rosch Haschana

Packen wir’s an

Morgen beginnt mit Erew Rosch Haschana das neue Jahr 5770. Zum Neujahrsfest halten wir inne, halten Rückschau auf das Vergangene und besinnen uns auf das, was vor uns liegt. Im Namen unserer Präsidentin Dr. Charlotte Knobloch, des Präsidiums und des gesamten Vorstands der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern wünsche ich ein gesundes, glückliches und gebenschtes neues Jahr. Möge Haschem die Entwicklung und Zukunft unserer Gemeinde weiterhin mit seinem Segen begleiten.
Beim Rückblick auf das zurückliegende Jahr haben wir mit der Ordinierung der Rabbiner Zsolt Balla und Avraham Radbil in unserer Ohel‐Jakob‐Synagoge einen Höhepunkt in unserer Gemeinde erlebt. Es war ein Highlight und Meilenstein für das jüdische Leben in Deutschland insgesamt. Erstmals seit der zwangsweisen Auflösung des Rabbinerseminars zu Berlin 1938 wurde diese Einrichtung wieder gegründet. Ein weiteres Highlight war die Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht in Anwesenheit von Israels Oberrabbiner.
Wir freuen uns über das Zusammenwachsen unserer Münchner Gemeinde. Kindergarten, Schule und Jugendarbeit leisten hier eine wichtige Arbeit, die wir als Vorstand seit vielen Jahren in jeder Hinsicht fördern. Gleiches gilt für die Mitarbeiter der Sozialabteilung und die vielen freiwilligen Helfer. Dieses Engagement führen wir weiter. Für ein Miteinander mit der uns umgebenden christlichen Gesellschaft –entscheidend für die langfristige Entwicklung des deutschen Judentums – wurde ein Fundament gelegt. Auch wenn wir voraussichtlich erst in einigen Generationen mit einem ganz normalen Verhältnis ähnlich wie vor 100 Jahren rechnen dürfen, ist dies bereits ein positiver Ansatz.

schulterschluss Zum Glück können wir Juden heute unser Judentum fast überall auf der Welt – ein historisch seltener Zustand für uns – frei praktizieren. Doch es bleibt noch viel zu tun. Wir wollen Frieden und Zusammenarbeit im Nahen Osten sowie mit der gesamten moslemischen Welt erreichen, ähnlich wie dies bereits mit vielen christlichen Gruppierungen rund um den Globus besteht. Eine stabile Freundschaft in Frieden beweist sich gerade in kritischen Zeiten. Besonders in München haben sich hier zum Beispiel die »katholische integrierte Gemeinde« und die »Christen an der Seite Israels« hervorgetan. Sie waren es, die im Januar anlässlich des Gasa‐Konflikts mehrere öffentliche Veranstaltungen mitorganisierten, um der Öffentlichkeit ihren Schulterschluss mit uns Juden deutlich zu demonstrieren. Damit wurde uns zum wiederholten Male bewiesen, dass trotz des Holocaust eine Freundschaft zwischen Juden und Christen möglich ist und sich im Lauf der Jahrzehnte immer weiter verfestigt. Die gesamte politische Vertretung der Juden in Deutschland, die ich im Zentralrat seit über zwanzig Jahren mittrage, wiederholt immer wieder, dass wir als die gewählte Vertretung der Juden in Deutschland für die Politik der Juden hier zuständig sind. Die Verantwortung für die israelische Politik liegt beim israelischen Wähler. Dabei ist zu beachten, dass Israel das einzige demokratische Land in Nahost mit einer nach unseren Standards gewählten Volksvertretung ist. Es ist daher unerträglich, bei jedem Konflikt in Nahost, über den die deutschen Medien weit überwiegend zugunsten der arabischen Seite berichten, die Juden in Deutschland und in anderen Diaspora‐Ländern mitverantwortlich dafür zu machen. Dies ist schlicht eine bewusste Verdrehung von Tatsachen. Gleichwohl stehen wir Juden in Deutschland voll hinter dem Staat Israel und seinem Sicherheitsbedürfniss. Was die rechtsextreme Bewegung in Deutschland betrifft, so sind wir der deutschen Mehrheitsbevölkerung und der Politik dankbar, dass diese Randgruppen nach mehr als zwei Generationen nicht wieder hochkommen. Dennoch dürfen wir nicht ruhen, das Geschehen in Deutschland und in Europa aufmerksam zu verfolgen, damit Juden ihr Judentum überall auch weiterhin frei praktizieren können.

Anfang Rosch heißt auf Hebräisch nicht nur Anfang. Es heißt auch Kopf. Benutzen wir also unseren Kopf und Verstand, um die Herausforderungen des neuen Jahres zu meistern! In den zehn Tagen der Besinnung zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur ist bei allen Juden auf der Welt die Zeit gegeben, in der man sich Rechenschaft gibt, sich selbst das Wichtigste wünscht, was man braucht – sei es Gesundheit, sei es die Sorge um die Kinder oder um das wirtschaftliche Wohlergehen. Ich hoffe, dass all ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Wenn an Jom Kippur das Widderhorn ertönt, möge Haschem uns alle in das Buch des Lebens einschreiben.
Ich entbiete allen Mitgliedern unserer Gemeinde und den Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland und überall auf der Welt die herzlichen Glückwünsche aus München. Insbesondere hoffen wir, dass im Staat Israel endlich der lang ersehnte Frieden einkehrt und damit alle Juden auf der Welt den lang ersehnten Frieden erfüllt sehen.
Schana towa umetuka.

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