Masorti-Lehrhaus

Psalmen, Tee und Kekse

von Anke Ziemer

Die Psalmen sind alt, darüber waren sich die Teilnehmer des Seminars „Wie verstehen wir die Psalmen, vor allem die im Siddur?“ am Masorti‐Lehrhaus schnell einig. Doch wie alt genau, wußte auch der Seminarleiter Scott Kramer nicht so genau. „Sie sind wohl in der Zeit zwischen dem Auszug der Juden aus Ägypten und bis nach dem Babylonischen Exil entstanden“, faßte der Rabbinerstudent der University of Judaism, Los Angeles, die Hinweise der Teilnehmenden und den Stand der Wissenschaft zusammen. „Fest steht, daß sie in fünf Bücher eingeteilt sind und im Aufbau bestimmten Mustern folgen.“
Bei Tee und Gebäck trafen sich Mitte Januar fünf Frauen und zwei Männer zum gemeinsamen Studium in klassischer Chewruta‐Form. Zunächst führte Scott Kramer in das Thema ein, anschließend wurden einzelne Psalmen auf Hebräisch und Englisch oder Deutsch vorgelesen. Danach diskutierten die Teilnehmer in Zweiergruppen den Inhalt ausgewählter Passagen und versuchten, die zentralen Verse zu bestimmen. Schließlich trugen die Studienpaare ihre Ergebnisse in der großen Gruppe zusammen.
„Methodisch ist diese Form sehr traditionell und nimmt gleichzeitig Franz Rosenzweigs Ansatz vom Lernen auf“, erklärt Rabbinerin Gesa S. Ederberg, Initiatorin des Masorti‐Lehrhauses. „Dabei geht es um ein selbstbestimmtes, mündiges sich Auseinandersetzen mit den jüdischen Quellen.“ Die Lehrenden geben die Interpretation nicht vor, sondern bieten Verständ‐
nishilfen an und dienen als „Hebammen“. Die Quellentexte liegen in Hebräisch und in Übersetzungen bereit, so daß die Ernsthaftigkeit des Studiums gesichert ist, die sprachliche Hürde aber nicht zu hoch liegt. „Der gleichberechtigte Austausch unter Lernpartnern ermöglicht, daß sich Leute mit unterschiedlichen Voraussetzungen daran beteiligen können“, ist Teilnehmerin Anja Uebel nach dem Seminar erfreut. „Die Beschäftigung mit den Psalmen war für mich zwar nicht neu, aber immer noch sperrig. Trotzdem konnte ich meine Fragen ebenso einbringen wie Fortgeschrittenere.“
Masorti e.V., der Verein zur Förderung der jüdischen Bildung und des jüdischen Lebens, will mit seinem Lehrhaus die Bildungsangebote innerhalb und außerhalb der jüdischen Gemeinde ergänzen – aber nicht nur methodisch, sondern auch inhaltlich. „Es gibt in Berlin zahlreiche Möglichkeiten des Lernens über Judentum – die natürlich wichtig sind, weil sich auch nichtjüdische Interessenten über unsere Traditionen informieren sollen“, betont Rabbinerin Ederberg. „Aber unser Lehrhaus habe ich als einen geschützten Raum konzipiert, in dem nicht ein Lernen über Judentum, sondern ein jüdisches Lernen stattfindet. Denn hier steht die existentielle Auseinandersetzung mit den Texten im Vordergrund, wofür der persönliche Bezug der Lernenden zur jüdischen Tradition eine wichtige Voraussetzung ist.“
Was heute „Masorti“ heißt, begann 1854 in Deutschland mit dem Breslauer Jüdisch‐Theologischen Seminar. An der durch Rabbiner Zecharia Frankel gegründeten Ausbildungsstätte wurden bis zur Zerstörung im Jahre 1939 rund 250 Rabbiner ordiniert. „Wie damals so geht es auch heute darum, zwischen der traditionellen Religiosität und der modernen Lebenswirklichkeit zu vermitteln“, erläutert Ederberg die Parallelen der Aufgaben. „Auch wenn wir keine Rabbinerausbildung betreiben, so wollen wir doch eine Lernatmosphäre schaffen, aus der heraus sich etwas entwickeln kann. Rabbiner und Lehrer für Deutschland benötigen wir dringend.“
Obwohl durch die Schoa in Deutschland untergegangen, kommt Masorti allmählich zurück und besitzt hier inzwischen mit ihrer Maxime – Judentum hat immer in der jeweiligen Gegenwart gelebt und das ist gut so – einen festen Platz in der Mitte der Strömungs‐Landschaft. Zum Profil gehört, daß Frauen in allen Bezügen gleichberechtigt sind, aber auch, daß die Halacha verbindlich ist. „All jene, die mit dieser Haltung leben können, sind willkommen“, bekräftigt Gesa S. Ederberg, die als Rabbinerin auch in der oberpfälzischen Gemeinde Weiden tätig ist.
Um den Spaß am Lernen zu vermitteln, wählt sie Lehrende aus, deren jüdische Identität sich in der Auseinandersetzung mit der Gegenwart als klare und starke Identität manifestiert. In den vergangenen drei Jahren konnte sie mehrere auswärtige Gastdozenten gewinnen. Auch mit „reisenden“ Rabbinerstudenten hat sie gute Erfahrungen gesammelt. „Ich würde diese Form der Lehre, daß amerikanische Studenten während ihrer Ausbildung nicht nur in Israel, sondern auch in Deutschland praktizieren, gern ausbauen“, sagt Gesa Ederberg. „Sie wären eine wichtige Ressource für das vielfältige Angebot unseres Lehrhauses.“ Darüber hinaus sorgen die reisenden Rabbinerstudenten auch für positive Nebenwirkungen: Sie sind nicht nur Botschafter für das erstarkende jüdische Leben in Deutschland, das in Amerika noch wenig bekannt ist. Sondern sie können auch durchaus Vorbild für hiesige Lernende sein, nach dem Motto: Wenn der das kann, dann könnte ich das auch. „Denn unser Bild von Rabbinern ist sehr einseitig durch Attribute wie grauer Bart, Schläfenlocken und schwarzer Hut geprägt“, sagt Gesa S. Ederberg, die ihre Smicha Ende 2002 am Schechter Institute for Jewish Studies in Jerusalem erhalten hat, mit einem Augenzwinkern. „Diesem möchte ich mit Scott Kramer und den anderen gern etwas entgegensetzen.“

Hinweise zu Veranstaltungen des Masorti‐Lehrhauses: Telefon: 030/ 21 01 65 51
www.masorti.de

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