Freispruch

Nachricht vom guten Judas

von Tobias Kaufmann

Er gilt als einer der meistgehaßten Männer der Geschichte: Judas, der Mann, der Jesus verriet. Allerdings spielt dieser Mythos aus dem »Neuen Testament« zumindest in aufgeklärten christlichen Kreisen heutzutage längst nicht mehr die Rolle, die ihn einst zur Symbolfigur des jüdischen Bösewichts gemacht hat. Andererseits hat zuletzt Mel Gibsons Hollywood-Drama Passion Christi bewiesen, daß es immer noch Christen gibt, die »die Juden« für die Kreuzigung des bi- blischen Propheten verantwortlich machen. Solche Verblendeten werden die Macher des populärwissenschaftlichen Magazins National Geographic im Kopf gehabt haben, als sie vergangenen Sonntag eine Enthüllung ankündigten, mit der die Vorstellung über Judas »auf den Kopf gestellt« werden sollte. Im TV-Sender National Geographic Channel wurde »eine der spektakulärsten Entdeckungen in der biblischen Archäologie der letzten Jahrzehnte« schließ- lich präsentiert: das »Judas-Evangelium«.
Der antike Text, dem Experten bescheinigen, authentisch zu sein, ist angeblich in den 70er Jahren bei Dorfbewohnern in Ägypten gefunden worden. Von dort aus gelangte er auf Umwegen zu einer Stiftung für antike Kunst in Basel. Inzwischen ist die koptische Handschrift untersucht, übersetzt und restauriert worden. Sie stellt Judas ein gutes Zeugnis aus. In der als am wichtigsten geltenden Passage des Manuskripts heißt es: »... du wirst sie alle übertreffen. Denn du wirst den Menschen opfern, der mich kleidet.« Im Klartext bedeu- tet das, zumindest für die mit der Übersetzung beauftragten Experten: Judas war kein schäbiger Verräter, sondern der einzige, der die Botschaft seines Meisters Jesus verstanden hatte. Denn er erwies ihm mit dem Verrat einen letzten Dienst und machte das möglich, was die anderen Jünger verhindern wollten: Die Kreuzigung Jesu – die Voraussetzung ist für den christlichen Glauben an die Auferstehung, die in diesen Tagen mit dem Osterfest gefeiert wird.
Diesen Punkt betont auch Stuttgarts ehemaliger Landesrabbiner Joel Berger. »Für uns Juden ist das nicht weltbewegend«, sagte Berger der Jüdischen Allgemeinen. Für jeden, der die christliche Heilslehre ernstnehme, sei der angebliche Verrat des Judas auch in den bisherigen Evangelien als von Jesus gewollt erkennbar. »Ohne Judas, ohne die Kreuzigung, gäbe es kein Christentum«, so Berger, »deshalb ist es nicht überraschend, wenn Texte auftauchen, in denen die Geschichte so aufgeschrieben wird.« Es sei nicht zu erwarten, daß der jetzt entdeckte Text zu einer Neuausrichtung der Theologie führen könne. Der Rabbiner, der seit Jahren im christlich-jüdischen Dialog engagiert ist, unterstrich zudem den erzählenden Charakter der Evangelien. »Handelte es sich um historische Berichte, dann wäre es unsinnig, daß Judas seinen angeblich so bekannten Herrn erst küssen muß, damit die Römer ihn erkennen.«
Auf den Kopf gestellt wirkt durch die Entdeckung auch keiner der christlichen Experten, die sich im Auftrag von National Geographic oder auf Anfrage zahlreicher anderer Medien zu der Quelle äußerten. Das »Judas-Evangelium« sei zwar religionsgeschichtlich interessant, aber nicht sensationell. »Der Text vermittelt uns keine neuen historischen Einsichten über den Apostel Judas oder den Kreuzestod Jesu«, sagte der Wuppertaler Professor für Biblische Theologie, Thomas Söding der Deutschen Presse-Agentur. Söding, der auch Mitglied der Päpstlichen Bibelkommission ist, betonte, der Text zeige nur »eine Facette der Frömmigkeit im 3./4. Jahrhundert innerhalb der religiösen Bewegung der Gnosis«. Mehrere renommierte Theologen äußerten sich ähnlich. Der Text ist für sie ein Dokument aus der Denkschule der Gnostiker, einer jüdisch/frühchristlichen Bewegung. Für Theologen, die sich mit dieser Bewegung auseinandersetzen, dürfte das Fundstück ein interessanter Forschungsgegenstand werden. Der kanadische Neutestamentler Craig Evans beispielsweise vermutet, daß »diese Entdeckung einen wich- tigen Einblick in das Wesen des Gnostizismus ermöglicht, wie er von frühchristlichen Anführern und Denkern diskutiert wurde und gegen den sich diese stellten«.
Darüber hinausgehende Ansprüche an den Text stellen selbst die von National Geographic präsentierten Experten nicht – trotz der Ankündigung der »Sensation« pünktlich zu Ostern, die sich in ähnliche »Enthüllungen« des Magazins etwa über König David zu Weihnachten 2005 einreiht. Denn erstens ist nicht einmal klar, ob es die historische Gestalt Judas in Wirklichkeit überhaupt jemals gegeben hat. Zweitens ist die Interpretation, daß Judas ein Werkzeug in Gottes Heilsplan war, längst moderne Bibelauslegung wichtiger christlicher Theologen und Institutionen, darunter des Vatikan. Die Schrift »Nostra aetate« verwirft seit 1965 die immer wieder in christlich-antijüdischen Kreisen vertretene These von der Schuld der Juden am Kreuztod Jesu. Darüber hinaus halten Experten die Fundgeschichte des Manuskripts für problematisch. Es sei von »als dubios eingestuften Antiquitätenhändlern« jahrelang zum Kauf angeboten worden und in einem erbärmlichen Zustand gewesen, schrieb der Theologe Ekkehard Stegemann in der Neuen Zürcher Zeitung.
Für einige israelische Zeitungen war die Präsentation des »Judas-Evangeliums« dennoch schlagzeilenträchtig. »Die Entdek- kung, die Juden vom Jesusmord freispricht«, schrieb das Boulevardblatt Maariv. Yedioth Achranot titelte: »Wir haben Jesus nicht verraten.« Die gewünschte Aufmerksamkeit hat National Geographic für seine Mai-Ausgabe damit definitiv erreicht. Gerade rund um Ostern sind Jesus-Enthüllungen auch in der Wissenschaft ein gefragtes Gut. Der in den USA arbeitende israelische Ozeonologe Doron Nof veröffentlichte vergangene Woche eine Studie, nach der Jesus tatsächlich übers Wasser gelaufen sein könne: dank großer Eisschollen, die sich auf dem See Genezareth in einer Kälteperiode gebildet hätten. (mit dpa, epd)

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