Abraham Joshua Heschel

Rabbiner für alle Zeiten

von Ben Harris

In der vergangenen Woche bereitete die jüdische Gemeindschaft in den USA eine Feier vor, um den 100. Geburtstag von Abraham Joshua Heschel, eines der größten jüdischen Denker des 20. Jahrhunderts, zu begehen. Geboren am 11. Januar 1907 in Warschau, wurde Heschel in den 60er Jahren seines Lebens zu einem der bekanntesten Rabbiner der Welt. Sein politischer Aktivismus und seine innovativen Schriften zur Theologie machten ihn berühmt.
Im März wird die Brandeis University ein zweitägiges Symposium über Heschel veranstalten. Weitere Veranstaltungen sind an der Schule in Manhattan, die seinen Namen trägt, an einem spirituellen Zentrum in Connecticut sowie in London, Berlin, Mailand und Krakau geplant.
Doch Heschel war nicht unumstritten. Sein Verhältnis zum Jewish Theological Seminary (JTS) in New York, an dem er jahrelang lehrte, soll geradezu spannungsgeladen gewesen sein. Der heutige Rektor des Seminars, Arnold Eisen, erklärt, eine zweistündige Begegnung mit Heschel um das Jahr 1970 in dessen von Büchern überquellendem Büro, habe sein Leben verändert. »Ich war einfach überwältigt«, erinnert sich Eisen. Er betrachte Heschel als den wichtigsten jüdischen Denker des 20. Jahrhunderts.
Die Vorgänger Eisens haben jedoch Heschel nicht immer hoch geschätzt. Sie sahen in ihm einen Außenseiter – einen Mystiker und politischen Aktivisten an einer Institution, die ihren Namen weder dem einen noch dem anderen verdankte.
Einige verwiesen auf Heschels unverhohlene Gegnerschaft zum Vietnamkrieg, die den konservativ denkenden Studenten an seinem Seminar nicht gefiel. Sein Aktivismus war sicherlich ein weit verbreiteter Zeitvertreib, jedoch kaum typisch für Rabbiner und Akademiker, wie seine Kollegen es waren.
Dennoch ist Heschels Vermächtnis lebendig. Seine Schriften sind die am häufigsten zitierte rabbinische Quelle zum Thema soziale Gerechtigkeit. Vielen ist ein Foto bekannt, wie er 1965 in Selma, Alabama, neben den Führern der Bürgerrechtsbewegung marschiert.
Heschels Einfluss war und ist überall zu spüren – von der National Mall in Washington D.C., wo sich im vergangenen Sommer tausende Juden aller Richtungen versammelten, um gegen die bekannt gewordenen Gräuel in Darfur zu protestieren – bis zu den Slums in der Dritten Welt, wo amerikanische Juden Freiwilligenarbeit leisten, die von Gruppen wie dem American Jewish World Service (AJWS) organisiert wird. Ruth Messinger, die Leiterin der Organisation, begegnete dem großen Gelehrten in ihrer Kindheit und wurde davon stark beeinflusst. »Heschel war ein Mensch, der gern Jude und Gelehrter war und der alles tat, beides auf die Zeit, in der er lebte, anzuwenden«, erzählt Messinger. »Das beeinflusste vor allem junge Juden sehr stark.«
Während es zu Heschels Zeit ungewöhnlich war, bärtige Rabbiner Seite an Seite mit schwarzen Führern marschieren zu sehen, ergreifen jüdische Führer heutzutage in dringenden tagespolitischen Fragen ganz selbstvertändlich das Wort. Das ist eine Veränderung, die viele direkt dem Einfluss des ruhigen Professors mit der dicken schwarzen Brille und der ungebändigten weißen Einstein-Mähne zuschreiben.
Auch in anderer Hinsicht war Heschel seiner Zeit voraus. Er war einer der ersten Rabbiner, die konsequent den Kontakt mit Führern anderer Religionen suchten. 1964 traf er mit Papst Paul VI. im Vatikan zusammen, und Heschel war der erste Rabbiner, der als Lehrer ans Union Theological Seminary in New York, ein liberales christliches Institut, berufen wurde.
Nach Abraham Heschels Tod 1972 erhielt seine Familie über Jahre hinweg jeden Freitagnachmittag Besuch vom Rabbiner einer kleinen chassidischen Synagoge in Manhattan, in der er oft gebetet hatte. Seine Tochter Susannah sagt, ihr Vater habe sich dort wie zu Hause gefühlt, da es ihn an seine Kindheit in Polen erinnerte. Es war diese Art von Anteilnahme, die ihn veranlasste, das bequeme akademische Leben aufzugeben, um seine Arbeit dem Kampf für soziale Gerechtigkeit zu widmen.
»Die Momente, in denen Rabbiner Cywiak durch unsere Tür trat, erinnerten daran, wer mein Vater wirklich war«, sagt sie. »In gewissem Sinne war das der Augenblick, in dem sich sein inneres Wesen, sein Herz und seine Seele, enthüllte. Das war es, was ihn dazu trieb, in Selma zu marschieren.«

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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