auschwitz

»Schändung des Gedenkens«

Es war eine Nachricht, die in Polen mit großer Erleichterung aufgenommen wurde: In der Nacht zum Montag hat die polnische Polizei den Schriftzug »Arbeit macht frei« wiedergefunden, den Diebe vergangenen Freitag vom Eingangstor der KZ-Gedenkstätte Auschwitz gestohlen hatten. Fünf Tatverdächtige im Alter von 20 bis 39 Jahren seien an ihren Heimatorten in der Nähe von Gdingen (Gdynia) beziehungsweise von Wloclawek festgenommen worden, teilte die Polizei am Montag auf einer Pressekonferenz mit. Sie seien »gewöhnliche Kriminelle«, die wegen Raubüberfällen und Körperverletzung vorbestraft seien, und keine Neonazis. »Wir können sagen, dass keiner der fünf einer Neo-Nazi-Gruppe angehört«, erklärte der Krakauer Polizeichef Andrzej Rokita. Die Aufschrift war den Erkenntnissen zufolge bereits kurz nach dem Diebstahl in drei Teile zerlegt und in einem Waldstück im Norden des Landes versteckt worden. Sie soll nun restauriert und wieder am Eingangstor der Gedenkstätte angebracht werden.

abgeschraubt Der Diebstahl der zynischen Aufschrift »Arbeit macht frei« in den frühen Morgenstunden des 18. Dezember hatte in Polen einen Schock ausgelöst und selbst das Scheitern des Kopenhagener Klimagipfels in den Schatten gestellt: Bei eisigen Temperaturen hatten die Täter den Schriftzug am Eingangstor zur Gedenkstätte des ehemaligen deutschen NS-Konzentrations- und Vernichtungslagers abgeschraubt und anschließend abtransportiert – unbemerkt von den Wachleuten. Noch bevor das Museum am Morgen öffnete, war eine Kopie der Aufschrift angebracht worden, die vor einigen Jahren während der Renovierung des Originals angefertigt wurde. Den Originalschriftzug »Arbeit macht frei« hatten im Juni 1940, ein halbes Jahr nach der Gründung des Lagers, polnische Häftlinge auf deutschen Befehl anfertigen müssen. Unter der Leitung des Häftlings Jan Liwacz stellten die Gefangenen den Buchstaben »B« auf den Kopf – als getarnten Akt des Widerstands.
Dass der Diebstahl keine Tat von Schrottdieben gewesen war, die Eisen und andere Metalle stehlen, um sich ihren Wodkakonsum zu finanzieren, war den Ermittlern schon rasch klar. Doch trotz sofort eingeleiteter Straßenkontrollen konnten die Täter mit ihrem über vier Meter langen und 40 Kilo schweren Diebesgut entkommen. Auch die verstärkte Überwachung vor allem der Grenzen in die osteuropäischen Nachbarländer Weißrussland und Ukraine sowie die Einschaltung von Interpol brachte zunächst keine Erfolge. Für die Erfassung der Diebe hatten Polizei und Gedenkstätte eine Belohnung von insgesamt knapp 28.000 Euro ausgesetzt. Die Diebe hätten schließlich auch dank der über 100 Hinweise aus der Bevölkerung gefasst werden können, sagte ein Polizeisprecher.
In ihren Reaktionen auf den »skandalösen Diebstahl« waren sich die polnischen Politiker und Kommentatoren einig wie selten: Einhellig verurteilten sie die Tat. Es sei ein »in der ganzen Welt bekanntes Symbol des Zynismus und der Grausamkeit der Nazi-Täter und des Martyriums ihrer Opfer gestohlen worden«, so Staatspräsident Lech Kaczynski. Polens Deutschlandbeauftragter Wladyslaw Bartoszewski, der selbst in Auschwitz inhaftiert war, nannte die Tat eine »Schande«. Der polnische Präsident des Europarlaments, Jerzy Buzek, nannte Auschwitz den »größten Friedhof der Menschheit«. Durch den Diebstahl sei das Andenken der Toten entweiht worden.
Polens Oberrabbiner Michael Schudrich bezeichnete den Diebstahl als »Schändung der Erinnerung an den größten Völkermord der Menschheitsgeschichte«. Wenn die Erinnerung an diesen Völkermord nicht gepflegt werde, könne er sich wiederholen. Es sei in diesem Fall nicht wichtig, dass die Opfer vor allem Juden gewesen seien. Auschwitz sei ein Symbol für die gesamte Menschheit.

entsetzen Breiten Raum hatten die polnischen Medien den Reaktionen in Israel gewährt, wo die Tat ebenfalls auf Entsetzen gestoßen war. Die Regierung sei »erstaunt und erbost«, hatte ein Sprecher des israelischen Außenministeriums erklärt. Das Schild sei ein abschreckendes Zeugnis der grauenhaften Verbrechen, die in dem Lager begangen wurden. Israels Diasporaminister Juli Edelstein sprach laut »Jerusalem Post« von einem »kritischen Versagen der polnischen Polizei«. Die Tat falle in eine Zeit, in der antisemitische Handlungen zunähmen. Es gebe begründete Sorge um die Sicherheit von Juden in der Diaspora.
Auch der Leiter der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem, Avner Schalev, war schockiert über die »Attacke gegen die Erinnerung an den Holocaust«. Polens Premierminister Donald Tusk hatte sich denn auch auf dem Kopenhagener Gipfel umgehend mit dem israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres, der selbst in Polen geboren wurde, getroffen und ihm versichert, alles zu tun, dass die Diebe gefasst würden und die Originalaufschrift an ihren Platz zurückkehren könne.
Die Erleichterung über das Wiederfinden der Aufschrift ist umso größer, da der 65. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers bevorsteht, zu dem am 27. Januar Auschwitz-Überlebende und hochrangige Staatsgäste aus zahlreichen Ländern erwartet werden. Zudem hatte zum Beispiel die in Warschau erscheinende »Gazeta Wyborcza« noch einen Tag zuvor mit der Überschrift »Deutscher Euro rettet Auschwitz« aufgemacht und ausführlich über den Beschluss der Ministerpräsidenten der deutschen Bundesländer berichtet, den Erhalt der Gedenkstätte in den kommenden Jahren mit 60 Millionen Euro zu unterstützen. Anfang des Jahres wurde eine »Internationale Stiftung Auschwitz-Birkenau« gegründet. Sie verwaltet die Gedenkstätte und soll mit den Erträgen des angestrebten Stiftungskapitals von 120 Millio- nen Euro künftig die über 150 Gebäude und 300 Ruinen sowie vor allem die unzähligen persönlichen Gegenstände der ermordeten Häftlinge erhalten. Spekuliert wird nun weiterhin über die Motive der Tatverdächtigen. Recherchen polnischer Journalisten, die Diebe hätten im Auftrag eines »verrückten Sammlers« gehandelt, wollten die Behörden zunächst nicht bestätigen. Ob es sich um eine Auftragstat gehandelt habe oder ob die Tatverdächtigen den Schriftzug auf eigene Initiative entwendet hätten, um ihn später zu Geld zu machen, sei nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen offen.
Der polnische Kulturminister Bogdan Zdrojewski versicherte unterdessen im Fernsehsender TVN24, dass sich eine solche Tat nicht wiederholen könne. Die Sicherheitsvorkehrungen an der Gedenkstätte seien inzwischen verstärkt worden.

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