Gebot der guten Laune

Nach Herzenslust

von Rabbiner Ophir Cohen

Sukkot soll ein besonderes Freudenfest sein: »Das Fest der Hütten sollst du dir begehen sieben Tage, wenn du hereinholst von deiner Tenne und deiner Kelter. Und du sollst dich deines Festes freuen, du und dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd, sowie der Levite und der Fremdling, die Waise und die Witwe, die in deinen Toren sind. Denn der Ewige, dein Gott, wird dich segnen in all deinem Ertrag und in allem Tun deiner Hände, daß du ganz in Freuden sein sollst.« (5. Buch Moses 16, 13–15).
Als direktes Gebot findet sich in der Tora kein allgemeiner Grundsatz zur Feier des Herrn aus reiner Freude – ein solcher Grundsatz wird jedoch abgeleitet von einem Ausdruck in der Ermahnung (5. Buch Moses 28, 47): »Dafür, daß du dem Ewigen, deinem Gott, nicht gedient hast in Freude und in Herzenslust, vor Überfluß an allem.« Freudig zu sein wird ausdrücklich und direkt nur für das Laubhüttenfest geboten.
Maimonides erklärt das Thema Gottesverehrung in Freude als besonders bedeutsam, auch wenn er es nicht als eigenständiges Gebot anführt: Die Freude bei der Erfüllung eines Gebotes sei bei der Verehrung Gottes von großer Wichtigkeit, und wer sich nicht freut, verdiene Strafe.
Worin liegt der Unterschied zwischen Sukkot und den anderen Festen, bei denen die Tora uns Freude gebietet? Weshalb wiederholt die Tora das Thema, indem es zunächst heißt: »Und du sollst dich deines Festes freuen«, und dann am Ende der Passage noch einmal, »daß du ganz in Freuden sein sollst«? Was bedeutet das hebräische Wort »ach«, das hier übersetzt wird mit »ganz« oder »nichts als«? Soll mit ihm etwas ausgeschlossen werden?
Achten wir darauf, daß Freude in Hinblick auf dieses Fest dreimal genannt wird, wobei es im Zusammenhang mit Pessach nicht ein einziges Mal erwähnt wird. Vielleicht weil das Schicksal der Ernte an Pessach noch offen und daß noch nicht entschieden ist, ob das Jahr ein gutes Jahr sein wird. Deshalb ist hier keine Rede von Freude.
Freude nach den Tagen des Schreckens darüber, daß sie glücklich überstanden sind, ist der zweite Aspekt von Sukkot. In Hinblick auf das Neue Jahr wird Freude nicht ein einziges Mal erwähnt. Der Grund liegt darin, daß über unsere Seele geurteilt wird, und unsere Seele ist wichtiger als unser Besitz. An Sukkot haben die Seelen ihre Entlastung am Versöhnungstag schon erhalten: »Denn an diesem Tag erwirkt man Sühne für euch«. (3. Buch Moses, 16, 30).
Der dritte Aspekt ist der in der Tora verwandte Ausdruck »ganz in Freuden«. Das hebräische »ach sameach« verweist darauf, daß die Freude nicht vollständig ist. Eine andere Auslegung von »ach sameach« kann jedoch bedeuten, daß ein Mensch in dieser Welt zwar glücklich sein kann, aber seine Freude wird dennoch nicht vollständig sein. Jemandem mag ein Sohn geboren werden. Er wird aber sich sorgen, ob sein Kind auch überleben wird, und so wird er traurig sein. In der künftigen Welt jedoch wird es keinen Tod geben. Zu dieser Zeit wird die Freude vollkommen sein.
Der Gedanke, daß mit dem Wort »ach« eine Einschränkung bezeichnet wird, wurde auch von Rabbenu Bahya vertreten: Aufgrund des moralischen Standpunktes, nach dem man seine Freude begrenzen soll, selbst wenn man objektiv Grund zu vollkommener Freude hat: »Vielleicht dämmert uns, daß wir unsere Freude an der Welt in Grenzen halten sollten, denn der Ausdruck ‚ach‘ bezeichnet eine Begrenzung. Da wir uns an Pessach, dem Beginn der Ernte des Omer, freuen, und da unsere Freude mit dem Erntefest Schawuot noch mehr wächst. Wenn das Fest des Sammelns Sukkot kommt und wir unser Korn und unsere Früchte einbringen, unsere Wolle und unseren Flachs, unser Öl und unseren Wein, und wenn wir uns freuen auf die Ruhe und Erholung nach der harten Arbeit, dann verdoppelt sich unsere Freude. Deshalb wird in diesem Vers der Schriften erwähnt, an Sukkot solle man ‚ach sameach‘ sein – in der Freude mäßig, denn alle Worte aus dem Wortfeld ‚ach‘ und ‚rak‘ verweisen auf eine Mäßigung. So lehren uns denn die Schriften, den Mittelweg einzuhalten, wenn wir uns an dieser Welt freuen.«
Rabbenu Bahya Des glaubte auch, daß wir unsere Freude einschränken sollten, selbst wenn wir erfreuliche Dinge tun, etwa die Gebote erfüllen und Verbotenes meiden. »Die Erfüllung von Geboten ist für einen Menschen mit Furcht und Zittern angebracht … Wo Furcht ist, da soll auch Zittern sein, und zwar wegen der bösen Neigung dieser Welt, die es zum Jubel hinzieht. Uneingeschränkte Freude ist erst der künftigen Welt vorbehalten, wenn wir die Gegenwart Gottes spüren und grenzenlosen Überfluß genießen werden.«
Das mag nun berühmten Aussprüchen des Rabbi Nachman von Breslaw widersprechen, demzufolge die Freude keine Grenzen kennen soll. »Es ist eine sehr große Mizwa, unablässig freudig zu sein, und man muß all seine Kraft zusammennehmen, um Trauer und Trübsinn niederzuhalten und jederzeit ganz freudig zu sein. Das ist die Heilung für alle Arten von Leiden. Denn alle Beschwerden kommen nur von Trauer und Trübsinn. Deshalb müssen wir uns freuen, so gut wir nur vermögen, selbst mit unsinnigen Worten.«
Rabbiner Samson Raphael Hirsch führt die verschiedenen Ebenen der Freude in jedem Menschen auf. Die grundlegendste Freude ist die über eine gute Ernte. Aber die Freude des Festes soll die spirituelle Freude des Pilgerzuges zum Tempel sein, eine Freude, die der Anhänglichkeit an den Herrn und seiner Lehre entspringt: »Denn der Herr, dein Gott, wird segnen … und du sollst ganz Freude sein.«
Diese Erklärung im Kontext des Vorhergehenden ist wohl so zu verstehen: Die Reste vom Dreschen des Korns und vom Fässermachen dienen dazu, daß man aus ihnen die Hütten seines Festes macht. In diesen Nomadenhütten erfährt man mit seinem ganzen Haus die Freude des Jubels des Volkes in seiner Siedlung. Zudem verläßt man zur Zeit der Einbringung Feld und Weinberg, Tenne und Werkstatt, und man fügt sich in die Versammlung des Volkes im Tempel des Herrn ein, an seinem auserwählten Ort, denn die Quelle seiner Freude und seines Segens ist nicht in seiner Wohnstatt, in seinen Feldern und Weinbergen. Sie liegt vielmehr in Gott, der einem seinen reichen Segen vom Ort seiner Tora her und im Wege seiner Lehre spendet, wenn man nur treu in seinem Zelte wohnt. Diese Anhänglichkeit an den Herrn und seine Lehre, nicht Stadt und Feld, nicht Tenne und Werkstatt, gibt dem Menschen Freude, und die Freude soll das Wort erfüllen: »daß du ganz in Freuden sein sollst.«
Freude ist das Erblühen und Reifen der Blumen und Früchte am Baum des Lebens der Tora. Diese Freude ist nicht auf die Festtage beschränkt. Vielmehr soll die Freude der Festtage sich auch in das alltägliche Leben hinein erstrecken. Wenn die Feiern vorüber sind, wird die Freude uns in unser Heim begleiten und auch bei allen Härten des Lebens nicht schwinden. Diese Freude aber findet sich nicht in unseren »Wohnstätten« und auch nicht »in Tenne und Werkstatt«. Die wahre Freude wird uns nur dann offenbar, wenn wir Gott und seiner Tora nahe sind.
Um glücklich zu sein, genügt der materielle Segen nicht. Wir brauchen vielmehr die Gunst des Herrn, damit sein Segen uns immerwährende Freude bringt. Deshalb verlassen wir unsere Werkstatt und machen uns auf den Pilgerweg zu dem Ort, den der Herr ausgewählt hat, und dort fügen wir uns in die große Gemeinschaft derer ein, die sich vor dem Herrn zusammenfinden. Hier erfahren wir den Geist, der uns auf die wahre Freude vorbereitet, eine Liebe zum Leben, die uns immer begleiten wird. Hier lernen wir nicht nur, wie wir uns freuen sollen und wie jeder für sich glücklich sein kann, hier lernen wir auch, wie wir trotz allem glücklich sein können: »daß du ganz in Freuden sein sollst«.

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