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Olympisches Feigenblatt

Bei Misserfolgen sagen manche Sportler gerne, sie seien um ihren Sieg betrogen worden. Meist geht es in solchen Fällen um banale Ungerechtigkeiten. Wenn jemand tatsächlich das Recht zu einer solchen Klage hat, dann eine ehemalige Hochspringerin, die seit mittlerweile 62 Jahren unter dem Namen Margaret Lambert in New York lebt. In der Sportwelt war sie einst als Gretel Bergmann bekannt. Was der jüdischen Athletin in der Zeit zwischen 1933 und 1936 widerfuhr, erzählt Kaspar Heidelbachs Spielfilm Berlin ‹36, der an diesem Donnerstag in Berlin bei der Leichtathletikweltmeisterschaft Première feiert und am 10. September in den Kinos anläuft.

heim ins reich In der ersten Hälfte der 30er‐Jahre dominierte die jüdische Hochspringerin Bergmann aus dem schwäbischen Laupheim ihre Disziplin. Mit 1,51 Metern stellte sie 1931 einen deutschen Rekord bei den Frauen auf. Als die Nazis an die Macht kamen, wurde die Spitzensportlerin als »Nichtarierin« aus ihrem Verein, dem UFV Ulm, ausgestoßen. Im Herbst 1933 emigrierte Gretel Bergmann nach London, wo sie 1934 britische Meisterin wurde. Doch im selben Jahr zwangen die Nazis sie, zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele wieder nach Deutschland zurückzukehren. Ihrer Familie wurde für den Weigerungsfall mit Repressalien gedroht.
Gretel Bergmann war eine Alibifunktion zugedacht. Die Nationalsozialisten wollten der internationalen Sportwelt ihre vermeintliche Toleranz demonstrieren, indem sie einer jüdischen Weltklasseathletin die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele ermöglichten. Teilnehmen durfte Bergmann aber letztlich doch nicht. Auf perfidere Weise ist selten ein Sportler politisch instrumentalisiert worden.
Was die Erlebnisse Bergmanns in den Jahren vor 1936 für Filmemacher zusätzlich interessant macht, ist die wenig bekannte Tatsache, dass eine ihrer Konkurrentinnen in Wahrheit ein Mann war, aber mit Wissen der Nazis bei den Frauen startete. Der wahre Name wird im Film verschwiegen, aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen heißt die Figur hier Marie Ketteler.

ausgebootet Die Idee für das Drehbuch, das Lothar Kurzawa schrieb, stammt von NDR‐Redakteur Eric Friedler, der 1999 für den SWR eine Dokumentation über Bergmann gedreht hat. Um die Abbildung der historischen Realität geht es in Berlin ‹36, dessen Produktion 6,5 Millionen Euro gekostet hat, aber nicht. Immerhin bleibt der Film relativ nahe an den Fakten, und er wird der heute 95‐jährigen Gretel Lambert‐Bergmann, die am Ende in einer dokumentarischen Passage zu Wort kommt, gerecht.
Bergmanns Leben in der Zeit zwischen 1933 und 1936 komprimiert der Film vor allem auf das Geschehen bei mehreren Vorbereitungslehrgängen, an denen auch Ketteler, die spätere Olympiavierte, teilnahm. Die Bergmann‐Darstellerin Karoline Herfurth verkörpert perfekt ihre von Zweifeln geplagte Figur, die den wahrscheinlichen Höhepunkt ihrer Karriere nicht verpassen, aber auch nicht als Feigenblatt bei einer NS‐Propagandaveranstaltung dienen will. Wie in Buket Alakus’ Film Eine andere Liga, einem Drama über eine krebskranke Fußballerin, überzeugt Herfurth auch hier als Sportlerin, die sich in einer existenziellen Grenzsituation befindet.
In Spielfilmen, in denen Sport eine tragende Rolle spielt, steht am Ende stets der alles entscheidende Wettbewerb. Das ist auch bei Berlin ‹36 so. Hier findet dieser Höhepunkt aber ohne die Heldin statt. Mitte Juli 1936 bekommt Gretel Bergmann mitgeteilt, sie sei aus sportlichen Gründen nicht nominiert. Die Öffentlichkeit erhält die Information, sie sei verletzt. In dieser Situation hat die Sportlerin wieder kaum eine Wahl – wie zwei Jahre zuvor, als die Nazis sie zur Rückkehr drängten: Klärt sie die internationale Presse über die wahren Hintergründe ihrer Ausbootung auf, gefährdet sie sich und ihre Familie.

druckkulisse Berlin ‹36 ist angenehm dezent inszeniert, anders als mancher sogenannte Eventfilm rund um das Thema Nationalsozialismus. Aus dramaturgischen Gründen haben die Filmemacher allerdings den Charakter von einigen re‐alen Personen verändert, etwa die nichtjüdischen Konkurrenten im deutschen Team, die gehässiger dargestellt werden als sie waren, oder neue Figuren erfunden, etwa zwei Hochsprungtrainer. Der eine (Axel Prahl, viel zu oft besetzt in hiesigen TV‐ und Kinoproduktionen) verhält sich Gretel Bergmann gegenüber korrekt und wird deshalb bald gefeuert; sein Nachfolger schikaniert sie. Tatsächlich gab es in jenen Jahren keine spezialisierten Übungsleiter. Solche filmischen Eingriffe in die historische Realität sind aber legitim. Feindseliger Trainer, feindselige Rivalinnen – so lässt sich der Druck, der auf Bergmann lastete, spielfilmgerechter darstellen.
In einer Hinsicht gehen Kurzawa/Heidelbach bei der Verdichtung der Wirklichkeit allerdings zu weit. Sie versuchen, den Eindruck zu erwecken, dass die USA an den Sommerspielen im Berlin der Nazis nicht teilgenommen hätten, wenn Gretel Bergmann sich nicht auf den Wettbewerb hätte vorbereiten können. Das ist abwegig. In der amerikanischen Debatte zwischen Boykottgegnern und -befürwortern, in der sich letztlich der Chef des Nationalen Olympischen Komitees, der Antisemit Avery Brundage, durchsetzte, spielte Bergmann keine nennenswerte Rolle. Nachdem die USA im Februar 1936 schon an den Olympischen Winterspielen in Garmisch‐Partenkirchen teilgenommen hatten, war klar, dass sie auch in Berlin dabei sein würden. Gretel Bergmanns Geschichte ist einzigartig; die Filmemacher hätten ihre Bedeutung nicht durch solche verzichtbaren dramaturgischen Kniffe überhöhen müssen.

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