USA

Revolver-Rabbi

Sie sehen aus wie Festungen. In Deutschland erkennt man jüdische Gemeindezentren und Kindergärten oft schon an den Sicherheitsschleusen oder den gepanzerten Fahr‐ zeugen, die vor der Tür parken. Synagogen in Berlin oder Frankfurt stehen beinahe wie in einem Feindesland. In Amerika ist das anders. Hier lehnt eher selten ein Polizist lässig an der Hauswand und sieht in seiner blauen Uniform aus, als sei er gerade frisch einem Kinofilm entsprungen.
Vor ein paar Monaten allerdings versuchten vier ehemalige Sträflinge, die im Gefängnis zum Glauben an Allah gefunden hatten, zwei Synagogen in Riverdale, einem grünen Villenvorort in der Bronx, in die Luft zu sprengen. Die vier Fanatiker wollten ein Auto, das bis unters Dach mit Sprengstoff gefüllt war, vor einer Synagoge parken. Doch das FBI hatte die Möchtegernterroristen die ganze Zeit scharf im Visier, und bei dem Sprengstoff handelte es sich in Wahrheit um Attrappen, die Beamte in Zivil den muslimischen Fanatikern verkauft hatten. So passierte zum Glück gar nichts, und die New Yorker Juden fühlten sich bald wieder vollkommen sicher. Auch jetzt zu den Hohen Feiertagen spricht kein Mensch in den Gemeinden davon, dass man Metalldetektorbögen aufstellen oder die Taschen von Betern durchwühlen soll.

kampftruppe Ein Mann jedoch lässt sich nicht in Sicherheit wiegen. Gary Moscovitz ist ein schlanker, groß gewachsener Mann Anfang 50 mit einem schmalen, glatt rasierten Gesicht und leicht wuscheligem Haar, in dem eine Kippa sitzt. Moscovitz hat, das sieht man ihm nicht an, den schwarzen Gürtel in Karate. Und er hat neun Jahre lang für die New Yorker Polizei gearbeitet. Heute ist Gary Moscovitz Rabbiner. Gerade eben hat er eine Gruppe gegründet, die sich International Security Coalition of Clergy nennt – Internationale geistliche Sicherheitskoalition.
Die Mitglieder der Gruppe bringen Juden – nicht nur Rabbinern – das Schießen und Kämpfen bei. »Jeder kann eine Synagoge betreten, ›Schabbat Schalom‹ wünschen und das Haus in die Luft sprengen oder anfangen, in der Gegend herumzuschießen«, sagt der kämpferische Rabbi. Also müssten die Juden Selbstverteidigung lernen.
Mit seinen langen Beinen macht Gary Moscovitz in einer Synagoge im New Yorker Stadtteil Queens vor, was zu tun ist: Er flankt über einen weißen Plastiktisch, reißt ihn dabei absichtlich um, verwendet ihn als Schutzschild und kauert sich dahinter, während er mit einer Spielzeugpistole in die Gegend zielt. Oder er führt vor, wie eine Geiselnahme aussieht: »Es ist möglich, dass ein Typ hier reinkommt, ›Allahu akbar!‹ schreit – oder irgendwas anderes – und jemanden schnappt.« Gary Moscovitz greift sich zwecks Illustration ein Mitglied seiner Gruppe, einen jungen Mann, schiebt ihn vor sich her und hält ihm von hinten die Spielzeugpistole an den Haaransatz. Alles, was Moscovitz vorführt, sieht ganz echt aus, ganz wie im Film. Besonders beeindruckend: die Hechtrolle über den Bock.

halacha Dies bringt uns zur halachischen Frage: Ist die Sache eigentlich koscher? Nach dem jüdischen Religionsgesetz ist das Tragen von Waffen am Schabbat ja ebenso verboten wie das Autofahren. Die notwendige Auskunft erteilt Shimon Rosenberg, ein Mann mit angegrautem Bart und freundlichen Augen, der ein Rabbinatstudium absolviert hat: »Als religiöser Mensch unterliegt man der Verpflichtung, auf seine Gesundheit zu achten. Und wie soll man auf seine Gesundheit achten, wenn man tot ist? Wie soll man auf seine Gesundheit achten, wenn man sich im Falle einer Bedrohung nicht selbst verteidigen kann?«
Es handelt sich also um einen typischen Fall von Pikuach Nefesch, der Rettung aus Lebensgefahr. Die hat nach rabbinischer Ansicht Vorrang vor fast jeder anderen Toravorschrift. Bewaffnete Selbstverteidigung ist selbstredend eingeschlossen, das Judentum ist ja eine sehr praktikable Religion.
Über ein anderes Rechtsprinzip – »dina demalchuta dina«, wörtlich: »Das Gesetz des Königreiches ist Gesetz« – brauchen Gary Moscovitz und seine Schüler sich nicht den Kopf zu zerbrechen. Sie verstoßen nicht gegen das Landesrecht. Schließlich garantiert der zweite Verfassungszusatz allen Menschen, die legal und dauer‐ haft in Amerika leben, grundsätzlich das Recht auf Waffenbesitz. In Deutschland wäre eine jüdische Selbstverteidigungsgruppe à la Moscovitz ganz schrecklich illegal – oder sie würde es in dem Moment, da sie ihre Spielzeugpistolen gegen echte Smith & Wessons eintauschte.

überfordert Die amerikanische Boulevardpresse hat inzwischen einen hübschen Namen für Gary Moscovitz gefunden: »Revolver‐Rabbi«. Der 52‐Jährige ist überzeugt, dass die Polizei, der er einst selbst angehört hat, heillos mit der Aufgabe überfordert ist, die New Yorker Juden vor Fanatikern und Wahnsinnigen zu schützen. Anschließend übt er mit seinen Schülern noch einmal die Rolle über den Plastiktisch. Leider kracht der Tisch dabei zusammen, der »Revolver‐Rabbi« wird wohl einen blauen Fleck davontragen. Uns bleibt am Ende nichts anderes übrig als zu beten, dass zu Rosch Haschana in New York nicht allzu viele Antisemiten unterwegs sein werden.

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