Glosse

Rabbi Goldfarbs Schabbatjahr

Rabbi Goldfarb schiebt schon seit fünf Minuten dasselbe Fleischklößchen auf seinem Teller hin und her. Er lässt es konzentrische Kreise in die Soße auf seinem Teller malen. Um ihn herum das übliche Gewäsch der Kidduschbesucher. Wer hat mit wem, wie viel kost’s, wie schmeckt’s, wohin geht’s. Der Rabbi kann es nicht mehr hören. Aber wenigstens hat ihn heute keiner der Spinner mit irgendwelchen extravaganten Ansuchen genervt. So wie damals, als er die 80-jährige Rosa Pomerantz für ihre nachgeholte Batmizwa coachen musste. Wochenlang hatte er versucht, ihr die Parascha einzutrichtern, bis sich herausstellte, dass sie stocktaub war. Dann Bernie Traubenfels, der den Rabbi darum bat, seinen Metalldetektor zu segnen. Er wollte am Strand von Ostende Golddublonen suchen. Oder damals nach der Brit der Rosenbaum-Drillinge, als der Rabbi eine geschlagene Woche im Kinderzimmer übernachten musste – »falls es Komplikationen gibt«. Der Rabbi hat die Nase gestrichen voll. Er ertränkt das Fleischklößchen kurzerhand in einem Pappbecher mit lauwarmer Cola, nimmt seinen Hut und geht.
Das Nächste, was man von Rabbi G. hört, ist, dass er für unbestimmte Zeit ein Schabbatjahr genommen hat. Mal was anderes machen. Etwas für Leute tun, die ihn wirklich brauchen. Und so findet sich Rabbi G. in einer gammligen Spelunke zwischen Europaviertel und Bahnhof wieder, neben einem Automatenbuffet mit versteinerten Sandwiches, direkt an der Ecke, wo Faye und Belle-Rose täglich ihre Netzstrumpf- und Latex-Show hinlegen, genau gegenüber von einem hässlichen Bürogebäude aus den 70ern, wo auch mein Boss Siggi und ich unsere Tage fristen.
»Goldfarb’s Deli« steht in Leuchtbuchstaben über dem kleinen Laden, in dem sich einige wacklige Resopaltische befinden sowie ein Hinterzimmer, bis zur Decke vollgestopft mit Pamperspackungen, wo Malka Goldfarb die Abrechnung macht, einem weiteren Zimmer für Rabbi G.s täglichen Minjan, außerdem ein blitzblank geputztes Büffet mit einem Sortiment Latkes, Zimmes, Pastramisandwiches, Hühnersuppe mit Mazzebällchen.
Schon bald hat mein Boss Siggi das geheime Slivovitzlager der Goldfarbs entdeckt, um seine Mittagspause aufzuwerten. Als kleiner Anreiz wird vor und nach dem Minjan Slivovitz serviert, Siggi als einziger Goj in dem Laden darf auch während des Davenens picheln. Stammgäste sind außerdem: ein gefährlich aussehender Trupp Teenager um Sammy Silberzwirn (entfremdeter Sohn des Gemeindevorsitzenden Sol Silberzwirn), alle mit Tätowierungen bis rauf zu den Ohrläppchen, die bei Goldfarbs ihre Scheschbesch-Duelle durchziehen und auf ihre Jugendstrafverhandlungen warten. Und Schloi- me, Ex-Security-Mann der jüdischen Schule, wegen einiger geringfügiger Alkoholprobleme gefeuert, rührt mit drohender Gebärde in seinem Kaffee mit Schuss und passt auf, dass kein Kunde frech wird oder die Zeche prellt.
Dass die ganze Sache dann doch in die Hosen ging, war eigentlich niemandes Schuld. Nach einem knappen Jahr ging Rabbi G. und seiner Malka die Kohle aus, so lecker die Kreplach und Knisches und der Kigel Jeruschalmi auch waren, bezahlt hat eigentlich niemand dafür. Und weil das Ganze so ein kostspieliges Verlustgeschäft ist, hat Rabbi G.s Hausbank ihm den Geldhahn zugedreht.
Und so ist er also zurück in seiner Synagoge. Aber das macht ihm nichts aus, denn die versnobte Vorstadtschul hat einiges an Lokalkolorit gewonnen. Sammy Goldzwirn und seine Kumpels sind wieder aus dem Jugendknast raus und kommen jetzt jeden Morgen zum Davenen, Security-Schloime hat einen Entzug gemacht und sorgt dafür, dass niemand dem Rabbi mit nervigem Gewäsch zu nahe kommt.
Nur mein Boss und ich müssen jetzt wieder zum Süßigkeiten-Automaten in der U-Bahnstation migrieren, um die Mittagspause irgendwie erträglich zu machen. Und nicht mehr lang, dann kann ich mir sowieso einen neuen Job suchen, mein Boss hat seinen Internet-Studiengang »Judentum leicht gemacht« mit Erfolg absolviert und ist schon im Express-Ulpan des Kibbutz Lavi eingeschrieben, wo er eine Stelle als Hühnchenrupfer und Kartoffelschäler in Aussicht hat. An der Bürotür hängt jetzt eine Mesusa und über meinem Computer ein Bild des Rabbi Meir Baal Hanes. Und ich frage mich, ob mein Boss das mit dem Slivovitz wohl irgendwie falsch verstanden hat. Tamara Goldstein

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Jüdische Allgemeine vom 26. September 2019

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