Schoa-Überlebende

Schmerztherapie

von Lisa Borgemeister

Das Ende kam abrupt. So zumindest werden es einige der rund 100 Zuhörer empfunden haben. »Sie hören einfach auf, ich bin sehr überrascht«, kritisierte eine Frau mittleren Alters, die das Publikumsmikrofon im Mittelgang als Erste erreicht. Zustimmendes Nicken in den Reihen. Anderthalb Stunden hat Mario Erdheim über die Bedeutung der Migration in jüdischen Lebensentwürfen referiert, beginnend mit dem Auszug aus Ägypten bis hin zur Auswanderung europäischer Juden nach Amerika im 19. Jahrhundert. An biografischen Beispielen hatte er die Konflikte, die Migration mit sich bringen, demonstriert. Von der Suche nach Identität und der Sehnsucht nach Heimatgefühlen hatte er gesprochen – ein Streifzug durch die Geschichte der jüdischen Migration. Doch die Schwelle ins 20. Jahrhundert oder gar zur aktuellen Situation hat er nicht genommen.
Wohl aber die Zuhörer. Eifrig transferieren sie nach Ende des Vortrags die Thesen des Redners, prüfen sein Integrationsmodell und sein Anerkennungsmodell und suchen Parallelen zur Einwandersituation jüdischer Gemeinden heute. »Die fremden Juden wurden von den sesshaften Juden häufig als Gefahr betrachtet«, bestätigt schließlich auch Mario Erdheim. »Ein Phänomen, das sich immer wieder beobachten lässt.«
Migration ist Alltagsproblematik und in den jüdischen Gemeinden stets präsent. Diese Tatsache prägte auch die Konferenz der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt) in Frankfurt in der vergangenen Woche. »Rezeption der Schoa und ihre Auswirkungen auf die Praxis« – so der Titel des Kongresses in der Mainmetropole. Auf dem Programm der viertägigen Konferenz standen Vorträge, Workshops und ein Ausflug ins Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde Frankfurt.
»Sozialarbeiter, Altenpfleger und Menschen, die mit Überlebenden arbeiten« – so hatte die ZWSt die Zielgruppe ihres Angebots definiert. Doch die Teilnehmer kommen nicht nur aus den deutschen Gemeinden. Auch aus Rumänien, Kroatien, England, Frankreich, der Schweiz und anderen europäischen Ländern sind Interessierte angereist, um sich mit Rezeptionen der Schoa und ihren Auswirkungen auf die Praxis auseinanderzusetzen.
»Wir freuen uns besonders, dass viele Mitarbeiter der überwiegend russischsprachigen Gemeinden gekommen sind«, be- kräftigt Noemi Staszewski, Mitglied des Organisationsteams. Um die Kommunikation zu fördern, hatten die Organisatoren für die Workshops gemischte Gruppen eingeteilt. »Menschen, die sich nicht kennen, sollen sich in diesem Rahmen austauschen. Sowohl über ihre eigene Geschichte und Sozialisation, als auch über die Art, wie sie mit Überlebenden arbeiten.«
Die Problematik sei seit geraumer Zeit ein zentrales Thema in den jüdischen Ge- meinden in Deutschland. »Wir haben das in der ZWSt als Problem wahrgenommen und wollen nun die Differenzen, die wir spüren, auf den Tisch bringen.« Ziel sei es, unterschiedliche Sichtweisen miteinander zu verbinden und so eine offene Diskussion zu starten. Auch die Referenten der Konferenz sind nach diesem Gesichtspunkt ausgewählt: Beinahe jeder Aspekt wird sowohl aus der Perspektive von Alteingesessenen als auch aus der Sicht von Zuwanderern erörtert. Zu den Rednern gehören unter anderen Doron Kiesel, Johann Lansen, Julia Bernstein, Nathan Durst, Viktoria Viprinsky und Kurt Grünberg.
Wer sich eindeutige Antworten erhoffte, war auf dem ZWSt-Seminar falsch aufgehoben. Das müssen auch die Kritiker des angeblich »zu abrupt« endenden Vortrags von Mario Erdheim schließlich einsehen. Die Organisatoren wollen den Frankfurter Kongress nur als Beginn einer Diskussion verstanden wissen. Für 2009 sind mehrere Seminare geplant, die das Thema vertiefen sollen. »An diesem Prozess werden wir noch eine Weile arbeiten müssen«, bestätigt in der Mittagspause ein Teilnehmer. Als Psychologe, der vorwiegend in Altenheimen im Einsatz ist, gehört er genau zu der Zielgruppe, die die Konferenz ansprechen will. Er zählt sich selbst zur sogenannten zweiten Generation und ist überzeugt, dass längst noch nicht genug für die Überlebenden getan wird. Seine Begleiterin nickt bestätigend: »Ich hoffe sehr, dass der Kongress zum Nachdenken und Diskutieren anregt.«
Für Judith Pustilnik steht der Austausch mit Kollegen während der Tagung im Vordergrund. Und das gleich zweifach: auf persönlicher als auch auf beruflicher Ebene. Pustilnik gehört ebenfalls zur zweiten Generation, ihre Eltern waren in Auschwitz. Außerdem arbeitet die 60-Jährige seit fast 30 Jahren in der Sozialabteilung ihrer Gemeinde und betreut Überlebende. »Bei dieser Arbeit reagiere ich oft absolut intuitiv, weil ich mit der Problematik aufgewachsen bin«, erzählt sie in der Pause zwischen zwei Vorträgen. »Die Psychologen sagen, ich handele richtig. Oft vergesse ich dabei aber, wie stark ich persönlich davon betroffen bin.« Auf Erzählungen von Überlebenden reagiere sie nicht selten mit körperlichen Schmerzen. »Das geht mir einfach sehr nah.« Umso wichtiger sei es für sie, während des Kongresses mit anderen Menschen über solche Phänomene zu sprechen.
Welche Auswirkungen hat die Migration auf die Arbeit mit den Überlebenden? Mitorganisatorin Noemi Staszewski nennt ein pragmatisches Beispiel: »Bei Alteingesessenen steht die Retraumatisierung im Vordergrund, weil sie in der Regel eine stabile soziale Situation haben. Anders ist das bei den Zuwanderern. Da geht es darum, die Lebenssituation zu verbessern. Viele leben von der Sozialhilfe oder bekommen sogar nur eine Grundsicherung.« Staszewski sagt das nicht nur so dahin. Als Mitbegründerin und Projektleiterin des »Treffpunkts«, der 2002 von der Zentralwohl- fahrtsstelle ins Leben gerufen wurde, hat sie tagtäglich mit der psychosozialen und medizinischen Betreuung von Holocaust-Überlebenden in Frankfurt und Umgebung zu tun. Und sie ist überzeugt: »Integration funktioniert nicht nur von einer Seite aus. Voraussetzung ist es, offen zu sein für andere Sichtweisen, für andere Erklärungs- und Verhaltensmuster.«

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