Schadensbilanz

Ruhe nach dem Sturm

von Hans‐Ulrich Dillmann

An seine Barmizwa wird sich Juan David Rudnikas wohl noch lange erinnern. Am vergangenen Samstag wurde er zum ersten Mal zur Tora aufgerufen, Zeichen seiner Religionsmündigkeit. Im Hinterhof der Beth‐Schalom‐Synagoge dröhnte ein Stromgenerator. Das Haus der Comunidad Hebrea de Cuba liegt in Vedado, einem Stadtteil der Hauptstadt Havanna. Mehr als sonst üblich waren Kerzen im Betraum aufgestellt worden. Und mehr als sonst drängten sich Gemeindemitglieder in dem Haus – durchaus ein Zeichen dafür, dass die Menschen den Wirbelstürmen Gustav, Hanne und Ike getrotzt hatten.
Wasserflecken an den Wänden zeugten noch von den Regenfällen der vergangenen Wochen, Folge der Wirbelstürme, die im August und Anfang September über die größte Karibikinsel hinweggefegt waren. Noch immer sind weite Teile des Landes ohne Strom, weil die furiosen Winde Leitungen zerstört haben. „Gott sei Dank wurde niemand von uns getötet“, sagt Adela Dworin, Präsidentin der Koordinationskommission der jüdischen Gemeinde. „Der Katastrophenschutz auf Kuba ist wirklich effektiv.“
Auch Myra Levy sieht in Rudnikas’ Barmizwa ein Zeichen des Mutes nach den Stürmen. Sie ist seit Tagen kaum zur Ruhe gekommen. Zusammen mit Adela Dworin hat die Präsidentin des Centro Hebreo Sefaradi von Havanna eine Schadensbilanz der jüdischen Einrichtungen nach der schweren Sturmkatastrophe aufgestellt. „Es ist schlimm“, sagt sie, „wir waren tagelang völlig von der Außenwelt abgeschnitten.“ Auch mit den Mitgliedern der konservativen sefardischen Gemeinde der Haupt‐ stadt war eine Kommunikation nicht möglich. „Licht und Wasser gibt es für viele noch immer nicht.“
Im neuen Zentrum der sefardischen Gemeinde Havannas ließen die Winde einige Fensterscheiben zerspringen. Durch die kaputten Fenster ist Regenwasser in den Gebetsraum eingedrungen. In der Chevet‐Achim‐Synagoge, dem ältesten jüdischen Gotteshaus Kubas, das 1914 gebaut wurde, war noch keine Schadensaufstellung möglich. Levy: „Ich fürchte Schlimmes, denn die Synagoge ist seit Langem wegen Baufälligkeit geschlossen.“ Sie liegt in Havannas Altstadt.
Insgesamt 1.500 Jüdinnen und Juden leben heute auf Kuba. Vor der Revolution der „Bärtigen“, wie die Aufständischen um Fidel Castro genannt wurden, waren es zehnmal so viel. Das Verhältnis der kubanischen Staatsführung gegenüber der jüdischen Bevölkerung war immer ambivalent und geprägt von der politischen Großwetterlage. Seitdem der kubanische Staat den Religionsgemeinschaften auf der Insel mehr Freiheiten lässt, hat sich auch die Beziehung zu den sieben jüdischen Gemeinden, die über die ganze Insel verstreut sind, verbessert. Drei Gemeinschaften mit 1.200 Mitgliedern zählt Havanna. Die kleinste Gemeinde ist in Santa Clara. Hier leben knapp 30 Personen. Einige der Gemeinden bestehen aus Männern und Frauen, die erst in den vergangenen Jahren wieder zur Religion ihrer Vorfahren zurück‐ gefunden haben.
Kuba war in den vergangenen Wochen mehrmals von Wirbelstürmen heimgesucht worden. Mit Windgeschwindigkeiten bis zu 220 Stundenkilometern hinterließen sie eine Spur der Verwüstung. „Gustav“ zerstörte oder beschädigte fast 85.000 Häuser schwer. Durch die furiosen Winde von „Ike“, der tagelang über der Insel wütete, wurden erneut Zehntausende obdachlos. Die sintflutartigen Regenfälle setzten ganze Landstriche unter Wasser, 2,6 Millionen Menschen, ein Viertel der kubanischen Bevöl‐ kerung, wurden von dem Unwetter betroffen. Die Schäden gehen in Milliardenhöhe.
Nach Angaben des kubanischen Katastrophenschutzes starben nur vier Menschen. Kuba verfügt im Gegensatz zu anderen Karibikinseln über ein effektives und sehr gut funktionierendes Evakuierungssystem. Betroffen war vor allem die westliche Provinz Pinar del Río. Die für das devisenarme Land wichtige Nickelförderung und -verarbeitung musste aufgrund der Schäden eingestellt werden. Ein Großteil der Ernte wurde vernichtet. Die Tabakplantagen wurden schwer in Mitleidenschaft gezogen. Aus einigen Touristengebieten wurden unter anderem auch deutsche Touristen evakuiert und nach Europa zurückgeflogen. Tagelang war die Hauptstadt Havanna ohne Strom.
In Pinar del Río im Nordwesten der Insel leben rund 125.000 Einwohner, darunter auch jüdische Familien. Zehn Personen, Mitglieder zweier sefardischer Familien, haben derzeit kein Dach mehr über dem Kopf und sind bei Freunden untergekommen. Die beiden Häuser sind eingestürzt und nicht mehr bewohnbar. „Wir schauen, wie wir helfen können“, sagt Myra Levy.
In der orthodoxen Synagoge der Gemeinde Adath Israel fand sich am vergangenen Donnerstag schon wieder ein Minjan zum Morgengebet zusammen. „Hier ist alles in Ordnung. Es gibt keine Probleme“, teilte einer der Beter mit, der seinen Namen am Telefon nicht nennen wollte. „Die Einrichtungen unserer Gemeinde haben keinen Schaden genommen, auch Mitglieder sind von den Auswirkungen des Sturmes nicht betroffen“, sagte er, bevor die Leitung zusammenbrach.
Aus Cienfuegos hat Gemeindepräsidentin Rebeca Langus vor allem Wasserschäden am Betsaal gemeldet. Eine Begrenzungsmauer des Friedhofs der Communi‐ dad Hebrea Tifereth Israel von Camaguey wurde von einem umstürzenden Baum niedergerissen. Auch mit José und Elisa Barlia von der jüdischen Gemeinde Sancti Spiritus hat Adela Dworin inzwischen gesprochen. Zwar habe Hurrikan „Ike“ die Stadt schwer getroffen, Gemeindeeinrichtungen seien aber verschont geblieben. Wasserschäden hätten auch alle anderen Kubaner. „Mit denen teilen wir das Schicksal“, sagt Dworin und fügt fast trotzig hinzu: „Wir lassen uns von so einer Naturkatastrophe nicht davon abhalten, unsere religiösen Traditionen zu halten. Die Schabbatgottesdienste waren wie noch nie besucht, und das beste Zeichen ist die Barmizwa von Juan David Rudnikas“.

Spendenkonto: Patronato de la Casa de la Comunidad Hebrea, Banco Financiero International S.A., Calle Primera entre B y C, Vedado, Cuba, No. 036000017733

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