Ungarn

Preis der Freiheit

von Andreas Bock

Unweit der großen Ringstraße, im achten Bezirk der ungarischen Hauptstadt, sticht ein Haus neben den benachbarten Gründerzeitbauten heraus. In dem repräsentativen, aus roten und gelben Ziegeln gefertigten Backsteinbau wurde 1877 das Buda‐ pester Rabbinerseminar gegründet. Mit der finanziellen Unterstützung von Kaiser Franz‐Josef und gegen den Widerstand des orthodoxen Judentums startete das Seminar als neologe Ausbildungseinrichtung mit einem Gymnasium und einer Hochschule. Die religiösen Inhalte wurden durch weltliche Fächer wie Mathematik, Biologie, Physik, Chemie und Geografie ergänzt, die ungarische Kultur und Sprache explizit gefördert.
Mit der Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen wurden hunderte Studenten, Rabbiner, Professoren und Dozenten des Seminars in die Konzentrationslager deportiert und ermordet. Noch vor dem endgültigen Kriegsende, am 22. März 1945, wurde die Hochschule wiedereröffnet. »Nach dem Krieg blieb lediglich in Ungarn eine nennenswerte Zahl an Juden übrig, weshalb es hier noch möglich war, ein Rabbinerseminar zu organisieren«, erklärt Péter Feldmájer, der Vorsitzende der Vertretung der jüdischen Gemeinden in Ungarn (MAZSIHISZ), in deren Trägerschaft sich die Einrichtung heute befindet. Schließlich erlaubte auch die sowjetische Führung den Fortbestand des Seminars. Nur das Gymnasium musste 1946 aus Mangel an Schülern geschlossen werden.
Mit der finanziellen Unterstützung jüdischer Organisationen aus den USA und Großbritannien konnte das teilweise zerstörte Rabbinerseminar nach dem Krieg wieder hergerichtet werden. Nur 34 Studenten umfasste der erste Nachkriegsjahrgang, zwei Jahre zuvor waren es noch knapp 200 gewesen. Nun ließen sich an der einzigen Ausbildungsstätte für Rabbiner im gesamten kommunistischen Ostblock auch Studenten aus Bulgarien, der Tschechoslowakei, der Sowjetunion und der DDR in Ungarns Hauptstadt zu Rabbinern oder Kantoren ausbilden. Meist kehrten sie nach dem Studium in ihre Heimat zurück. Dass die Studenten des Seminars unter besonderer Beobachtung der Staats‐ und Geheimpolizei standen, lag auf der Hand.
Ferenc Borsányi‐Schmidt ist Absolvent des Budapester Rabbinerseminars und unterrichtet heute jüdische Literaturgeschichte an seiner alten Ausbildungsstätte. Während seiner Studienzeit zwischen 1967 und 1973 schwappte in Folge des Sechstagekrieges eine antizionistische Welle nach Europa. »Man musste damals sehr aufpassen, was man sagte, da die staatlichen Kontrollen sehr streng wurden«, erzählt Borsányi. Einer seiner Kommilitonen kam für die Verteidigung der israelischen Politik in einer öffentlichen Rede ins Gefängnis. Ein anderer wurde tagelang verhört, nachdem er in einem privaten Gespräch eine proisraelische Meinung geäußert hatte. Zum Rabbiner wurde dieser erst mit Jahren Verspätung ernannt. »Bestimmte Voraussetzungen für die Aufnahme am Seminar gab es keine, wer aber Karriere machen wollte, hielt sich streng an die Parteilinie«, erinnert sich Borsányi‐Schmidt. Die ungarische Geheimpolizei benutzte vor allem Studenten als Spitzel, um an Informationen des »Klassenfeinds« zu gelangen. Lehrer und Dozenten durften an der Einrichtung nur dann unterrichten, wenn sie mit der politischen Linie der ungarischen Regierung konform waren. Wer sich nicht unterordnen wollte, musste die Einrichtung verlassen.
Als Mittlerbehörde zwischen Staat und Rabbinerseminar fungierte die Landesvertretung der Ungarischen Israeliten (MIOK). Diese ungarnweit wichtigste jüdische Einrichtung, die die Leitung des Seminars bestimmte, hatte enge Verbindungen zu Geheimpolizei, Arbeiterpartei und zum »Amt für religiöse Angelegenheiten«. Das Rabbinerseminar war vollkommen abhängig vom Wohlwollen des Staates. »Die Lehrkräfte gingen viele Kompromisse ein, um den Bestand des Rabbinerseminars nicht zu gefährden«, betont Feldmájer. Wissenschaftlich aufgearbeitet ist die kommunistische Periode der Einrichtung noch nicht, und es gibt auch keinerlei Anzeichen dafür, dass dies demnächst in Angriff genommen werden würde.
Nach der Wende konnte das Seminar seine Autonomie zurückgewinnen. Mit Hilfe einer größeren Spende der deutschen Niermann‐Stiftung wurden die Unterrichtsräume und die Bibliothek renoviert. Seit den 90er‐Jahren hat das Rabbi‐ nerseminar den Rang einer jüdischen Uni‐versität und bietet auch die Studienrichtungen jüdische Kunstgeschichte, Sozialarbeit oder Liturgiegeschichte an. Diese Er‐ weiterung ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die sinkende Anzahl an Rabbinatsstudenten: Derzeit sind lediglich zehn Studenten immatrikuliert.

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