. Vor Kurzem habe ich einen Computer geschenkt bekommen, aber damit zu arbeiten muss ich erst lernen. Demnächst werde ich einen Kurs besuchen. Für den Internetanschluss habe ich schon mehrere Angebote bekommen.
Auf den Verein bin ich schon ein wenig stolz. Im vorigen Jahr haben wir etwa 500 Besuche gemacht, nicht nur bei den Zuwanderern, sondern auch bei den wenigen deutschen Juden in Chemnitz. Letzten Winter habe ich darüber in Dortmund einen Vortrag gehalten und einen Film gezeigt. Auch unsere russische Zeitung hat darüber berichtet.
Donnerstagvormittag ist immer Deutschunterricht in unserem Gemeindezentrum. Die Stunden hält ein Chemnitzer Lehrer. Er spricht nur deutsch mit uns. Wir lesen, übersetzen, machen mündliche Übungen. Anhand von kleinen Texten aus der Zeitung erfahren wir Interessantes über Chemnitz. Zuletzt beschreiben wir Kunstbilder. Ich gehe sehr gern zum Unterricht, früher war es zwei- bis dreimal in der Woche, jetzt nur einmal. Ich weiß, eine Stunde ist nicht viel, ich müsste mehr machen, aber die Zeit! Ich habe diese vielen Ehrenämter, da bleibt keine Zeit für den Unterricht. Da muss ich eben mein Wörterbuch vorholen, wenn ich nicht weiter weiß. Das ist keine Schande, das Wörterbuch begleitet mich überall hin, auch wenn ich bei den Krankenbesuchen etwas für den Arzt übersetzen muss. In meinem Alter, mit 70, noch eine neue Sprache zu lernen, ist nicht einfach – ich denke, dass ich nach den Sommerferien wieder öfter zum Unterricht gehen werde.
Am Nachmittag bin ich mit Frau Aris, unserer stellvertretenden Gemeindevorsitzenden, im Heckertgebiet bei der Caritas im Treffpunkt für Migranten zu einem Gespräch über den Holocaust. Sie erzählt über ihre Erlebnisse in Dresden, ich über meine in der Sowjetunion. Es ist das erste Mal, dass ich mit der Caritas so ein Gespräch organisiert habe. Ich wusste gleich, wen ich mitnehme, denn es gibt nur wenige, die erzählen wollen und können … Es sind junge und alte, russische und deutsche Menschen da, es gibt viele Fragen. Das ist gut. Die Leute müssen wissen, was der Holocaust war. Wir hatten auch im letzten Jahr am 9. November eine gute Veranstaltung zu diesem Thema und im April das erste Schoa-Gedenken in unserer Gemeinde. Das war sehr berührend. Ich habe den Film darüber bei der Caritas gezeigt.
Die Schoa-Erinnerung gehört dazu, wenn man ins Judentum hineinwachsen will. Genau wie der Schabbat, da wird nicht gearbeitet. Zum Gottesdienst gehe ich immer Freitagabend. Solange ich meine kranke Mutti betreut habe, konnte ich das nicht regelmäßig tun. Da war ich überhaupt wenig in der Gemeinde. Jetzt ist die ehrenamtliche Arbeit mein Leben, meine Seele. Seit einem Jahr haben mein Mann und ich eine neue Wohnung, sie ist nahe der Synagoge.
Ich lebe dieses jüdische Leben ganz bewusst, seit ich in Deutschland bin. Inzwischen fühle ich mich als Chemnitzer Jüdin. Das ist ein ganz anderes Leben, aber für Juden sehr wichtig. In der Sowjetunion habe ich selber wenig darüber gewusst. Als Kind habe ich noch von meiner Großmutter erfahren, welche Feste es gibt, doch dann wurden sie nicht mehr gefeiert. Wir sind im Krieg von Kiew in den Ural, nach Tscheljabinsk, geflohen. Der Antisemitismus wurde aber nach dem Krieg noch schlimmer. Als Deutschland Anfang der 90er-Jahre die Tür öffnete, sind wir gegangen: meine Mutti, mein Mann und ich. Ich wollte nach Israel, aber die beiden waren sehr krank, es wäre für sie zu heiß dort gewesen. Meine beiden Töchter leben mit ihren Familien in Kanada, es geht ihnen gut. Doch für ältere Menschen ist es in Deutschland besser. Hier gibt es ein gutes Gesundheitswesen, es ist ein intelligentes Land, die Regierung tut etwas gegen Antisemitismus.
Am Sonntag ist wieder ein Krankenbesuch dran, diesmal in der Küchwald-Klinik. Ich nehme mir Zeit zum Reden, nehme ein Geschenk mit. Jedes Gespräch ist individuell – ich kenne alle, mit denen ich spreche. Ich sehe, ob der Mensch fröhlich oder traurig ist, erzähle aus dem Leben, aus der Gemeinde, frage, wen er sehen möchte. Wenn ich merke, dass mein Gegenüber etwas fröhlicher geworden ist, dann habe ich ein bisschen zur Besserung seiner Situation beigetragen.
Meinem Mann geht es gesundheitlich besser, seit er operiert wurde. Da versuchen wir, täglich ein Stück im Stadtpark zu laufen. Der Park ist sehr schön, überhaupt wohnen wir in einer angenehmen Gegend. Mir gefällt es hier. Ich bin in Chemnitz keine Fremde, weil ich viel mit Menschen zu tun habe. Nur mit den Nachbarn bin ich noch nicht richtig warm geworden. Mehr als »Guten Tag« reden wir nicht miteinander – schade. Ich würde sie gern einladen, aber ich glaube, sie wissen nicht, worüber sie mit uns sprechen sollen. Das geht wohl vielen Deutschen so. Für sie sind wir Fremde, »Russen« eben.
Zum fünften Jahrestag unserer Synagoge vor einigen Wochen kamen ein paar Einheimische in die Gemeinde. Wir hatten ein Fest und eine Ausstellung vorbereitet. Boris Ostrowski hatte sie richtig künstlerisch gestaltet. Ich habe Fotos gezeigt von meiner Arbeit. Morgen trifft sich der Gesundheitsklub, den muss ich noch vorbereiten.
Den Klub habe ich vor sechs Jahren gegründet. Das ist eine ganz wichtige Sache. Voriges Mal hatten wir das Thema Herzinfarkt, da waren 40 Leute da. Morgen steht Zuckerkrankheit auf der Tagesordnung. Für den Vortrag habe ich einen Spezialisten gewonnen. Es geht um Prophylaxe und um richtiges Verhalten bei Diabetes. Oft wird die Frage gestellt: »Was darf ich essen?« Der Arzt rät auch zu viel Bewegung. Der Vortrag dauert 75 Minuten, doch da ist die Veranstaltung noch nicht zu Ende. Die Leute sprechen hinterher miteinander, wollen manches auch von mir wissen. Es ist schön, wenn man gebraucht wird. Ich wollte immer in meinem Leben helfen. Ich glaube, ich habe das Richtige gemacht.
Ich bin eine freie Frau, und ich bin sehr glücklich, dass ich hier in Deutschland, in Chemnitz lebe ... Doch einen Wunsch habe ich noch: Ich war schon in Italien und da und dort, habe die Kinder in Kanada besucht, aber ich würde gern noch mal nach Tscheljabinsk fahren. Ich würde in das Krankenhaus gehen, wo ich bis zu meiner Ausreise 1997 gearbeitet habe. Nur einen Tag lang möchte ich noch mal dorthin, meine Freunde und Kollegen wiedersehen, und dann zurückkehren. Doch leider ist die Reise sehr teuer und meine Rente nur sehr klein.

Aufgezeichnet von Gisela Bauer.

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