Tora zeigt den Weg

Nichts ist unmöglich!

von Rabbiner Baruch Rabinowitz

»Du kannst alles haben, was du willst. Alle Türen sind offen. Das Leben ist voll unbegrenzter Möglichkeiten.« Klingt nach einem Erfolgsberater? Ganz und gar nicht. Denn alles, wovon Erfolgsberater sprechen und wovon Selbsthilfebücher handeln, wurde schon in der Tora und im Talmud besprochen und analysiert. Das Ergebnis ist erstaunlich: Du kannst haben, was du willst!
Sich etwas zu wünschen, ist wohl keinem fremd. Nur die Wenigsten können längere Zeit in einem »Wunschlos-glück- lich-Zustand« leben. Schließlich besteht unser gesamtes Leben aus Wünschen und Sehnsüchten. Manche davon sind leicht zu erfüllen, andere sind kompliziert, brauchen Zeit, Entschlossenheit und Geduld.
Für jemanden, der ein Ziel vor Augen hat, egal wie unerreichbar es ist, ist der Wochenabschnitt »Balak« eine echte Offenbarung. Man kann definitiv nicht alles haben. Aber man kann das haben, was man wirklich haben will. Die Tora lehrt uns sogar, dass das Ziel nicht unbedingt gut sein muss. Man muss sich dessen Erfüllung nur stark genug wünschen. Ob gut oder schlecht, ob es erfolgreich endet oder scheitert. Als Beispiel dafür dient Bileam – ein heidnischer Prophet, der vom moabitischen König Balak beauftragt wird, das Volk Israel zu verfluchen.
Balak, der die großen Siege des kleinen Volkes seit dessen Auszug aus Ägypten genau verfolgte, wusste, dass die Stärke Israels nicht in seiner physischen Kraft bestand. Vielmehr ging es um seine geistige Kraft, weshalb auch er zu spirituellen Waffen greifen muss. Er schickt (4. Buch Moses, 22,5) zunächst »Malachim« (hebr. Engel oder Boten) zum Propheten Bileam, die von hochangesehenen Fürsten, Geschenken und Versprechungen begleitet werden. »Nun komme doch, verfluche mir dieses Volk, denn es ist mächtiger als ich. Vielleicht werde ich es schlagen, damit ich es vertreibe aus diesem Lande« (22,6).
Bileam betet. Er will wissen, ob es eine richtige Entscheidung ist, zu Balak zu gehen. Gott erscheint ihm im Traum, seine Antwort ist mehr als eindeutig: »Gehe nicht mit ihnen. Verfluche nicht das Volk, denn es ist gesegnet!« (22,12). Die Fürsten kehren mit leeren Händen zurück. Aber Balak, der die Absage Bileams nur dessen Ehrgeiz zuschreibt, schickt noch größere Fürsten und noch mehr Geschenke zu ihm. Abermals betet Bileam, schon wieder erscheint ihm Gott. Aber diesmal ist die Antwort Gottes: »Ja, geh’!« Diese scheinbare Unstimmigkeit und Gottes Sinneswandel haben viele Rabbiner irritiert, und im Talmud wurde genau darüber diskutiert. »Auf dem Weg, den der Mensch gehen will, wird er geführt«, ist die Kernaussage im Traktat Sewachim. Egal, auf welchem Weg wir uns befinden und welches Ziel wir vor uns haben, wir werden geführt und begleitet.
Die Kabbalisten lehren uns, dass unsere Gedanken, Wünsche und Worte von einer schöpferischen Kraft erfüllt sind. Unbewusst schaffen wir allein mit unseren Gedanken eine Welt, die unser ganzes Leben beeinflusst und bewegt. Wir schaffen die Engel (im Judentum ist ein Engel eine energetische Kraft, die zur Erfüllung eines bestimmten Zweckes erschaffen wird), die uns in die gewählte Richtung bewegen und schieben. Je stärker unsere Wünsche sind, desto stärker wird diese Kraft, desto schneller werden wir unser Ziel erreichen. Sei es gut oder schlecht.
Bileam wollte gehen. Er war mit der ersten Antwort Gottes unzufrieden. Sein Wunsch war so groß, dass er am Ende die erhoffte Antwort bekam. Nicht, dass Gott seine Meinung geändert hätte. Das Versprechen an Abraham, den Vater des Glaubens, hat die Wirkung von Segen und Fluch für immer definiert. »Ich werde segnen, die dich segnen, und wer dich verflucht, den werde ich verfluchen« (1. Buch Moses, 12,3). Aber auf dem Weg, den der Mensch gehen will, wird er geführt.
Diese Torageschichte stellt uns vor ein unbegrenztes Potenzial und gleichzeitig vor eine enorme Verantwortung. In der Tat, jeder Wunsch kann erfüllt werden, wenn wir dafür genügend Energie, Entschlossenheit und Opferbereitschaft zur Verfügung stellen. Aber ist unser Weg ein Weg des Segens oder des Fluches? Erlangen wir dadurch Heilung und Frieden oder Schmerz und Zerstörung? Denn anderen Heilung zu schenken, heißt gleichzeitig geheilt zu werden. Andere zu segnen, bedeutet gesegnet zu werden.
Obwohl man nahezu alles erreichen kann, muss deshalb nicht alles richtig oder gut sein. Manchmal kann es ein großes Glück sein, etwas nicht zu bekommen, was man sich wünscht. Gott und das Leben bringen mit ihrer Liebe Korrekturen in unser Schicksal ein. Ein sensibles Herz und offener Verstand können immer hilfreich sein, den für uns individuell richtigen Weg zu finden und gleichzeitig die falschen Wünsche in einer sehr frühen Phase zu erkennen und sich davon abzuwenden.
Dazu braucht man viel Mut und Einsicht. Wenn etwas nicht klappt, ist es kein Grund, sein Ziel sofort aufzugeben. Aber es kann ein Hinweis dafür sein, es noch einmal zu überprüfen. Wenn wir davon überzeugt sind, dass der Weg für uns richtig ist, dann sollten scheinbare Hindernisse uns noch mehr motivieren und die Kraft geben, in dieser Richtung weiterzugehen. Sie können aber auch ein Zeichendafür sein, dass wir lieber umkehren sollten, denn der Pfad, auf dem wir uns befinden, ist gefährlich.
So wie der Engel Gottes, der sich Bileam in den Weg stellte, so dass seine Eselin vom Pfad abweichen musste. Geblendet von seinem Ziel, war Bileam gar nicht in der Lage, den wahren Grund dafür zu sehen. Er schlug seine Eselin, so, als ob sie daran Schuld hätte. So wie es auch in unserem Leben passiert, dass wir die Menschen und Umstände um uns herum »schlagen« und sie für die Hindernisse auf unserem Weg verantwortlich machen. Stattdessen sollten wir lieber die wahren Gründe suchen. Vielleicht steht auch auf unserem Weg ein Engel, der uns vor Gefahr warnen will. Oder stehen wir vielleicht uns selbst im Wege und sollen uns von den Umständen befreien, die uns von unserem Ziel abhalten?
Die Tora kann uns helfen, unsere Ziele und Sehnsüchte zu überprüfen. Das Vertrauen in Gott und in den Gang des Lebens kann uns viel Frieden geben, neue Perspektiven zeigen und helfen, unsere Träume zu verwirklichen.

Balak, 4. Buch Moses 22,2 – 25,9

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