Neueinwanderer

Neue Heimat, alte Heimat

von Wladimir Struminski

Es mag Zufall sein: Die Einwanderungsabteilung der Stadt Netanja befindet sich in der Herzl‐Straße, benannt nach Theodor Herzl, der den Einwandererstaat Israel ersonnen hat. Unter der Hausnummer 15, in unauffälligen Räumen, dirigiert George Dubin, Direktor der »Verwaltung für Eingliederung und Wohnviertel«, so die offizielle Bezeichnung der Dienststelle, eine breite Palette von Förder‐, Sozial‐ und Kulturaktivitäten zugunsten von Immigranten, die die 30 Kilometer nördlich von Tel Aviv gelegene Mittelmeerstadt zu ihrem neuen Zuhause gemacht haben. Und das sind viele. Von den knapp 200.000 Einwohnern ist etwa jeder Dritte seit 1990 eingewandert. Die größte Gruppe, 39.000 Menschen, stellen Migranten aus der ehemaligen Sowjet‐union. Sie machen inzwischen ein Fünftel der Stadtbevölkerung aus. So bleibt nicht aus, dass man auf der Straße auf Schritt und Tritt die Sprache Puschkins hört.
Doch die Neueinwanderer bestimmen nicht nur das Straßenbild, sondern sie prägen die Stadt. Die Sowjetunion hat Netanjas Bildungsniveau gehoben: 40 bis 50 Prozent der in der Stadt lebenden erwach‐ senen Immigranten haben einen Hochschulabschluss, rund 400 von ihnen sind promoviert. Wer sich in Netanja medizinisch behandeln lässt, kann mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass der Arzt in der ehemaligen Sowjetunion studiert hat.
Doch nicht alle Mediziner üben ihren alten Beruf aus. George Dubin, Direktor der Eingliederungsverwaltung, war in der Sow‐jetunion Psychiater. 1990 wanderte er mit seiner Frau Inna und der Tochter Mila aus Minsk ein. Für Netanja entschieden sich die Eheleute aus einem ebenso prosaischen wie für viele Ex‐Sowjetbürger wichtigen Grund: die Lage am Meer. »Zu Hause musste man Welten in Bewegung setzen, um mal einen Urlaub am Schwarzen Meer zu verbringen. Hier hatten wir eine Badestadt direkt im Landeszentrum.« Seinen ersten Arbeitsplatz – das Sortieren von Nüssen für rund vier Schekel pro Stunde – gab George nach zwei Tagen auf und beschloss, erst einmal ordentlich Hebräisch zu lernen. Es folgten anderthalb Jahre im Ulpan. Die Eingliederungsbeihilfe reichte gerade mal zum Überleben in einer brüchigen Eineinhalbzimmerwohnung. Von einer Sozialarbeiterstelle in der Eingliederungsabteilung stieg er im Laufe der Jahre zum Direktor auf.
Nicht nur haben die Neueinwanderer Netanja mitgeprägt, sondern auch sie wurden von der neuen Heimat verändert – manchmal mehr, als ihnen bewusst ist. »Ich bin derselbe wie in Minsk«, beteuert Dubin. Beim Durchgehen einer kleinen Checklist sieht es anders aus. »Wie ich die Leute anspreche? Beim Vornamen. Und zwar alle. Auch Einwanderer. Das haben wir in der Sowjetunion nicht getan.« Zur Arbeit kommt George in Jeans – wie die Eingeborenen. Bei kulinarischen Gewohnheiten bleiben die Dubins dagegen stur. Zu Hause wird der Küche aus der alten Heimat gefrönt, bis hin zu den selbst eingelegten Gurken. »Vielleicht liegt mein Verhalten doch irgendwo in der Mitte, zwischen der Sowjetunion und Israel«, fragt sich Dubin und lacht.
Das Arbeitsleben seiner Ehefrau Inna, auch sie ist von Beruf Ärztin, begann am Laniado‐Krankenhaus in Netanja, wo sie inzwischen zur stellvertretenden Leiterin der internistischen Station aufgestiegen ist. Die Klinik ist religiös geführt, »man muss sich züchtig anziehen«, sagt sie. Will heißen: langer Rock und keine kurzen Ärmel. Inna stört das nicht. »So habe ich wenigstens einen guten Grund, Röcke zu kaufen.« Doch es gab am Anfang auch irritierende Momente. In den ersten Wochen habe sie allen Gesprächspartnern in die Augen geblickt um zu sehen, ob sie ihr Hebräisch verstünden, sagt Inna. Einer ihrer Kollegen hatte damit jedoch ein Problem. »Er wandte sich immer von mir ab, ich folgte ihm wie die Sonnenblume der Sonne, und er wich meinem Blick wieder aus.« Was Inna damals nicht wusste: Der ultraorthodoxe Jude wollte eine Frau nicht direkt anschauen. »Als mir das klar wurde, sagte ich zu ihm: ›Im Krankenhaus bin ich keine Frau, sondern Ärztin.‹« Davon ließ sich der streng gläubige Mann überzeugen, und die Kommunikation klappte besser. Innas Fazit nach 18 Jahren am Mittelmeer: »Es ist viel leichter, Einwanderin in Netanja als Jüdin in Minsk zu sein.«
Doch die Olim bilden oftmals auch noch nach vielen Jahren eine separate Welt. Selbst die Jüngeren, die als Kinder eingewandert sind, bleiben privat unter sich – auch wenn sie wie Wladimir Kanzler bestens integriert sind. Der diplomierte Elektronikingenieur, seit 18 Jahren in Israel, führt junge Menschen in die Kunst des Thaiboxens und des Jiu‐Jitsu ein. Als Trainer trifft er Israelis jeglicher Herkunft. Doch Kanzlers engster Freundeskreis setzt sich nach wie vor aus GUS‐Immigranten zusammen. »Mir fällt es leichter, mich auf Russisch auszudrücken«, sagt er. Gemeinsame Werte und elterliche Erziehung spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.
Dass Wladimir Kanzlers Frau auch Neueinwandererin ist, bestätigt die Regel, wonach junge Immigranten und Immigrantinnen in aller Regel mit ihresgleichen unter die Chuppa treten. Inna Kanzler leitet die Buchhandlung »Goldene Welt«, einen von zwölf russischsprachigen Buchläden in Netanja (insgesamt gibt es 16 Buchhandlungen in der Stadt). Die heute 23‐Jährige wanderte als fünfjähriges Mädchen aus Usbekistan ein; Russisch lesen und schreiben lernte sie erst in Israel. Dennoch fühlt sie sich in der russischen Kultur zu Hause. Käme sie nach Moskau, würde niemand im Gespräch mit ihr vermuten, dass sie Ausländerin ist.
Wer einen Beweis für die integrative Macht der russischen Kultur sucht, braucht sich nur eine Weile in Inna Kanzlers Geschäft aufzuhalten. »Es sind nicht nur die Älteren, die bei uns kaufen«, weiß die Buchhändlerin zu berichten. »Bei einem großen Teil der Kunden handelt es sich um junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren. Viele Eltern kaufen für ihren in Israel geborenen Nachwuchs russische Kinderbücher, damit auch die neue Generation Anschluss an die russische Kultur findet.« Das Sortiment der »Goldenen Welt« umfasst alle Sparten, von russischer Literatur über technische Bücher bis hin zu Judaica. Ob eine Anleitung für Office‐Software, ein Physik‐Repetitorium oder das kleine Pilzkundebuch – es lässt sich alles finden. Dennoch steht Innas israelische Identität unerschütterlich fest. »Ich bin Zionistin. Ich wäre nicht bereit, anderswo zu leben.« Damit spricht sie den allermeisten Neueinwanderern in der Mittelmeerstadt aus der Seele: Sie sind in der russischen Kultur verwurzelt, in Israel zu Hause und in Netanja daheim.

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