Skandal

Ritualrufmord

Am Beginn des 21. Jahrhunderts ist vieles möglich, was noch vor Kurzem unmöglich schien. Vor allem, wenn es um das Denken und Handeln von Menschen geht. Wo im Kopf hat das Unterbewusstsein seinen Sitz? Können Straftäter durch die Stimulation bestimmter Hirnregionen »therapiert« werden? Gibt es überhaupt so etwas wie den »freien Willen«? Auf diese Fragen werden kluge Forscher bald eine zumindest wissenschaftlich fundierte Antwort geben können. Und vielleicht finden sie eines Tages sogar heraus, warum selbst der angeblich rational denkende, moderne Mensch so gerne antijüdischen Vorurteilen Glauben schenkt. So abstrus und gemeingefährlich sie auch sein mögen.
»Die Organe unserer Kinder werden geplündert«, lautete vor wenigen Tagen die Schlagzeile über einem Beitrag in der auflagenstarken schwedischen Boulevardzeitung Aftonbladet (vgl. S. 2). In dem Artikel werden Palästinenser zitiert, die israelischen Soldaten vorwerfen, diese hätten toten Verwandten angeblich Organe entnommen und gestohlen. Der Autor räumt zwar ein, dass es dafür keinerlei Beleg gäbe, doch das hinderte Aftonbladet nicht daran, den Text – im Kulturteil! – zu publizieren. Ein Medienskandal. Aber nicht irgendeiner: Hier wird der uralten antisemi- tischen Ritualmordlüge ein modernes Gewand verpasst. Horror statt Information.
Zugegeben, so funktioniert der Boulevard-Journalismus überall. Aber in diesem Fall kommt hinzu, dass so etwas Grausames wie die Ausschlachtung von Toten nur einem zugetraut wird: dem Israeli, sprich dem Juden. Eine blutrünstige Konstellation, die offenbar nach Einschätzung der Zeitungsmacher das Zeug hatte, den sensationsgierigen Leser anzusprechen. Vielleicht spukte ihnen ja noch eine Szene aus dem türkischen Blockbuster »Tal der Wölfe« im Kopf herum. Da entnimmt ein eindeutig als Jude gekennzeichneter Arzt Gefangenen des berüchtigten Gefängnisses Abu Ghraib Organe, um sie nach Tel Aviv, London und New York zu schicken. Willkommen bei der Neuauflage der »Protokolle der Weisen von Zion«!
Dabei ist der Vorwurf des Ritualmordes noch viel älter als das antisemitische Pamphlet der zaristischen Geheimpolizei. Bereits im 12. Jahrhundert kam diese Legende auf. Demnach lechzen Juden nach dem Blut von Christen-Kindern, um es an Pessach zum Backen von Mazzen zu benutzen. Für die Beschuldigten endeten solche Vorwürfe noch Anfang des 20. Jahrhunderts oft tödlich – sei es auf dem Scheiterhaufen oder durch mörderische Pogrome.
So weit kommt es gottlob nicht mehr. Aber der Fall Aftonbladet zeigt in beunruhigender Deutlichkeit, dass diese Form des Judenhasses nicht allein eine Sache dumpfer rechtsextremistischer und islamistischer Kreise ist. Er ist auch im (mehr oder weniger) gebildeten, sich aufgeklärt gebenden Europa anzutreffen. Nur, dass für alles Schlimme dieser Welt heute nicht mehr »die Juden« herhalten müssen, sondern der Staat Israel und seine Bewohner. Der Antisemitismus von einst kommt in unseren Tagen als Antiisraelismus und Antizionismus daher. Längst gehört er zum Mainstream. Viele halten Israel für die größte Bedrohung des Weltfriedens und die Soldaten der Zahal für gnadenlose Hightech-Killer.
Anscheinend macht Schweden, das sich gerne seiner Liberalität rühmt, dabei keine Ausnahme. Im Gegenteil. Es ist erschreckend, wie die Regierung in Stockholm auf den Bericht in Aftonbladet reagiert. Anstatt sich wenigstens von dem Zeitungsbeitrag zu distanzieren, verweist Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt auf die Meinungs- und Pressefreiheit. Damit hat er zwar recht. Aber es wäre ein Leichtes zu erklären, dass seine Regierung sich »befremdet« über den Artikel zeigt. Doch davon wollen Reinfeldt und sein Außenminister Carl Bildt nichts wissen. So wird aus dem Medienskandal ein politischer Skandal, der in Israel verständlicherweise für viel Empörung sorgt. Ob allerdings der Aufruf zum Boykott schwedischer Unternehmen wie Ikea der richtige Weg ist, seinem Ärger Luft zu machen, bleibt dahingestellt.
Es ist nicht das erste Mal, dass es zwischen Stockholm und Jerusalem kracht. Schweden gehört in Europa schon lange zu den schärfsten Kritikern der israelischen Nahostpolitik. Doch der aktuelle Streit hat ein ganz besonderes Geschmäckle: Schweden hat im Juli turnusgemäß für ein halbes Jahr die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union übernommen. Eine Zeit, in der das betreffende Land nicht zuletzt Vorbild für andere EU-Mitglieder sein soll. Wäre es da nicht angebracht, in aller nötigen Entschiedenheit darauf hinzuweisen, dass Berichte über organraubende israelische Soldaten in das Reich abstoßender Propaganda gehören? Doch Stockholm schweigt – und schadet damit dem Ansehen der EU. Einer deutschen Regierung darf das nicht egal sein.

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