Marais

Peu à peu

von Tilman Vogt

Das Gemeindeblatt der Kirche Saint-Louis-en-l’Île im vierten Pariser Arrondissement trägt den trotzigen Namen Das christliche Marais und signalisiert damit, dass hier die Mehrheits‐ und Minderheitsverhältnisse ein wenig anders proportioniert sind als im Rest der Stadt. Zumindest kulturell müssen sich die wackeren Katholiken als Minorität fühlen, denn das Marais gilt zum einen als Schwulenviertel, vor allem aber als das Aushängeschild des Pariser Judentums.
Mit dieser pikanten Hegemonie könnte es allerdings bald vorbei sein: Mehr und mehr Modeketten und Galerien siedeln sich in der Gegend rund um die mittelalterlich‐enge Rue des Rosiers an, die vormals von vielen kleinen aschkenasischen Geschäften geprägt war. Die Neuen vertreiben sowohl jüdische Buch‐ und Kramläden als auch koschere Restaurants. Es spielt sich ein Phänomen ab, das von der Stadtsoziologie gemeinhin als Gentrifizierung bezeichnet wird: Wohlhabende und die zu ihnen passenden Geschäfte übernehmen ein ehemals ärmliches Viertel und verdrängen die alte Bevölkerung samt ihren kulturellen Prägungen.
Nach dem Wegzug des französischen Adels im 18. Jahrhundert bot das altertümliche Viertel Wohnraum für arme Leute, vornehmlich Migranten. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Gegend der erste An‐ kunftsort für Ostjuden, von denen die meisten hier auch blieben und ihr kleines Schtetl mitbrachten, was dem Ort schnell den Namen „Pletzl“, kleiner Platz, einbrachte. Auf engem Raum gibt es hier eine Talmudschule, vier Synagogen, mehrere jüdische Buchhandlungen und Bäckereien, die Mohnstrudel und Käsekuchen verkaufen. Mittel‐ punkt der Rue de Rosiers war das Delikatessen‐Restaurant „Jo Goldenberg“. Es wurde zum jüdischen Leuchtturm und Identifikationspunkt – so sehr, dass es ins Faden‐ kreuz islamistischer Terroristen geriet: Bei einem Anschlag 1982 wurden sechs Menschen getötet und weitere 22 verletzt.
An dem legendären Lokal, dessen Außenwand große goldene Davidsterne zieren, hängt nun ein Schild „Zu vermieten“. Seit dem Bau der Oper an der benachbarten Bastille wurde die Gegend zum Ausgeh‐ und Szeneviertel. Mehr und mehr hochwertige Modeketten siedeln sich an und treiben die Preise in – selbst für Pariser Verhältnisse – astronomische Höhen, bei denen die jüdischen Einzelhändler nicht mehr mithalten können.
Als im Jahre 2000 in dem Gebäude eines ehemaligen Dampfbads eine McDonald’s-Filiale eröffnen sollte, bildete sich eine „Anwohnergemeinschaft für die Erhaltung der historischen Struktur“ und verhinderte durch Proteste tatsächlich den Einzug des Fastfood‐Restaurants. Allerdings ist der Einfluss der politischen Mobilisierung gegen die Kraft des Kommerzes beschränkt: Mittlerweile hat die schwedische Modekette H&M das Gebäude gekauft und plant, darin eine Filiale zu eröffnen.
Der Präsident der Bürgervereinigung, Nicolas Secondi, glaubt, politische Maßnahmen wie Ansiedelungsgesetze könnten dem Verlust der jüdischen Seele des Marais Einhalt gebieten. Doch die politisch Verantwortlichen des Arrondissements geben sich eher pessimistisch: Der allgemeinen Tendenz, die französische Hauptstadt zu veredeln und zu kommerzialisieren, wissen auch sie nur wenig entgegenzusetzen.
Bei einigen jüdischen Geschäften schlägt sich diese Entwicklung allerdings positiv nieder. Wo früher kleine Handwerksbetriebe ihre Dienste anboten, locken heute im Herzen des Viertels fünf Falafel‐Buden die Touristenströme – und schrecken mitunter nicht davor zurück, nach Bauernfängerart Kunden zu werben.
Vielseitiges und erstarkendes jüdisches Leben findet sich heute zwar auch im 19. Arrondissement, wo es mehr als ein Dutzend Synagogen gibt. Doch das Marais ist einzigartig durch die starke räumliche Konzentration jüdischer Einrichtungen: Nur hier ist an manchen Tagen noch ein wenig dem Puls der untergegangenen Schtetl nachzuspüren. Oder wie es einmal ein Kunde der Bäckerei Finkelstajn formulierte: „Wir kommen hierher, um unsere Wurzeln zu schmecken.“

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