Zustand

Mulmiges Gefühl

von Carsten Hueck

Israels Schriftsteller sind in diesem Jahr viel gereist. Der 60. Jahrestag der Staatsgründung hat im Vorfeld auch in Europa für Aufmerksamkeit gesorgt. Auf Buchmessen in Leipzig, Paris und Turin gab es zahlreiche Veranstaltungen mit Schwerpunkt Israel. Immer wieder tauchte dabei die Frage auf: In welchem Zustand befindet sich Israel an seinem 60. Geburtstag? »Unterhalb unseres Selbstbewusstseins, das Offenheit, Zuversicht und Furchtlosigkeit signalisiert, liegt ein permanentes Gefühl der Bedrohung«, meint Nava Semel, 54‐jährige Autorin aus Tel Aviv. »Es ist, als ginge man über eine dünne Eisschicht und könne jederzeit einbrechen.« Ein Grundgefühl, für das die Tochter von Holocaustüberlebenden »jüdische Gene« verantwortlich macht. »Sie sind in unsere israelische Identität mit eingeflossen.« Bei der täglichen Zeitungslektüre beschleiche sie ein Gefühl der Verzweiflung. »Immer dieselben Denkmuster, das alte Drehbuch, keine Veränderung der politischen Vorstellungskraft. Ich bin nicht optimistisch.« Aber: »Geschichte ist ein großer Sack voll Überraschungen. Und manchmal sind auch gute darunter.«
Für Abraham B. Jehoschua, einen der bekanntesten hebräischen Gegenwartsautoren, war eine davon die Staatsgründung selbst. »Das ist für mich ein Wunder«, betont der gebürtige Jerusalemer, der seit 40 Jahren in Haifa lebt. »Die Stadt verbindet Tel Aviv und Jerusalem. Es gibt hier Berge und das Meer. Eine wunderbar pluralistische Stadt; Araber und religiöse Juden leben zusammen. Ich wünschte, ganz Israel wäre so«, sagt er.
Die gegenwärtige Situation im Land fasst Jehoschua so zusammen: »Wir haben hier zwei Systeme. Das demokratische Israel und das der Besetzung in den Palästinensergebieten. Wir haben gedacht, man könnte das eine vom anderen abgrenzen. Aber Verhaltensformen aus den besetzten Gebieten, Korruption und Ungerechtigkeit, haben die israelische Gesellschaft infiltriert. Wenn Israel nicht einen palästinensischen Staat gründet, wird es am Ende sein.« Die Patenschaft einer Zweistaatenlösung, fordert Jehoschua, solle Europa übernehmen. »Zuerst aber sollen die Europäer Olmert klarmachen: Die Siedlungen sind illegal. Viele Leute hier wären froh, wenn die Europäer Israel endlich sagen würden: Tut das nicht, tut dies nicht! Baut nicht in Ost‐Jerusalem, baut nicht in den besetzten Gebieten – denn das ist gefährlich für Israel!« In die Zukunft schaut Jehoschua eher nüchtern: »Zur Zeit gibt es ein Gefühl von Verzweiflung, Pessimismus und Indifferenz. Man beschäftigt sich hier immer weniger mit Politik.« Den 60. Geburtstag Israels will der hitzige Denker aber feiern. »Sechzig ist zwar kein besonderes Datum, aber auch Kindern oder alten Menschen bereitet man ein Fest – um sie zu ermutigen.«
Ermutigung braucht auch Yitzhak Laor. Der Sohn eines Bielefelders wurde in Pardes Hannah im Jahr der Staatsgründung geboren. Mit mehreren Preisen ausgezeichnet, ist er in Israel vor allem als Lyriker bekannt, in Deutschland sind zwei seiner Romane erschienen. Laor hat sich immer politisch engagiert. »Mein Vater war Zionist und Patriot. Aber er hat mir Hass gegen jede Art von Rassismus eingepflanzt.« Laor verweigerte die Teilnahme am Libanonkrieg und engagiert sich nachhaltig gegen die Besetzung der Westbank. Er gibt ein politisches Journal heraus, in dem er sich kritisch mit dem Zionismus auseinandersetzt. »Das ist alles, was ich tun kann. Ich habe jede Illusion über diesen Ort verloren.« Wöchentlich rezensiert der Schriftsteller Bücher für die Tageszeitung Ha’aretz. Für wenig Geld.
Im Literaturbetrieb ist Laor Außenseiter. Einer, der genau hinsieht und kein Blatt vor den Mund nimmt, der Amos Oz mit Kishon vergleicht und der nicht ins Ausland eingeladen wird. Weil er nicht bereit sei, sagt er, sich vor dem Abflug von offizieller Seite seine Statements vorgeben zu lassen. Was die Zukunft seines Landes angeht, sieht er schwarz: »Was immer geschehen mag, ist zutiefst unmoralisch. So sehr, dass ich jede Hoffnung verloren habe, daran etwas ändern zu können.« Laor ist ein großer Moralist. Das Anrufsignal seines Mobiltelefons ist die »Internationale«, im CD‐Player erklingt Bach. Anders als A.B. Yehoshua setzt er keine Hoffnungen auf Europa. Im Gegenteil. »Europa war immer schon ein Ort des Zynismus. Wir, die wir großgezogen wurden von Eltern, die aus Europa geflüchtet sind, haben gelernt, wie zynisch Europa ist. Und wie Europa in der Vergangenheit den Juden die kalte Schulter gezeigt hat, so zeigt es sie heute den Palästinensern. Alles im Namen der Aufklärung.« Yitzhak Laor ist wütend. »Indem wir geglaubt haben, den Westen in eine Pro‐Israel‐Haltung zu manövrieren, sind tatsächlich wir Werkzeug seiner Interessen geworden«, resümiert er.
Haben jüngere israelische Gegenwartsautoren eine andere Perspektive? Sie sind nicht abgenutzt durch Jahrzehnte politischer und militärischer Auseinandersetzungen. Ron Leshem, 1976 geboren, hat als Journalist gearbeitet, bevor er seinen ersten Roman veröffentlichte: Wenn es ein Paradies gibt. Darin beschreibt er die israelische Gesellschaft im Mikrokosmos einer Einheit junger Soldaten im Libanon. »Der Libanon ist unser Vietnam. Aber anders als in Amerika, wo jedes Jahr ein neues Buch über das Desaster erscheint, wollen wir in Israel nichts damit zu tun haben. Wir haben das Konzept der vergessenen Kriege entwickelt. Wir sind erschöpft, wollen nichts mehr hören von Problemen.« Für Leshem ist Israel eine überdimensionierte Nervenklinik. »Wir alle leiden, sind Flüchtlinge und haben alle möglichen Desaster hinter uns. Alles ist zu extrem, und die Ärzte taugen nichts. Die junge Generation hat nach dem Zusammenbruch des Osloer Friedensprozesses jeglichen Glauben an eine Lösung verloren. Sie lebt in einer Seifenblase. Ohne Kontakt zur Außenwelt, in der nur 20 Minuten entfernt Raketen explodieren.«
Den israelischen Politikern traut Leshem keine Änderung der Situation zu. »Unsere Führer sind alle gestört. Sie sind schwach, müde und glauben, ihr Überleben am besten zu sichern, indem sie nichts unternehmen. Sie probieren nichts aus, und das ist sehr traurig.« Die Konsequenz ist für Leshem: Schreiben. Obwohl er sich selbst als pessimistische Person darstellt, glaubt er daran, durchs Erzählen von Geschichten, Menschen emotional berühren zu können. »Es mag seltsam klingen, aber dieser Ort, der für viele hier die Hölle ist, ist ein Paradies für diejenigen, die schreiben und kreativ sind.«

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