Namen

Sag mir, wie du heißt

von Miryam Gümbel

Im Begleitprogramm zur Ausstellung »Architektur und Film in Israel« (noch bis zum 8. Februar in der Pinakothek der Moderne) haben das Kulturzentrum der IKG München und das Architekturmuseum der Technischen Universität zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Moderiert von Ellen Presser, der Leiterin des IKG‐Kulturzentrums, sprachen Edna Brocke von der Begegnungsstelle Alte Synagoge Essen sowie die Professoren Michael Wolffsohn (Bundeswehr‐Universität München) und Thomas Brechenmacher (Universität Potsdam) über die Geschichte der Juden in ihren Namen. In ihrem soeben im Piper Verlag erschienenen Buch »Deutschland, jüdisch Heimatland. Die Geschichte der deutschen Juden vom Kaiserreich bis heute« haben sich die beiden Universitätslehrer unter anderem mit der Wahl der Vornamen jüdischer Deutscher auseinandergesetzt. Die Nachnamen wurden behördlicherseits vergeben. Dabei, so Wolffsohn auf dem Podium, konnte man Glück haben oder auch nicht. Da gab es neutrale Namen der Herkunft nach wie Rosenheimer oder Mannheimer. Andere, zusammengesetzt mit den Wörtern Gold‐ oder Silber verwiesen auf eine weit verbreitete Annahme über den Reichtum von Juden. »Die Namensgebung ist ein Indikator für öffentliche Meinung«, stellte Brechenmacher fest. In dem Buch, das sich aus einer Lehrveranstaltung heraus entwickelt habe, gingen die beiden Autoren diesem Phänomen mit wissenschaftlichen Methoden nach. Grafiken machen die Trends und Verschiebungen deutlich. So führten Rosa (aus Rosi oder Rose) und Max die Hitliste der Vornamen in der Zeit zwischen 1860 und 1938 an, in einer Zeit, in der sich Juden in Deutschland weitestgehend als jüdische Deutsche fühlten. Gab es Mitte des 19. Jahrhunderts noch viele Namen, die traditionell jüdisch waren oder die Diaspora‐Situation unterstrichen, wie Esther oder David beziehungsweise Gittel oder Ber, so sank deren Anteil bis in die 30er‐Jahre des 20. Jahrhunderts auf unter fünf Prozent. Der Wandel bei der Namenswahl jüdischer Eltern von der Kaiserzeit bis heute wurde anschaulich am Beispiel der Podiumsteilnehmerin Edna Brocke. Ihr Name ist keine Abwandlung der nordischen Edda, wie sie häufig erklären müsse. Vielmehr spiele das Wort auf den Garten Eden an und dokumentiert eine Periode, in der besonders in Israel die Kinder Namen bekamen, die schöne Dinge oder Eigenschaften benennen.
Und noch ein zweites Phänomen war in Israel zu beobachten. Der Münchner Fritz Rosenthal hatte seinen Namen nach der Emigration nach Palästina in Schalom Ben Chorin (Friede, Sohn der Freiheit) getauscht. Mit solch einer neuen Namenswahl oder einfach der Übersetzung des früheren deutschen Namens ins Hebräische erklärt sich auch der Unterschied der Namen von Munio Weinraub und Amos Gitai, deren Werk, Architektur und Film, sich die Ausstellung widmet. Damit fügte sich die Podiumsdiskussion auch nahtlos in deren Rahmenprogramm ein. In einem zweiten Teil des Abends beteiligte sich auch das Publikum an der Diskussion. Beispiele der Namensgebung verschiedener Generationen wurden eingebracht. Die Integration in die nichtjüdische Bevölkerung und zugleich die jüdische Tradition zeige sich in der Wahl mehrerer, in der Kombination jüdischer wie allgemein gebräuchlicher Vornamen. Dazu komme häufig, zumindest als zusätzlicher Name, derjenige von Großmutter oder Großvater. In diesem Zusammenhang kam auch eine Tendenz aus Israel zur Sprache: Doppeldeutige Namen wie Guy oder Tom sollen es den Kindern ermöglichen, einen hebräischen Namen zu tragen, der einer nichtjüdischen Umwelt als solcher jedoch nicht auffalle. So konnte schließlich Ellen Presser die angeregte Diskussion zusammenfassen: »Namen sind nicht Schall und Rauch. Aber sie ändern sich. Politische Umstände, Moden, aber auch Familientraditionen spielen bei der Namensgebung eine Rolle.« Das Gespräch ohne die anschließende Diskussion wurde vom Bayerischen Fernsehen aufgezeichnet und wird in BR alpha in zwei Teilen ausgestrahlt.

Sendetermine:
Teil 1: Dienstag, 13. Januar, 17 Uhr
(Wiederholung: 17. Januar, 11.45 Uhr)
Teil 2: Dienstag, 20. Januar, 17 Uhr
(Wiederholung: 24. Januar, 11.45 Uhr)

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