Darfur-Flüchtlinge

Nancy lernt Hebräisch

von Sabine Brandes

Nancy hat schon ein paar Freundinnen gefunden. Eine heißt Amit und tollt mit ihr über den Pausenhof. Das kleine Mädchen mit dem strahlenden Lächeln und den Rastazöpfchen auf dem Kopf geht in die 2. Klasse. »Kita Bet heißt das«, ruft sie hastig auf Englisch und rennt weiter. Nancy ist acht Jahre alt und besucht seit September eine kleine Grundschule in Untergaliläa.
Fast könnte man meinen, sie sei eine ganz normale Schülerin. Aber eben nur fast. Denn Nancy stammt aus Darfur. Seit der Geburt sind ihre Eltern mit ihr auf der Flucht und wollen nur eins: endlich sicher sein. Vor etwas weniger als zwei Jahren kam die vierköpfige Familie in Israel an. Von Beduinen durch den Sinai geschmuggelt, nachdem sie erst aus ihrer Heimat und später auch aus dem Land fliehen mussten, das ihnen zeitweilig Schutz gegeben hatte: Ägypten. Nancys Vater wurde ins Gefängnis gesteckt, die Mutter und zwei Kinder fanden Schutz in einem privaten Frauenhaus in Galiläa. Hier spürten sie zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie Sicherheit. Die Hilfe für die Flüchtlinge kommt vor allem von privaten Organisationen.
Jetzt soll Israel ihre letzte Adresse sein. Zwar wohnen Nancy, ihr Bruder und ihre Mutter nach wie vor im Frauenhaus, der Vater jedoch durfte das Gefängnis verlassen, arbeitet in einem landwirtschaftlichen Moschaw, und auch er will Hebräisch lernen. Jetzt hat die Regierung vor, einigen Hundert Flüchtlingen aus Darfur die Staatsbürgerschaft zu geben. Das hat Innenminister Meir Sheetrit kürzlich verlauten lassen. Israel könne das Schicksal der Flüchtlinge aufgrund der Geschichte des jüdischen Volkes nicht ignorieren. »Wir müssen es heute genauso machen, wie der damalige Premier Menachem Begin es getan hat, als er den vietnamesischen Flüchtlingen Pässe gab«, erklärte der Minister. Er fügte hinzu, dass er gemeinsam mit Olmert an einem Plan arbeite, der, in Übereinstimmung mit den Vereinten Nationen, die genaue Quote der Flüchtlinge festlegt.
Wahrscheinlich würden Nancy und ihre Familie zu den Glücklichen gehören. Für immer in Israel bleiben zu dürfen, ist ein Traum für die Achtjährige, die bislang kein Ankommen kannte. Dafür büffelt sie fleißig das Aleph-Bet und alles, was sonst zum israelischen Leben dazugehört. In dem islamisch-fundamentalistischen Sudan ist Arabisch die offizielle Landessprache, Englisch gilt jedoch als Bildungssprache. Nancy beherrscht es fließend. Ihre neuen Freundinnen nicht. Die wollen, dass ihre Mitschülerin etwas versteht, wenn es um so wichtige Dinge wie Aufklebertausch geht. Nancy lacht: »Ich weiß schon, dass Sticker einfach Sticker heißt. Genau wie im Englischen.« Doch sie kann schon viel mehr – das ganze Aleph-Bet zum Beispiel. Sie sagt es auf und ist stolz.
Die Anti-Defamation-League (ADF) begrüßt die Entscheidung, die Menschen aus Darfur in Israel aufzunehmen, »weil es die moralische Verpflichtung der jüdischen Nation ist, menschliches Leiden durch Genozid zu mildern, wo immer es auch geschieht«. Sigal Rosen jedoch ist wenig überzeugt von dem Plan. »Es ist nicht genug«, sagt die Frau von der »Fremdarbeiter-Hotline«, einer Hilfsorganisation in Tel Aviv. Sie kennt sich mit der Situation der Flüchtlinge bestens aus. Seit ihrer ersten Ankunft an der Grenze zwischen Israel und Ägypten Mitte 2005 hat sich die Organisation der Sudanesen angenommen. Die Menschenrechtlerin befürchtet, dass sich die Regierung mit dieser Aktion eine Art Alibi schaffen will, um die anderen Menschen abschieben zu können.
Derzeit leben um die 2.300 Sudanesen im jüdischen Staat, lediglich etwa 500 stammen aus Darfur. Die anderen sind Christen aus dem Südsudan. »Und die sind nicht minder gefährdet«, macht Rosen deutlich. »In ihrem Heimatland wurden sie aufgrund ihrer Religion verfolgt, und in Ägypten ging es ihnen nicht viel besser.« Es seien viele Kinder darunter, die auf jeden Fall den Schutz Israels benötigten. Doch nach wie vor ist ihre Situation ungeklärt. Viele Männer sind in Gefängnissen untergebracht. »Und zum ersten Mal in der Geschichte Israels auch Kinder. Ein gänzlich unhaltbarer Zustand.«
Als sich Premierminister Ehud Olmert vor einigen Wochen mit seinem ägyptischen Kollegen Hosni Mubarak traf, sei ein Abkommen in der Flüchtlingsangelegenheit erreicht worden, schrieb die israelische Presse im Anschluss: Wenn Israel die Menschen aus Darfur bleiben ließe, könnte es im Gegenzug alle anderen nach Ägypten zurückschicken, und das Nachbarland würde für die Sicherheit der Menschen garantieren. Kurze Zeit später jedoch dementierte Mubarak, dass es jemals zu einer solchen Übereinkunft gekommen sei.
»Fakt ist«, so Rosen, »dass es nie eine schriftliche Abmachung gegeben hat.« Entschieden ist nichts, die Zukunft aller steht in den Sternen. Währenddessen sind im-
mer mehr Fälle von Erschießungen der Flüchtlinge auf ägyptischer Seite bekannt geworden. Einmal haben israelische Soldaten mitansehen müssen, wie drei Männer von Grenzern auf der anderen Seite zu Tode geprügelt worden sind. 48 Menschen sind bereits, nur einen Tag nach ihrer An-
kunft, von Israel nach Ägypten deportiert worden. »Mindestens die Hälfte stammten aus Darfur, 18 waren Kinder«, weiß die Menschenrechtlerin. Und die Situation in Ägypten werde immer schlimmer für diese Menschen. Wenn sie bislang erträglich war – was sie eigentlich nicht war – so sei es jetzt definitiv unmenschlich geworden, erzählen Geflohene. Jüngst berichtete eine arabische Zeitung, dass die von Israel Zu-
rückgeschickten »Spione der Juden« seien.
Die Menschenrechtsorganisationen kämpfen dafür, dass auch die anderen Männer, Frauen und Kinder entsprechend der Genfer Flüchtlingskonvention anerkannt werden, die eine humane Behandlung und Schutz vor Völkermord garantiert. Für diese Konvention hat sich Israel eine Ausnahmeregelung geschaffen, sofern es um Feindesstaaten geht. Und der Sudan gilt als Feind.
Nancy interessiert das Ziehen und Zerren der Politiker herzlich wenig. Sie will mit ihren kleinen Freundinnen Barbie- und Bratz-Aufkleber tauschen und sie auch mal nach Hause einladen. Wenn sie denn endlich ein Zuhause hat.

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