Gasa-Feldzug

»Ohne Alternative«

von Wladimir Struminski

Für die meisten Israelis steht fest: Die am 27. Dezember begonnenen Kämpfe ihrer Armee in Gasa sind ein »Milchemet en breira«, ein »Krieg ohne Alternative«. Sieht man von einem schmalen Rand des linken Spektrums ab, stimmten die wesentlichen politischen Kräfte des Landes der Operation zu. Selbst die linksliberale Meretz‐Partei rief die Regierung auf, einen harten Schlag gegen die in Gasa regierende Hamas zu führen.
Aus gutem Grund: Nachdem die Hamas die sechsmonatige Waffenruhe am 19. Dezember hatte auslaufen lassen, regneten täglich bis zu 80 Raketen auf israelisches Staatsgebiet nieder. »Wir müssen unsere Bürger schützen. Es ist unsere Pflicht und unser Recht«, erklärte Anfang der Woche Israels Staatspräsident Schimon Peres.
Indessen kann die Hamas mit nach Gasa geschmuggelten Gradraketen eine halbe Million Israelis in den Ausnahmezustand versetzen. Damit sind die Raketenangriffe zu einer strategischen Bedrohung geworden. Zugleich sind Schlüsselobjekte der israelischen Infrastruktur ins Schussfeld gerückt. So beherbergt Aschkelon die größte Meerwasserentsalzungsanlage des Landes, eine Anlandestelle für Erdgas und einen Terminal der Erdöl‐Pipeline zum Roten Meer. Über den Hafen Aschdod werden 40 Prozent der israelischen Außenhandelsgüter umgeschlagen.
Anders als im Libanonkrieg vor zweieinhalb Jahren hat sich die Armee auf den Gasa‐Feldzug gut vorbereitet. Der einleitende Luftangriff, bei dem binnen weniger Minuten etwa 100 Hamas‐Ziele angegriffen wurden, zeugt von hervorragender nachrichtendienstlicher Arbeit. Auch die Truppenausbildung für die am vergangenen Samstag angelaufene Bodenoffensive war weitaus bes‐ ser als 2006. Zwei Jahre lang hat die Armee für den Gasa‐Einsatz geübt. Jetzt hofft die Regierung, dass die Streitkräfte die Hamas entscheidend schwächen und für anhaltende Ruhe an der Südfront sorgen.
Eine Schlappe wie im Libanon kann sich die Armee nicht leisten. Bereits bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren versprach Generalstabschef Gabi Aschkenasi: »Nach dem nächsten Krieg wird niemand fragen müssen, wer gesiegt hat.« Daran wird er jetzt gemessen.
Indessen ist die Zeit, die dem Militär zur Verfügung steht, nicht unbegrenzt. Zwar sieht die Völkergemeinschaft der israelischen Offensive bisher mit seltenem Verständnis zu. Das gilt nicht nur für Amerikas Noch‐Präsidenten George W. Bush, sondern auch für Deutschland und – im Stillen – auch Ägypten. Medienberichten zufolge erklärte der ägyptische Präsident Hosni Mubarak gegenüber EU‐Vertretern, die Ha‐mas »dürfe den Krieg nicht gewinnen«.
Allerdings währt auch die Geduld guter Freunde nicht endlos. In den kommenden Tagen wird der außenpolitische Druck steigen, die Operation zu beenden. Eigene Verluste wiederum würden den innenpolitischen Druck erhöhen. Daraus leitet sich das Kriegsziel der Hamas ab: Den Ansturm überstehen, um anschließend den Sieg über den übermächtigen Feind zu erklären und die Arsenale wieder aufzufüllen – so wie es die Hisbollah nach dem zweiten Libanonkrieg vorgeführt hat. Dafür wäre die Hamas bereit, internationale Kontrollen in Kauf zu nehmen: Schließlich hat sich im Libanon gezeigt, dass Friedenshüter aus Übersee im Nahen Osten in aller Regel überfordert sind.
Wie sich der Einmarsch in Gasa auf die Knessetwahlen am 10. Februar auswirken wird, ist ungewiss. Vorerst hat die Arbeitspartei in den Umfragen etwas zugelegt – allem Anschein nach, weil Parteichef Ehud Barak sich als Sicherheitsfachmann profilieren konnte. Allerdings bleiben seine Chancen, die nächste Regierung zu bilden, auch bei den jetzt prognostizierten 16 der 120 Parlamentsmandate gleich null. Mehr als das: Baraks Popularitätszuwachs geht auf Kosten des Koalitionspartners Kadima.
Demgegenüber könnte die Rechte selbst bei einem erfolgreichen Ausgang der Gasa‐Kämpfe bei den Wählern punkten. Denn sie hat bereits 2005 gewarnt, der von Ariel Scharon durchgesetzte, einseitige Rückzug aus Gasa werde zu Raketenangriffen auf Israels Landeszentrum führen. Dies ist eingetreten und bestärkt selbst gemäßigte Wähler in dem Wunsch nach einer rechten Regierung, die keine weiteren territorialen Zugeständnisse an die Palästinenser plant.

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