Jugendzentren

Schluss mit Langeweile

Gekonnt streicht Janina den Teig auf der heißen Platte glatt. Dann gibt sie einen Klecks Nutella drauf und rollt ihn zusammen – es duftet nach frischen Crêpes im »Olam«. An diesem Sonntag öffnet das Jugendzentrum in der Joachimstaler Straße wieder seine Pforten. Die Ferien sind vorbei. Janina ist vorbereitet und hat genügend Teig in der Schüssel. Unterdessen haut Xenia Fuchs, die Leiterin des Jugendzentrums, noch in die Tasten des Computers. Seit zehn Jahren sei sie im »Olam« aktiv, seit eineinhalb Jahren als Leiterin, sagt die 26‐Jährige. »Ich möchte das Judentum vermitteln, und ich möchte etwas zurückgeben, was ich selber bekommen habe.« Gespannt ist sie, wie viele Kinder nun den Weg hierher finden werden. Bisher waren es sonntags 50 bis 60, die von etwa 20 Gruppenleitern betreut werden. Durch die Ferienlager motiviert, müssten etliche neue dazukommen, hofft sie.

Kennenlernen Unruhig geht es im hinteren Raum des »Olam« zu. Auf den Sesseln und Sofas sitzen einige Neun‐ und Zehnjährige und machen ein Kennenlernspiel. Ron ist zehn Jahre alt, 1,55 Meter groß, geht gerne Schwimmen und Skifahren, ebenso mag er Radfahren, und er hat zwei Brüder. Die Gruppenleiterinnen Marina, Galina und Elain, alle im weißen »Olam«-T-Shirt und schwarzer Hose, versuchen drei Jungs, die sich ständig untereinander ärgern, in Schach zu halten. Die Mädchen kichern. Nun ist Galina an der Reihe, etwas über sich zu erzählen. Sie ist 21 Jahre alt. Sie tanzt gerne, spielt Fußball, trifft gerne Freunde, mag das Jugendzentrum und mag es überhaupt nicht, wenn man ihr nicht zuhört. Dabei schaut sie energisch zu den drei Jungs, die ein eigenes Gespräch angefangen haben. Vom Nebenraum ist laute Musik zu hören.
Dort pusten Simon und Simon, beide elf Jahre alt, um die Wette Luftballons auf. Die anderen Kinder sitzen auf Sofas und schauen zu. Nächstes Spiel: »Stellt euch vor, ihr seid verheiratet, etwa 25 bis 30 Jahre alt. Wohin wollt ihr auswandern?«, fragt Gruppenleiter Ben. Ob sie wissen was eine Alija sei? Blätter werden verteilt mit Orten und Sehenswürdigkeiten von Israel. Was seht ihr?, will der 19‐jährige Ben wissen. Die Wüste Negev, das Tote Meer, die Knesset, antworten die Kinder. Ihr werdet langsam noch älter, sagt Gruppenleiterin Lirona, und führt das nächste Spiel ein. Drei Kinder melden sich als Freiwillige. Die Stühle werden zu Krücken umfunktioniert, mit denen sie durch den Raum gehen sollen. Der Letzte hat gewonnen. Damit alles – trotz des hohen Alters – mit viel Schwung passiert, stellt Ben wieder den CD‐Player an. Danach ist die Schlussbesprechung: »Wir haben heute mit euch das Leben im Zeitraffer simuliert, wir wollen euch zeigen, dass es wichtig ist, die Zeit zu nutzen. Wenn ihr im Leben etwas erreichen wollt, müsst ihr eure Ziele durchsetzen«, sagt Ben, der seit drei Jahren als Gruppenleiter dabei ist. Optimal könne man im »Olam« seine Zeit nutzen, meint er. Wer eine Idee hat oder ein Thema weiß, soll es vorschlagen.

Programm Ilana kennt das »Olam« sehr gut, denn sie kommt regelmäßig. Heute hat sie bei Ben und Lirona mitgemacht, aber eigentlich ist sie eher bei den Gruppen für Jugendliche dabei. »Hier triffst du Leute und mich interessiert jedes Thema.«
Noch eine Tür weiter stürmen Kinder aus einem anderen Raum heraus. »Schau mal, was ich gemalt habe«, sagt ein Mädchen zu seiner Mutter, die es gerade abholen will, und zeigt stolz ein Bild hoch. Albert und Simon sind für die sieben‐ bis achtjährigen Kinder zuständig. »Wir ha‐
ben heute gemalt, Geschicklichkeitsspiele gemacht und einen Parcours aufgebaut, den man sich erturnen musste«, sagen sie. Die Programme haben sich die beiden selber ausgedacht, aber sie hätten auch auf Machanot viele Anregungen bekommen.
Im Foyer treffen sich alle, stehen zusammen und unterhalten sich. Janina streicht etliche Male Nutella über die frischen Crêpes. Die gebe es aber nicht jedes Mal, räumt sie ein.
Neues Angebot Im Bildungszentrum an der Münsterschen Straße gibt es an diesem Sonntag keine Crêpes, dafür Kuchen. Aber auch hier ist viel los. Denn der »Jewish Youth Club« wird eröffnet. »Ich möchte jüdische Jugendliche zusammenbringen. Sie sollen lieber hierherkommen, als zu Hause vor der Playstation zu versinken«, sagt Shelly Solovei. Sie ist Leiterin des neuen Angebots von Chabad Lubawitsch. Bowling, Sackhüpfen, Dosenwerfen, Eierlaufen, Schminken, Malen und Torschießen zog immerhin etwa 60 Kinder mit ihren Familien an. Damit sei sie sehr zufrieden, sagt die 23‐Jährige. Sie hofft, dass nun täglich nach Schule und Kita die Kinder in die Münstersche Straße kommen werden. Von 16.30 bis 19.30 Uhr werden sie und ihre sieben Mitarbeiter da sein und ein vielfältiges Programm anbieten, so Solovei.

Feiertage Erst einmal sollen Schofarot und Glückwunschkarten angefertigt werden. Nach den Feiertagen können die Kinder im Alter von 4 bis 14 Jahren Theater spielen, kochen, tanzen, Russisch oder Computer lernen. »Wir liegen praktisch noch in den Windeln, hoffen aber auf re‐
ges Interesse.« Sie selber sei im Jugendzentrum »Olam« groß geworden, habe sich dort jahrelang engagiert. »Wir konkurrieren nicht miteinander«, sagt sie. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin habe 3.000 Kinder – wenn davon 2.900 ins Olam gehen und 100 in den »Jewish Youth Club« sei sie zufrieden. Aber der Club habe eine andere Zielgruppe, sie habe die meisten Gesichter jedenfalls noch nicht gesehen. Ihr Handy rührt sich. Eine SMS, direkt aus dem »Olam« von Xenia Fuchs. »Wie war es bei euch?«

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