israel hat gewählt

Ruhe vor dem Sturm

von Sabine Brandes

Als die Wahllokale um sieben Uhr morgens ihre Türen öffneten, waren die Pfüt-
zen auf den Straßen und Gehwegen be-
reits zu kleinen Seen angeschwollen. Mädchen und Jungen in bunten Gummi-stiefeln stapften übermütig mitten durch, Erwachsene kämpften mit umgestülpten Regenschirmen und nassen Hosenbeinen. Nach einem viel zu warmen Februarstart hatten heftige Regenschauer und tosende Stürme Israel plötzlich den Winter wie-
dergebracht. Und zudem eine verhältnismäßig hohe Beteiligung an den Wahlen zur 18. Knesset beschert.
Außergewöhnlich niedrig war die Be-
teiligung innerhalb der arabischen Be-
völkerung Israels. Der Jerusalemer Polito-
logieprofessor Bashir Bashir kennt die Gründe für den Beinahe-Boykott: »Zum einen schmerzt der Stachel des Gasakrie-
ges noch. Die Menschen sind überzeugt, dass es Verrat an ihren palästinensischen Brüdern wäre, jetzt für ein israelisches Parlament zu stimmen. Zum anderen sind viele über die Unfähigkeit der eigenen Politiker verärgert.« Alles in allem herrsche eine tiefe Frustration darüber, als arabischer Israeli so gut wie keinen Einfluss auf die hiesige Politik zu haben, erklärt er.
Insgesamt aber hatten mehr als 65 Prozent der über 5,2 Millionen Wahl-
berechtigten an diesem 10. Februar Wind und Wetter getrotzt und sich auf den Weg zu den Urnen gemacht. 2006 waren es 63,2 Prozent, ein historischer Tiefpunkt. An einem trockenen sonnigen Tag, sind Politexperten sicher, hätten zweifelsohne mehr Menschen den freien Tag für Ausflüge genutzt. Denn obwohl es ein gewöhnlicher Dienstag war, hatten viele Israelis »wahlfrei«. Schulen, Kindergärten, öffentliche Einrichtungen sowie die meisten Büros und Fabriken im Land waren geschlossen.
Für Familie Golan aus Hadera stand das Wählen ganz oben auf dem Tagespro-
gramm. Mit ihren drei Kindern im Schlepptau ging es zuerst in die lokale Grundschule zur Stimmabgabe und anschließend zum Falafel-Essen. Vater Danny ist seit eh und je »für Bibi und den Likud, weil sie in Sachen Sicher-
heit die Erfahrens-
ten sind und nicht nur versprechen, sondern auch halten«, ist er überzeugt. »Ohne das Thema Sicherheit zur Nummer eins zu machen, wird es Israel nicht mehr lange geben.« Seine Ehefrau Michal war lange unschlüssig. Zuerst tendierte sie zur Arbeitspartei mit Ehud Barak, stimmte letztlich aber doch für Kadima und deren Vorsitzende Zipi Livni. Zum einen, weil ihr die Mitte politisch am nächsten sei, zum anderen, »weil Livni eine Frau ist und ich den Chauvi-nismus vieler männlicher Politiker kaum mehr ertragen konnte«.
Wie Michal Golan ging es vielen: Es war die Wahl der Unentschiedenen. Sie waren es, die erst am Tag X für Klarheit sorgten. Je nach Umfrage hatten 20 bis 30 Prozent aller wahlberechtigten Männer und Frauen bis zur letzten Minute mit ihrer Entscheidung für eine der 33 Parteien gehadert.
Einer, der sicherlich bei jeder Prognose mitzitterte, war Benjamin Netanjahu. Manche meinten, er fürchte eine Aus-
einandersetzung mit seinen Gegnern, andere glaubten, er winde sich, um heiklen Themen mit potentiellen Koalitionspartnern aus dem Weg zu gehen. Was auch immer der Grund gewesen sein mag, der Likudchef ließ sich während des gesamten Wahlkampfes auffällig selten blicken. Erst am Vorabend schließlich trat Bibi aus dem selbst gewählten Schatten. »Und wo, bitteschön, haben Sie die ganze Zeit gesteckt?«, fragte Lior Schlein, Gastgeber der gleichnamigen Late-Night-Show, bissig. Eine klare Antwort blieb Netanjahu schuldig, gab aber zu bedenken, dass immerhin bis vor Kurzem Krieg im Süden des Landes ge-
herrscht hatte.
Einige seiner Anhänger wurden vorübergehend in Polizeigewahrsam genommen und verhört. Nach Angaben eines Kadima-Sprechers seien Stimmzettel der Partei mit dem Aufdruck »Ken« (hebr.: Ja) in diversen Wahllokalen von Likud-An-
hängern gestohlen worden. Einige andere Zwischenfälle wurden aus Jerusalem und der arabischen Stadt Um-Al-Fachem ge-
meldet, in der sich rechtsnationale Politiker als Wahlhelfer beteiligten und von den Bewohnern mit Gebrüll und fliegenden Steinen aufgefordert wurden, zu verschwinden.
Zu einer regelrechten »Liebermania« hatte sich die PR-Kampagne um den Vor-
sitzenden der Partei Israel Beitenu (Unser Heim Israel), Avigdor Lieberman, entwi-ckelt. In Pardes Hanna verkaufte eine Bä-
ckerei ihre Brötchen in Tüten mit dem Konterfei des lachenden Rechtsaußen-Po-
litikers, über dem Eingang prangte ein überdimensionales Plakat mit kyrillischen Lettern. Verschiedene Prominente, darunter Sänger Arik Sinai und der ehemalige Botschafter in Washington, Danny Ayalon, hatten sich in den vergangenen Tagen als Lieberman-Fans geoutet.
Wer sich mit wem, wie und wann in einer künftigen Regierung zusammenfinden könnte oder auch nicht, wurde den ganzen Tag ohne Unterlass diskutiert. Einschätzungen von Experten gab es – wie so oft in Israel – in medialem Überfluss. Ob im TV, Radio, Zeitungen oder dem Internet, die Knessetwahlen waren das einzige Thema des Tages.
Auch dann noch, als die Pforten der Schulen, in denen die Kreuzchen gemacht wurden, schon längst geschlossen waren.

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