schmitta

Prinzip Hoffnung

Die Schmitta ist ein Gesetz der Tora, das von den israelitischen Bauern verlangt, ihre Felder während des siebten Jahres brachliegen zu lassen. Der biblische Wortlaut lässt keinen Zweifel: Das Gesetz wurde den Israeliten zum selben Zeitpunkt und am gleichen Ort gegeben, an dem sie die Zehn Gebote und die anderen Gesetze der Tora empfingen, nämlich am Berg Sinai. Mitten in der Wildnis, weit weg von jeglicher Zivilisation, weit weg von fruchtbarem Land, noch weit entfernt von der Heimat, zu der sie ziehen, wurde ihnen gesagt, was sie tun sollten – nicht bei ihrer Ankunft im Gelobten Land, nicht im ersten Jahr, auch nicht im zweiten Jahr nach ihrer Ankunft. Es ging darum, was sie sieben Jahre danach tun sollten! Merkwürdig. Stellen Sie sich vor, man sagt zu einem Bat‐ oder Barmizwa‐Kind: »Räum dein Zimmer auf, mach deine Hausaufgaben – ach ja, und nebenbei gesagt, wenn du 20 sein wirst, hätte ich gern, dass du nett zu deiner Schwester bist.« Ist es nicht das, was die Tora meint?
Die Rabbiner waren sich dessen wohl‐ bewusst, und sie fassten es in einer be‐
rühmten Frage zusammen: »Mah Injan Schmitta etzel Har Sinai« (Was hat die Schmitta, das Gesetz des Sabbatjahres, mit dem Berg Sinai zu tun)?

Herausforderung In der Wüste muss‐te das Volk so viele Herausforderungen des täglichen Lebens bewältigen: sich um Le‐
bensmittel, Kleidung und Obdach kümmern. Die Menschen hatten den Kopf voll mit Problemen, es gab so viele Hindernisse zu überwinden, dass man von ihnen schwerlich erwarten konnte, die volle Tragweite des landwirtschaftlichen Gesetzes zu erfassen, das erst nach sieben Jahren in Kraft treten würde. Warum wurde es ih‐
nen dann überhaupt gegeben?
Der Grund könnte darin liegen, dass sich die Israeliten gerade zu dieser Zeit und an diesem Ort einer Herausforderung stellen mussten, auf die das Gesetz der Schmitta eine unmittelbare Reaktion zu sein scheint. Was könnte das gewesen sein? Die Herausforderung, im Angesicht der Verzweiflung die Hoffnung nicht zu verlieren.
Man bedenke, was diese Menschen alles durchgemacht hatten: die Sklaverei in Ägypten, die sich hinziehenden Verhandlungen mit dem Pharao um ihre Freiheit – Verhandlungen, die letztendlich scheitern. Dann die überstürzte Flucht mitten in der Nacht, die Falle an den Ufern des Schilfmeers, Entkommen nur durch das wundertätige Eingreifen Gottes, Hunger und Durst in der Wüste, Streit untereinander und so weiter und so fort. Zu dem Zeitpunkt wäre es nicht verwunderlich gewesen, wenn ei‐
nige, ja alle Israeliten sich zu fragen begonnen hätten, ob sie das Gelobte Land jemals erreichen würden. In der Tat wissen wir, dass es Leute gab, die schrien: »Wir wollen zurück nach Ägypten!« Stellen Sie sich vor, Sie wären Moses oder Gott und müssten sich solche Unverschämtheiten anhören?! Was für eine unerhörte Beleidigung! Doch so absurd es in unseren Ohren klingt, dass einige Israeliten ernsthaft eine Rückkehr an den Ort ihrer Sklaverei erwogen, statt darauf zu drängen, in ihre Heimat zurück‐zukehren, so ergibt es doch Sinn. Viel Sinn sogar. Versetzen Sie sich an die Stelle dieser Leute, und Sie werden vielleicht auch zu der Schlussfolgerung gelangen: »Der Teufel, den man kennt, ist besser als der, den man nicht kennt.«
Wenn wir harte Zeiten erleben, ist es leichter, sich auf die Vergangenheit zu konzentrieren; es ist leicht, anderen die Schuld zuzuschieben. Es ist ein Leichtes, über die Vergangenheit zu grübeln, sich wieder und wieder zu fragen: »Was ist schiefgegangen, was hätten wir besser machen müssen?« Überlegungen, die mit »Wenn bloß …« an‐
fangen, sind kinderleicht: »Hätten wir bei den Pyramiden bloß härter gearbeitet; hätte sich Moses bloß besser ausdrücken können!« Und es ist kinderleicht, das Spiel der Schuldzuweisungen zu spielen und die Menschen zu dämonisieren, die uns anscheinend in die Irre geführt haben.
Kommt Ihnen das bekannt vor? Wie viele Menschen ärgern sich schwarz in diesen Tagen: »Wenn ich bloß meine Aktien verkauft hätte, bevor die Börse völlig im Keller war. Hätte ich bloß.«

Zuversicht Als Reaktion auf diese Neigung der Leute, sich in schwierigen Zeiten auf die Vergangenheit zu besinnen und sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen zu ergehen, sagt Gott zu Moses und dem Volk: »Schaut nicht zurück. Schaut nach vorn. Die Situation ist zwar schwierig im Moment, aber ihr werdet in das Gelobte Land kommen. Ihr werdet die Felder bebauen. Die Früchte des Feldes werden gedeihen. Und ihr werdet die Felder wieder und wieder bebauen. Und ihr werdet essen und zufrieden sein und Gott für den Reichtum des Landes danken. Und noch was: Vergesst nicht, nach sechs Jahren Nahrungsmittel auf die Seite zu legen, damit ihr durch das siebte Jahr kommt, denn das ist für euch und für das Land ein Sabbatjahr.«
Wie viel Hoffnung und Zuversicht da‐rin stecken! Das Volk erhält die Zusicherung, dass es den Treck durch die Wüste überleben und seinen Bestimmungsort erreichen wird.
Wir brauchen heute eine solche Hoffnung. Nicht irrationale, sondern vernünftige Hoffnung. Ja, unsere Volkswirtschaft ist geschrumpft. Aber es gibt Anzeichen, dass sie weniger schnell schrumpft. Das ist gut zu wissen. Und auf jede wirtschaftliche Flaute folgte in der Geschichte stets wieder ein allmählicher Aufschwung. Auch das ist gut zu wissen.
Wenn Sie sich darauf konzentrieren, wie mies die Dinge in der Vergangenheit waren, ist es sehr schwierig sich vorzustellen, wie es eines Tages sein könnte. Aber genau das ist der springende Punkt. Man kann ohne vieles leben, doch ohne Hoffnung kann man nicht leben.
Nebenbei gesagt, hat die Hoffnung – zumindest die Art Hoffnung, von der wir sprechen – nichts mit Blauäugigkeit zu tun. Als die Israeliten indirekt erfuhren, dass sie es bis zum siebten Jahr schaffen würden, hieß das ja nicht, dass es ganz ohne Stress und Sorgen abgehen würde. Ganz und gar nicht. »W’khi yamuch achicha« (Wenn dein Bruder in Not ist) oder »Wenn dein Bruder schwierige Zeiten durchmacht« – musst du die Hand ausstrecken und ihn unterstützen. Das ist es, was sie erfuhren! Sie erfuhren, dass nach ihrer Ankunft im Gelobten Land, nach Überwindung aller militärischen, logistischen und anderen fundamentalen Schwierigkeiten auf dem Weg dahin wirtschaftliche Not herrschen wird. Und einige werden ihre Schulden nicht bezahlen können. Einige werden ihre Miete nicht bezahlen können. Und sie werden von dem Land vertrieben! Das hört sich ziemlich schreck‐lich an! Wie soll das ein hoffnungsvolles Bild der Zukunft sein?
Die Antwort darauf lautet, dass das Gesetz in sich die Hoffnung birgt, dass wir auch in schweren Zeiten ausharren werden. »Wenn dein Bruder verarmt und etwas von seinem Grundbesitz verkauft, soll sein Verwandter als Löser für ihn eintreten und den verkauften Boden seines Bruders auslösen«, wurde den Israeliten (3. Buch Moses 25,25) geheißen. »Wenn dein Bruder verarmt …« – seine Arbeit, sein Haus, seine Felder verliert – »sollst du ihn, auch einen Fremden oder Halbbürger, unterstützen, damit er neben dir leben kann« (25,35). Man muss sich gegenüber einem solchen Menschen verhalten, als wäre er ein Bruder oder eine Schwester. Er ist kein namenloser und gesichtsloser verarmter Mensch, er ist dein Bruder. Sie ist kein Unglückswurm, der von der Hand in den Mund lebt; sie ist deine Schwester.

unterstützung Das ist die Botschaft der Gesetze, die erst Jahre später in Kraft treten und die am Berg Sinai überreicht wurden: Wir werden es schaffen. Die Werkzeuge für das Überleben sind in unseren Händen und in unseren Herzen. Ja, es wird eine Rezession geben. Aber wir werden ausharren und überleben – wenn wir unsere israelitischen Brüder und Schwestern mit Liebe und Achtung behandeln. Wenn wir unsere Hand ausstrecken und helfen, damit sie ihr Haus, ihren Job behalten und produktiv und unabhängig bleiben.
Unlängst nahm ich an dem Jahrestreffen des Synagogue Council of Massachusetts teil. Neil Gold, der Rabbiner, hieß uns alle willkommen und meinte, die Mitglieder seiner Gemeinde hätten auf zweierlei Weise auf die Krise reagiert. Die einen sagen: »Die Zeiten sind hart. Ich glaube, ich muss die Unterstützung der Synagoge einstellen.« Die anderen sagen: »Die Zeiten sind hart. Ist es nicht wunderbar, dass wir eine Synagoge haben? Ist es nicht wunderbar, dass die Synagoge für uns alle da ist?« Einige fügen ihrer jährlichen Mitgliedsgebühr etwas hinzu, um ein klein wenig beizutragen, dass alle durch diese schwierigen Zeiten kommen, dass niemand aus der Gemeinschaft herausfällt.
Religion verspricht uns keinen Rosengarten. Sie bietet uns keine Wundermittel. Zumindest nicht die Religion, die ich kenne und liebe. Leben – das heißt sich den Herausforderungen zu stellen. Das gilt für Individuen, und es gilt für Gemeinschaften und für Völker. Doch wenn wir mit den Menschen in unserer Umgebung liebevoll umgehen, wenn wir die Hand ausstrecken, um jenen, denen es schlechter geht als uns, zu helfen, dann werden wir auch die schwierigsten Zeiten aushalten. Das ist die Botschaft der Tora‐Lektüre.
»Mah Injan Schmitta etzel Har Sinai?« Was hat das Gesetz von Schmitta, was hat irgendeines dieser Gesetze mit dem Berg Sinai zu tun? Nur dieses: Es werden wieder bessere Zeiten kommen. In der Zwi‐
schenzeit müssen wir uns immer vor Au‐
gen halten, dass sich die Wirtschaft unausweichlich wieder erholen wird – genauso unausweichlich, wie sie in die Krise gerät. Es ist ebenso unausweichlich, dass in manchen Jahren einige von uns prosperieren, während viele andere leiden. Möge dieses Wissen uns wachsam machen und uns bewegen, unsere Herzen und unsere Ta‐
schen zu öffnen und unser Bestes zu ge‐
ben, um füreinander da zu sein.

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