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Antisemitismus

Mörder aus der Nachbarschaft

von Jürgen Buch

Am Morgen des 4. Juli 1946 verbreitet sich in Kielce das Gerücht, die Juden hätten Christenkinder im Haus ihrer Gemeinde zu rituellen Zwecken getötet. Henryk Blaszczyk, ein kleiner Junge, hatte der Polizei erzählt, er sei von den Juden drei Tage lang festgehalten worden. Die Lüge lockt eine aufgebrachte Menge zu dem Haus. Die Polizei durchsucht das Gebäude, ein Schuß fällt, unklar, ob von Juden oder Polizisten abgegeben. Nun stürmen Polizisten die Wohnungen, Zivilisten dringen ins Haus ein. »Ich habe gesehen, wie ein junger Mann aus dem ersten Stock geworfen wurde und in den Bach neben dem Haus fiel. Dort haben ihn die Leute mit Steinen totgeschlagen«, erinnert sich Stanislaw Zak, damals 14 Jahre alt. »Ich werde nie vergessen: Vom Balkon des Hauses wurde ein kleines Kind geworfen. Es fiel auch ins Wasser und ging gleich darin unter.« Statt die Juden zu beschützen, beteiligen sich auch die Ordnungskräfte an den Ausschreitungen. Die höchsten Entscheidungsträger der Region drücken sich davor, die Gewalt zu beenden. Kalinowski, der Sekretär der Polnischen Ar- beiterpartei, weigert sich, weil nicht der Eindruck entstehen soll, seine Partei schütze Juden in besonderem Maße. Der stellvertretende Wojewode Urbanowicz will nicht, weil er meint, er sehe »zu jüdisch« aus. So ist niemand da, der mehrere hundert Arbeiter aus einer nahegelegenen Fabrik aufhält, die von den Ritualmordgerüchten gehört haben – der Pogrom erreicht seinen Höhepunkt. Insgesamt werden 42 Menschen bei dem Pogrom ermordet. Erst gegen 16 Uhr greift die Armee ein, die überlebenden Juden werden in Lastwagen abtransportiert.
Vergangene Woche, 60 Jahre nach der Tat, hat der amerikanische Künstler Jack Sal, Sohn zweier Holocaust-Überlebender, in Kielce ein Mahnmal errichtet. Aus 750 Steinquadern hat er eine auf die Seite gekippte »7« geformt – sie steht für die Hausnummer des Gebäudes, in dem die Juden lebten und symbolisiert den Grundriß des Gebäudes. Die Namen der Opfer sind darauf zu lesen. Aber wer waren die Täter?
Krzysztof Falkiewicz, Staatsanwalt des »Instituts für Nationales Gedenken«, hat in den vergangenen Jahren die Vorgänge vom 4. Juli 1946 untersucht. Er ist auch der Frage nachgegangen, ob es sich bei dem Pogrom um eine gezielte Provokation handelte. Waren tatsächlich reaktionäre polnische Kräfte für den Pogrom verantwortlich, wie die neue kommunistische Regierung im Zuge der Prozesse nach der Tat behauptete? Waren es die Kommunisten selbst – womöglich mit Hilfe des sowjetischen Geheimdienstes? Auch antisemitische Theorien sind verbreitet: Zionistische Gruppen hätten den Pogrom als Schauspiel inszeniert, um Polen als unsicheres Land darzustellen und die jüdische Emigration nach Palästina voranzutreiben. Falkiewicz sagt: »Wir haben keine Beweise dafür, daß irgendeine der Theorien zutrifft. Das wird manchem nicht gefallen, aber es gibt diese Beweise nicht.« Vor wenigen Tagen hat das Institut seinen Abschlußbericht veröffentlicht. Die Hauptaussage ist, daß keine der Verschwörungstheorien belegbar ist. So bleibt die unbequeme Erkenntnis, daß das Massaker 1946 eine spontane, kriminelle Eruption antisemitischer Gewalt von ganz normalen polnischen Bürgern war. Individuelle Schuld an den Morden jedoch lasse sich, so das Institut, heute nicht mehr nachweisen, mit Ausnahme jener vier Männer, die nachweislich eine Frau und ihr Baby ermordet hatten und bereits 1946 hingerichtet wurden.
Jerzy Daniel, Autor eines Buchs über den Pogrom, interessiert deshalb die moralische Frage: »Wieso haben sich Hände gefunden, die den Mord begingen?« Es sei nötig, daß sich die Polen mit dem antisemitischen Gedankengut auseinandersetzten. Erst 1996, zum 50. Jahrestag des Pogroms, wurde erstmals auf höchster staatlicher Ebene der Opfer von Kielce gedacht. Nun gibt es zu jedem Jahrestag eine Versammlung vor dem ehemaligen Haus der Juden.

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