Minjanhelfer

Nach dem Tod nicht allein

von Frank Diebel

Kaddisch zu sagen, um verstorbenen Verwandten oder Freunden die letzte Ehre zu erweisen, ist ein Akt der Nächstenliebe und eine wichtige zeremonielle Handlung für die Hinterbliebenen. Doch immer wieder kommt es vor, dass bei Beerdigungen kein Minjan zusammenkommt und das Kaddisch deshalb nicht gesagt werden kann.
„Manche der Bewohner unserer Altenheime sind mehr als 100 Jahre alt und haben keine Verwandten mehr, etliche haben ihre Familie im Holocaust verloren“, sagt Gillian Gold, ehrenamtliche Mitarbeiterin bei der Wohlfahrtsorganisation Jewish Care. Man nehme sich das sehr zu Herzen. Jewish Care hat deshalb beschlossen, für Begräbnisse von Heimbewohnern, die keine Hinterbliebenen haben, eine Gruppe von Minjan‐Freiwilligen ins Leben zu rufen. Ein Team von ehrenamtlichen Männern und Frauen soll zusammengestellt werden, die als Trauergäste an jüdischen Begräbnissen teilnehmen. Ein ähnliches Freiwilligenteam gibt es bereits seit einigen Jahren für Grabsteinsetzungen.
„Das Interesse ist enorm groß“, sagt Gold erfreut. „Wir haben zunächst Rabbiner von verschiedenen Gemeinden gebeten, die Sache publik zu machen.“ Außerdem veröffentlichte die in London erscheinende jüdische Zeitung „Jewish Cronicle“ im Februar einen Artikel über das ehrenamtliche Minjan‐Team. Der Aufruf verbreitete sich wie ein Lauffeuer – die Liste der möglichen Kandidaten ist inzwischen sehr lang.
Im Freiwilligenteam der britischen Jewish‐Care‐Häuser sind jüdische Männer und Frauen aller religiösen Strömungen willkommen. Allerdings beschränkt sich die Organisation auf Erwachsene: „Schulkinder nehmen wir nicht, das wäre unpraktisch“, sagt Gold. Doch gebe es eine Ausnahme: „Im Seniorenheim in Clore Manor im Nord‐Londoner Stadtteil Hendon sucht man auch jüngere Beter.“
Vier Koordinatoren werden das Team leiten und die Minjanfrauen und -männer an hilfesuchende Gemeinden vermitteln. Gold: „Die Rabbiner setzen sich bei Bedarf mit uns in Verbindung. Die Koordinatoren sprechen dann geeignete Freiwillige an.“ Geeignet ist nicht jeder. Zum Beispiel muss verhindert werden, dass eine Gruppe von Jüdinnen zum Begräbnis in eine orthodoxe Gemeinde geschickt wird. Außerdem beachten die Koordinatoren auch, dass sie Ehrenamtliche aussuchen, die in der Nähe wohnen, sodass die Beerdigung so schnell wie möglich nach dem Tod erfolgen kann.
Die Betergruppe von Jewish Care soll so umfangreich sein, dass jeder einzelne nicht mehr als ein‐ bis zweimal im Jahr einspringen muss. Außerdem sollen die Freiwilligen an Grabsteinsetzungen teilnehmen, die in der Regel einen Monat nach dem Begräbnis stattfinden. Bislang steht das ehrenamtliche Minjan‐Team nur Bewohnern von Jewish‐Care‐Heimen zur Verfügung. Gold würde es freuen, „wenn unsere Truppe auch bei Bestattungen anderer Jüdinnen und Juden aushelfen könnte“.
Das Projekt findet in der jüdischen Gemeinden Englands großen Zuspruch. „Wir freuen uns, dank des Minjan‐Teams verstorbenen Gemeindemitgliedern den angemessenen Respekt erweisen zu können“, erklärt Candice Woolfson, Leiterin des Projekts „Chesed“ der United Synagogues von Großbritannien. Michael Gluckman, Geschäftsführer der britischen Masorti‐Bewegung, sagt: „Wir sind stolz, dafür zu sorgen, dass niemand die Demütigung eines Begräbnisses ohne Kaddisch erleiden muss.“ Auch in den Pflegeheimen von Jewish Care ist das Echo positiv: „Viele unserer Bewohner sind allein“, sagt Natasha Carson, Leiterin des Ella and Ridley Jacobs House im Norden Londons. „Aber für uns ist es sehr wichtig, ein Leben zu ehren. Dank dieses Projekts können wir stets dafür sorgen, dass es bei Begräbnissen ein Minjan gibt.“

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