Heiligkeit

Noch zu retten

von Rabbiner Andreas Nachama

Aus kalendarischen Gründen werden in diesem Jahr zwei Wochenabschnitte an einem Schabbat zusammen gelesen. In anderen Jahren können sie zuweilen auch jeder für sich allein stehen. Nicht nur, weil beide Abschnitte hintereinander stehen, sondern auch inhaltlich gibt es Bezüge.
Wir lesen in Acharej Mot (3. Buch Moses 16,6), der Priester versöhne das Heiligtum wegen der Übertretungen des Volkes in allen ihren Sünden. Raschi, der mittelalterliche Kommentator, schreibt, dies bedeute, dass die Schechina, die Erscheinung Gottes, unter ihnen weile, ob- wohl sie sich versündigt hatten und folglich unrein waren. Rabbiner Zalman Schachter-Schalomi (geboren 1924) erzählt zu diesem Satz von einen Schiur, den er für Manager gegeben hat. Wir stellen uns einen Workshop mit 100 Personen in Designeranzügen in einem Schulungszentrum vor. Aus einer Tasche zieht der Rebbe einen 50-Dollar-Schein und sagt, wer ihn haben wolle, stehe auf. Von den 100 Teilnehmern bleibt keiner sitzen. Nachdem sich alle wieder gesetzt haben, zerknüllt er den Schein und stellt dieselbe Frage. Das Ergebnis ist wieder gleich: Alle stehen auf. Der Rebbe verlässt den Raum und kommt mit einer Schubkarre Bauschutt hereingefahren, nimmt eine kleine Schaufel und vergräbt den Schein im Schutt. Er stellt die gleiche Frage und erhält die gleiche Antwort.
Dann nimmt er einen Käsekuchen, schneidet sorgfältig ein Stück heraus, legt es auf den Teller und fragt, wer das Stück Käsekuchen haben will. Nicht mehr alle, aber doch eine große Mehrheit steht auf. Der Rebbe nimmt eine Gabel und zermanscht das Kuchenstück. Wieder stellt er seine Frage, immerhin einige wollen es noch haben. Schließlich nimmt er das Stück und kippt es auf den Bauschutt. Der Rebbe schaut in den Saal und fragt, wer es noch haben will. Keiner meldet sich.
Was ist geschehen? Würde man eine naturwissenschaftliche Beschreibung des Experiments vornehmen, hätte die Geldnote das gleiche Schicksal erlitten wie der Kuchen. Trotzdem hat der Kuchen seinen Wert im Bauschutt verloren, die Geldnote aber nicht. Die Manager werden um Erklärung gebeten. Einer steht auf und sagt, dass die amerikanische Zentralbank den zerknüllten und mit Schutt beschmutzen Schein jederzeit in einen neuen umtauscht, der Kuchen hingegen sei nicht mehr zu retten.
Wie mit dem Geldschein, so mit dem Menschen. Hinter dem Menschen steht derjenige, der die Seele des Menschen erschaffen, sie in seinen Körper eingehaucht hat, der, wenn wir reuig sind, sie immer wieder reinigt. Früher gehörten zu diesem Reinigungsprozess der Opferdienst im Tempel und die Priester. Heute sind es unser reuiges Verhalten und unsere Gebete. Gott sieht den wirklichen Wert des Menschen – auch wenn wir »schmutzig« sind. Er erkennt ihn, wie die Bank den von ihr ausgegebenen Geldschein und lässt die Reinigung zu.
Wie ist das möglich? Warum lässt Gott bei Reue die Reinigung der Seelen von ihren Sünden zu? Hier kommt die Verbindung zum Abschnitt Kedoschim. Vor jeder Toralesung, aber auch an anderen Stellen unserer jüdischen Gebetsliteratur, beziehen wir uns darauf, dass Gott uns unter allen Völkern ausgewählt hat, und es wird damit begründet, wir sollten heilig sein, wie der Ewige, unser Gott heilig ist (3. Buch Moses 19,2 und andere). Haben wir also ein Abonnement in der ersten Reihe der Völker?
Wie viele kennen wir, die koscher leben, aber doch Häretiker sind, weil sie sich nicht um ihre Kinder oder Eltern kümmern, weil sie übel nachreden oder betrügen. Nachmanides (1194-1270) sagt, man kann Guttaten (Mizwot) erfüllen, ohne wirklich eine Mizwa zu tun. Die Erwählung Israels liegt darin, Mizwot von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allen Möglichkeiten, die man hat, zu tun und zugleich für Übertretungen, die andere Menschen betreffen, reuig zu sein. Wie es am Ende der Auszugsgeschichte heißt: Wenn die Benej Israel alle Gebote und Verordnungen einhalten, wird Gott die Plagen, die er Ägypten auferlegt hat, uns nicht auferlegen und im Übertretungsfall unser Arzt sein.
Den Versuch zu unternehmen, heilig zu werden, den Funken göttlicher Inspiration, der in jedem Menschen steckt, wirksam werden zu lassen, das ist die Botschaft von »Kedoschim tiheju«. Dass Gott uns zuvor in Acharej Mot lehrt, wie er uns wiederherstellt, zeigt, wie der Weg verläuft: Über reuige Umkehr gelangt man zu Kedoschim, zur Heiligkeit. Nicht genug, dass man jüdisch geboren ist oder zu einem Zeitpunkt von einem Beth Din für würdig befunden wurde, ins Judentum aufgenommen zu werden, sondern erst wenn man im Sinn der Tora und der jüdischen Tradition jüdisch handelt, ist man auf dem Weg zur vorgeschriebenen »Heiligkeit«.
Sowenig es eine Erbsünde gibt – die Seele, die Gott uns eingehaucht hat, ist rein –, sowenig gibt es eine automatische Heiligkeit. Man kann sich ihr nur durch wirkliche Guttaten (Mizwot) und reuige Umkehr annähern. Dann erreicht man die Vorgabe für die Erwählung »Kodaschim tiheju – Heilig sollt ihr sein!«

Der Autor ist Rabbiner der Berliner
Synagoge Hüttenweg.

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