Aschkelon

Plötzlich Krieg

von Sabine Brandes

Sie hinterlassen Zerstörung, Trauer und Angst. Seit vergangener Woche sind die Raketen aus dem Gasastreifen auch in Aschkelon brandgefährliche Realität geworden. Direkte Einschläge rissen klaffende Löcher in Häuser und Straßen, einige Bewohner mussten mit Schrapnellwunden, viele mehr wegen Schock behandelt werden. Eine heftige Welle mit Dutzenden Kassams traf die Stadt am Mittelmeer mitten ins Zentrum – und die Bewohner ins Herz.
Dabei ist Aschkelon eigentlich eine Er-
folgsgeschichte. Vor gar nicht allzu langer Zeit noch als Immigrantenhochburg mit hohem Langeweile-Faktor verschrien, hat sich die 120.000-Einwohner-Stadt in den vergangenen zehn Jahren zu einer feschen Oase am Meer gemausert. Statt schmieriger Falaffelbuden und Wohnsilos mit Ostblock-Charme, zieren heute gestylte Caféketten und schmucke Einfamilien-
Häuschen die Straßen, Touristen flanieren die Strandpromenade auf und ab. Aschkelon, 50 Kilometer von Tel Aviv entfernt, ist eine echte Alternative zum Zentrum des Landes geworden.
Zumindest bis zu jenen Tagen, als die Raketen kamen. Mit unbekannter Häufigkeit und Reichweite schlugen sie in und um die Stadt ein, kamen sogar bis zu ei-
nem nördlich gelegenen Kibbuz. Sie trafen das ungeschützte Krankenhaus Barzilai, schockierten Ärzte, Krankenschwes-
tern und -pfleger, die sich ständig um Bombenopfer aus dem benachbarten Sderot kümmern, verletzten Körper und Seelen der Menschen, die sich hier in sicherer Ruhe wägten.
Landschaftsarchitekt David Gat arbeitet im Nationalpark. Er hat eine zauberhafte Erholungsstätte geschaffen, sattes Grün gespickt mit historischen Artefakten aus der reichen Geschichte. Die Bomben ha-
ben den Park schon erreicht, Gat hat Angst um die archäologischen Schätze. »Zwar ist der Park sehr weitläufig, doch Treffer gibt es immer. Ich hoffe, dass die ganze Schönheit nicht zerstört wird. Es wäre schreck-
lich für die Menschen, die hier leben.«
Das wünscht sich auch Jossi Gorin, der mit Frau und Tochter in einer Dreizimmerwohnung unweit des Zentrums lebt. »Wir hätten nie gedacht, dass der Krieg hierher kommt«, sagt er hörbar erschüttert, »das ist hier doch nicht Gasa, wir leben mitten in Israel.« Gorin ist ein rüstiger Rentner, der täglich zwei Stunden mit seinem Hund am Strand spazieren geht. Vor 13 Jahren zog er mit Familie von Jerusalem nach Aschkelon, um, wie er erzählt, das gute Leben am Meer zu genießen.
Von Genuss kann keine Rede mehr sein: Die Raketen schlugen nicht weit vom Haus der Gorins ein. »Ich habe es immer wieder knallen hören, die Wände wackelten, aber wir wussten überhaupt nicht, was da ge-
schieht.« Gorins Wohnung hat keinen Schutzraum, und erst nachdem Nachbarn klingelten und klopften, realisierte die Familie, dass sie sich in Sicherheit bringen muss. Gemeinsam mit anderen Bewohnern des Mietshauses hockte sie stundenlang im Treppenhaus. Der große Schreck steckt dem 68-Jährigen noch in den Knochen. Mit dem Hund war er seitdem immer nur kurz vor der Tür, am Strand ist er seit Tagen nicht gewesen. Gorin lässt den Kopf hängen. »Ich habe Angst, dass es nie wieder wird, wie es einmal war.«
Daran will Bürgermeister Roni Mehatzri nicht denken. Der erste Mann hat sich fest vorgenommen zu vermeiden, dass das Schicksal seiner Stadt dem des raketengeschüttelten Nachbarn ähnelt. »Wir wollen nicht Sderot werden«, sagte er, als er den Schutzraum verließ, »ich hoffe, dass es nur eine Sache von wenigen Tagen ist.« Zwar trafen schon 2005 einige Raketen Aschkelon, doch es waren insgesamt nicht mehr als eine Handvoll. Obwohl nach dem Wo-
chenende das »Zewa Adom«-Alarmsystem aktiviert wurde, gibt Mehatzri zu, dass die Stadt für derartige Angriffe nicht bereit sei. »Wir haben keine Infrastruktur, um eine große Anzahl an Verletzten zu behandeln, das Krankenhaus selbst ist nicht ge-
schützt.« Israel antwortete auf die jüngsten Attacken mit Luftangriffen auf den Gasastreifen.
Gestern Sderot, heute Aschkelon, morgen Tel Aviv? Bei der Reichweite der abgefeuerten Raketen bedarf es keiner allzu ausgeprägten Vorstellungskraft, sich die Me-
tropole unter Beschuss vorzustellen. Die israelische Armee erklärte, dass Hamas die Kassams, die in Gasa produziert werden, schnell weiterentwickelt. Vor sieben Jahren schafften sie sieben bis acht, heute schon 17 Kilometer – genauso weit, wie Aschkelon vom Gasastreifen entfernt ist. »Wahrscheinlich«, so ein Sprecher im Armeeradio, »werden sie bis zum Ende des Jahres 20 Kilometer weit fliegen können«.

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