Hochzeit

Scherben bringen Glück

Foto: Eva Feldheim

von Matthias Dohmen

»Mazel Tov«. Auf allen Ebenen des Hauses der Jüdischen Gemeinde Hagen steht der Wunsch auf bunten Schildern. Weiße, rosafarbene und rote Luftballons sind dekoriert. Die Stimmung ist ausgelassen. Ein außergewöhnlicher Augenblick: Es ist das dritte Mal seit 1945, dass zwei junge Menschen in der Synagoge zu Hagen unter die Chuppa treten.
Die Eltern, Familie, Freunde und Arbeitskollegen sowie Angehörige der Gemeinde sind gekommen, um Genja und Julia zu gratulieren. Genja ist die Kurzform von Jewgeni. Er ist Rechtsanwalt. Julia hat Sprachen gelernt. Geboren sind sie in Kiew und in Riga.
Die eigentliche Hochzeitszeremonie beginnt mit halbstündiger Verspätung. An die 100 Gäste verteilen sich im Gebetsraum, Kinder rennen hin und her, in mehreren Sprachen, hauptsächlich Russisch, Deutsch und Hebräisch, werden Nachrichten und Meinungen ausgetauscht. Neben der Bima hat ein Kamerateam Aufstellung genommen, das den Ablauf der Zeremonie für die Zukunft festhält.
Zunächst geleiten Eltern, Freunde und Verwandte den Bräutigam in den Gebetsraum, dann folgt die Braut. Ihnen zur Seite stehen die zwei Trauzeugen und der Ba’al Kidduschin, der die Trauung vollzieht. Das Paar steht unter dem Baldachin. Julia und Genja werden sieben Mal gesegnet, und die Braut muss ebenso oft um die Chuppa schreiten. Anschließend trinken beide Wein, als Zeichen dafür, dass sie ab jetzt den Kelch des Lebens gemeinsam leeren. Dann zertritt der Bräutigam das Weinglas. Scherben bringen Glück.
Im Talmud heißt es, dass ein Mann, der keine Frau hat, ohne Freude, ohne Glück, ohne Seligkeit lebt. Die Eheschließung bedeutet für Braut (Kala) und Bräutigam (Chatan) einen Neubeginn, den Anfang einer Reise. Jede Wendung der Zeremonie wird von den Gästen freudig beklatscht. »Hava nagila«, lasst uns singen und uns freuen. Mitten unter der Feiernden ist auch der Gemeindevorsitzende Roman Kanarek. Er wünscht dem jungen Brautpaar alles Gute und attestiert Genja anerkennend, er habe eine »kleine, angenehme und schöne Braut ausgesucht«.
Die Gemeinde in der Potthofstraße 16 wächst und hat derzeit 350 Mitglieder. 1989 waren es noch 35. Sie verfügt über einen Jugendclub, Tanzgruppen, eine Bastelgruppe und Theaterensembles für Erwachsene und für Kinder. Gottesdienst ist freitags und sonnabends. Und: Die Synagoge ist ganzjährig geöffnet. Vordem gab es eine Sommer- und eine Winterpause.
Den zahlreichen auch nichtjüdischen Gästen erklärt Rabbiner Avichai Apel immer wieder, was unter der Chuppa vor sich geht. »Die Institution der Familie ist ein wichtiger Bestandteil der Tradition. Eine Hochzeit ist eine zugleich ernsthafte wie fröhliche Feier, weil sie den Beginn des neuen Lebens und einer neuen Familie markiert.« Dabei symbolisiere die Chuppa das Heim, das das Paar nach der Hochzeit gemeinsam teilen wird. Der Rabbiner liest aus der Ketuba vor, dem Dokument, das die Rechte und Pflichten der Ehe beschreibt. Im Lauf der Zeremonie legen die Partner ein Versprechen ab, die Braut bekommt einen Ring angesteckt, und das Paar erhält den Segen.
Die Gründung eines jüdischen Hauses, sagt Apel, sei wie die Gründung eines kleinen Heiligtums. Es ist ein großer Augenblick für die Gemeinde und das junge Paar. Dem feierlichen Zeremoniell in der Synagoge folgt ausgelassene Fröhlichkeit im Gemeinderaum, wo sich die Gäste inzwischen eingefunden haben. Die koscheren Häppchen und Getränke munden ihnen sichtlich.
Solchermaßen gestärkt entlädt sich die Freude über die dritte Chuppa in 63 Jahren in Tanz und Jubel. Andere plauschen angeregt mit dem Nachbarn. Erfahrungen werden ausgetauscht, Erinnerungen aufgefrischt, Episoden machen die Runde. Immer wieder werden gute Wünsche auf das Paar ausgebracht. Schulterklopfen, Geschenke, Ratschläge. Immerhin, bemerkt jemand, der sich in der Hagener Gemeinde bestens auskennt, bestehen die beiden Ehen, die bislang in dieser Synagoge geschlossen wurden, immer noch. Ein gutes Omen für die dritte.

Anita Lasker-Wallfisch

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