Mikwe

Perle statt Platte

von Katrin Richter

Grün ist eine schöne Farbe. Doch von ihr musste Schwedt lange träumen. Die Stadt an der Oder war im Zweiten Weltkrieg vollkommen zerstört worden und in den 60er-Jahren am Reißbrett neu entstanden. Sie sollte das Vorzeigeprojekt der DDR werden. Hauptarbeitgeber der Stadt war jahrzehntelang das petrolchemische Kombinat. Die fast 55.000 Einwohner fanden in den Plattenbauten, die zweckmäßig aber eintönig Grau in Grau beieinander standen, zwar moderne Wohnungen aber architektonisches Einerlei.
Und doch schlummerte in Schwedts Innerstem ein grüner Garten, der zwischen Obstbäumen und Studentenblumen eine Besonderheit versteckt hielt: eine Mikwe. Das Grundstück, das sich schon zu DDR-Zeiten im Privatbesitz des Stadtarchitekten befand, liegt unscheinbar im westlichen Teil der Schwedter Altstadt. Schräg gegenüber befinden sich ein Hotel und ein chinesisches Restaurant. Bis jetzt können Passanten die Mikwe nur durch einen alten Zaun betrachten. Die Kuppel des Ritualbads ist dicht bedeckt von wildem Wein. Links von ihr steht noch das Haus des Tempeldieners, rechts stand einmal die Synagoge. Sie wurde in der Pogromnacht 1938 zerstört. Zusammen bildete das Ensemble einst das jüdische Viertel der Stadt.
Dass Schwedt eine lange jüdische Geschichte hat, belegt die Urkunde über den Zuzug des ersten Juden der Stadt, Benedikt Levi, 1672. Um 1800 lebten hier 13 Familien, und im 19. Jahrhundert zählte die Gemeinde 200 Mitglieder. Der letzte Jude von Schwedt wurde 1942 von seiner Haushälterin heimlich beerdigt.
Doch erst heute beginnt die Markgrafenstadt sich wieder auf ihre jüdische Geschichte zu besinnen und restauriert die Mikwe. »Diese museale Kostbarkeit soll jetzt aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen«, sagt Bürgermeister Jürgen Polzehl, der das Kleinod, um ein Museum ergänzt, der Öffentlichkeit zugänglich machen möchte. Ein weiteres Zeichen des Wandels in der Stadt.
Nach der Deutschen Wiedervereinigung waren die grauen Plattenbauten bunt angestrichen worden. Seit 1998 wurden rund 5.500 Wohnungen abgerissen und ganze Stadtteile komplett umgestaltet. Schwedt möchte weg vom Plattenbau-Image. Zeigte Jürgen Polzehl den Schwedter Besuchern anfangs noch gern die Fortschritte des Abrisses, änderte er schon bald das Besichtigungsprogramm und ging mit ihnen in Richtung Altstadt. Die Gäste wandern durch enge Gassen statt entlang ausgebauter Straßen. Die Schwedter Vergangenheit touristisch zu nutzen, ist auch Grund die Mikwe zu renovieren.
Das jüdische Ritualbad, das von 1869 bis 1871 von dem Maurermeister Pape errichtet wurde, ist ein Bauwerk der ganz besonderen Art. Zum einen ist sie die einzige erhaltene Mikwe in Brandenburg, zum anderen sucht die Architektur ihresgleichen. Diese Ausnahmestellung erregte 2003 die Aufmerksamkeit der Bauingenieurin Katrin Kessler von der Technischen Universität Braunschweig. Gemeinsam mit ihrem Team und dem des Center for Jewish Art der Hebräischen Universität Jerusalem entstand eine detaillierte wissenschaftliche Beschreibung des Ritualbades. Vor allem drei Räume lassen den Prozess der rituellen Reinigung architekto- nisch nachvollziehen. Ein Umkleideraum, ein Vorraum mit Wanne und schließlich, in etwa vier Metern Tiefe, das Tauchbad selbst, durch das nur von oben Licht einfällt. Dass das Tauchbad nicht nur von den anderen Räumen getrennt, sondern durch den Kuppelbau auch von außen deutlich zu erkennen ist, macht die Mikwe zu einer Besonderheit mitten in Brandenburg.
Doch das Ritualbad drohte zu verfallen. Immer wieder mussten kleine Ausbesserungen vorgenommen werden. Das machte schließlich die Stadtverwaltung auf die Mikwe aufmerksam. In einer etwa dreijährigen Planungsphase beriet sich eine Schwedter Fachgruppe mit dem Berliner Centrum Judaicum und dem Zentralrat der Juden in Deutschland. Wie sollte erneuert werden, damit der Ort authentisch erhalten bleibt? Wie soll es nach der Restaurierung weitergehen? Gibt es religiöse Aspekte, die beim Ausbau beachtet werden müssen? All das waren Fragen, die zusammen erörtert wurden. Im Mai dieses Jahres legte die Stadtverordnetenversammlung dann den »Beschluss über Baumaßnahmen der Sanierung des Jüdischen Ritualbades« vor. Das Erwachen aus einem langen Schlaf begann.
Ob die Stadt damit auch ein neues Kapitel in Sachen Geschichtsbewusstsein aufschlägt, wird sich zeigen. Erlangte Schwedt doch besonders in den 90er-Jahren traurige Berühmtheit durch rechtsextreme Übergriffe.
Heute präsentiert sich Schwedt fair und tolerant: Jugendliche zeigen das vor allem im Rudern und Bogenschießen, Sportarten, durch die sich Schwedt auch über die Region hinaus bekannt gemacht hat. Gerade die jugen Leute soll die geplante Ausstellung im Tempeldienerhaus zur Geschichte der Schwedter Juden ansprechen. Dort können sie dann auf eine Zeitreise in die Vergangenheit gehen und eine andere Seite ihrer Stadt kennenlernen.
»Die Besucher werden nach dem Ende der Baumaßnahmen die Mikwe nicht nur wie bisher zum Tag des offenen Denkmals ansehen können«, sagt Anke Grodon, Vorsitzende des Stadtmuseums. Dennoch möchte man die Besucherströme kanalisieren. So sollen Mikwe und Museum vom Frühjahr bis Herbst geöffnet sein. Gruppen sollten sich anmelden und ihre Größe überschaubar bleiben. »Dafür gibt es dann aber eine intensive Betreuung durch die Mitarbeiter des Museums. Der Besucher soll mit den Eindrücken nicht ganz allein gelassen werden«, betont die Museumsvorsitzende.
Vielleicht hat die uckermärkische Stadt die Wandlung vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan noch nicht vollständig vollzogen. Mit der Mikwe als besonderer Perle allerdings kommt sie dem Ziel von Tag zu Tag ein Stück näher.

Polen

Israel fordert Konsequenzen nach Eklat mit Hakenkreuz-Flagge

Im Parlament hatte ein rechtsradikaler Abgeordneter eine israelische Flagge mit einem Hakenkreuz an Stelle des Magen David gezeigt

 22.04.2026

Brüssel

Deutschland und Italien bremsen EU-Vorstoß gegen Israels Assoziierungsabkommen

Spanien, Slowenien und Irland fordern eine Debatte über das Abkommen. Außenminister Wadephul bezeichnet den Vorstoß als »unangemessen«

 22.04.2026

Berlin

Urteil zu Angriff auf Lahav Shapira erwartet

Nach einem antisemitischen Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin ist der Fall neu vor Gericht verhandelt worden. Im Mittelpunkt des Berufungsverfahrens steht die Höhe der Strafe. Ein Urteil wird am Montag erwartet

 13.04.2026 Aktualisiert

Fussball

Kopfball mit Kippa

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Jan Feldmann  01.04.2026

Podcast

»Arbeiten im Krieg ist eine große Herausforderung«

Zwischen Bomben und Bunker: Wie unsere Korrespondentin in Tel Aviv ihren Alltag erlebt

von Jan Feldmann, Sabine Brandes  01.04.2026

Video

Zwischen Matzen und Kneidlach: Stimmen aus einem koscheren Supermarkt

Kurz vor Pessach: Vorbereitungen auf den Feiertag – Stimmen aus »Kosherlife«

von Jan Feldmann  01.04.2026

Wirtschaft

Iran-Krieg treibt Inflation auf höchsten Stand seit 2024

Teurer Sprit, steigende Preise für Strom und Gas: Die Kämpfe im Nahen Osten haben schon im ersten Kriegsmonat die Verbraucherpreise angeheizt. Bald könnten auch andere Warengruppen betroffen sein

von Alexander Sturm und Christian Ebner  30.03.2026

Die israelische Raketenabwehr hat eine aus dem Libanon anfliegende Terror-Rakete im Visier.

Nahost

Libanon muss jetzt handeln

Die Hisbollah hat äußeren Druck jahrzehntelang in politische Stärke verwandelt. Doch ihr aktueller Legitimitätsverlust ist hausgemacht — und eröffnet dem Libanon erstmals die Chance, das Machtgefüge im eigenen Land zu verändern.

von Leo Benderski  26.03.2026

Berlin

»Grenzen der Erinnerung erweitern«

Argentinien hat von Israel die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen. In der Botschaft des südamerikanischen Landes wurde das mit einer Zeremonie gefeiert

 26.03.2026