Staatsgründung

Mit Peres, Pauken und Trompeten

von Wladimir Struminski

Vallombrosa-Bülbül oder Streifenprinie? Ein schweres Dilemma, das bereits vor Mo-
naten die Feierlichkeiten zum 60. Unabhängigkeitstag Israels einleitete. Hunderttausende Israelis sollen bis zum 8. Mai durch eine Wahl im Internet entscheiden, welcher von zehn verschiedenen Vögeln nun das Wappentier werden soll. Radio- und Fernsehsendungen, Schultage und ganze Zeitungsseiten setzen sich mit der Frage auseinander, welchem der gefiederten Ge-
nossen die Ehre gebührt, künftig mit Israel gleichgesetzt zu werden. Nicht bloß Hobbyornithologen beschäftigen sich immer in-
tensiver mit den ausgedehnten Feierlichkeiten, je näher der Stichtag 8. Mai rückt. Während Hersteller unzähliger, in patriotischem Blau-Weiß gehaltener, überflüssiger Accessoires und namhafte Firmen die Feiern kommerzialisieren, diskutieren an-
dere, wie, und vor allem mit wie viel finanziellem Aufwand man den runden Geburtstag Israels am besten feiern sollte.
Seit Monaten beriet das Komitee unter Ministerin Ruhama Avraham-Balila darüber, wie Israel den historischen Augenblick, an dem der erste Premier David Ben- Gurion am 14. Mai 1948 am Rothschild- Boulevard die Unabhängigkeitserklärung verlas und damit den Staat Israel gründete, begehen wird. Das Ergebnis ist eine lange und imposante Liste von Festlichkeiten. Balila wird hoffen, dass dabei weniger technische Pannen auftreten als beim ers-
ten gescheiterten Versuch, den Satelliten Amos 3 ins All zu schießen. Präsident Schimon Peres hatte bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz in der Jerusalemer Residenz seine Rede über die technologischen Errungenschaften bereits be-
gonnen, als sein Assistent ihm mitteilte, dass das feierliche Ereignis vorerst nicht stattfinden würde. Dafür ging dann vier Tage später alles glatt. Nach der Reparatur eines Fehlers an der Trägerrakte wurde Amos 3 am Montag vom kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur aus in die Umlaufbahn geschickt – außen am Satelliten prangt das Emblem »60 Jahre Israel«.
Viele der Ereignisse haben bereits Tradition, wie die große Flugschau der Luftwaffe oder die Freiluftkonzerte, die bei freiem Eintritt auf Bühnen im ganzen Land stattfinden sollen. Zusätzlich plant Balila ausgelassene Massenveranstaltungen in Städten und an Stränden. Eine Musik- und Lasershow für 1,5 Millionen Zuschauer in mehreren Städten soll die herkömmlichen Feuerwerke ergänzen. Balila will besonders die »Beziehung zwischen der Jugend und dem Land« festigen, kurz, der Jugend eine gehörige Portion Patriotismus verabreichen. In Eilat wurde dafür vor wenigen Wochen die größte Israelflagge der Welt ausgerollt, immerhin 200 Meter lang und 100 Meter breit. Schulklassen besuchen historische Kriegsschauplätze, an denen Schülern das Heldentum der Staatsgründer erklärt wird. Jugendliche erhalten bis Juli freien Eintritt in Naturschutzgebiete und Nationalparks. Wanderausstellungen sollen die »technologischen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Errungenschaften« des Staates porträtieren und damit der Bevölkerung nahebringen.
Ein anderer Schwerpunkt ist die Beziehung zur Diaspora. Dabei geht es nicht bloß um die traditionelle zionistische Haltung, die alle Juden der Welt nach Israel holen will, wie der Versuch der Regierung, ausgewanderte Israelis im Rahmen des Sonderprojekts »zum 60. kehrt man heim« mit besonderen Steuernachlässen zurück ins Land zu locken. Man will gleichzeitig die Verbundenheit mit Juden im Ausland pflegen. Am 3. Mai soll mit Gemeinden weltweit der »Schabbat des jüdischen Volkes« begangen werden, an dem Gemeinsamkeiten und die Rolle Israels hervorgehoben werden soll. Präsident Peres plant für Mitte Mai eine Konferenz über die Zukunft des jüdischen Volkes. Diese, so betonte Peres, sei für alle Glaubensrichtungen offen, auch wenn die Mehrheit der 2.000 geladenen Gäste jüdisch ist. Die Lis-te der Ehrengäste, die Israel zum Geburtstag besuchen, ist lang und eminent. Sie wird von US-Präsident George W. Bush, der dieses Jahr bereits zum zweiten Mal nach Israel kommen wird, Kanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy angeführt. Andere Prominente schließen sich an, wie der ehemalige britische Premier Tony Blair, der frühere russische Präsident Michail Gorbatschow, Henry Kissinger, Nobelpreisträger Elie Wiesel, der ehemalige tschechische Präsident Vaclav Havel, Harvard Professor Alan Dershowitz, Google-Gründer Sergey Brinn, Facebook-Gründer Mark Zuckerman, Ratan Tata, Vorsitzender des indischen Tata Konzerns, US-Milliardär Sheldon Adelson, und Abdurrachman Wahid, der ehemalige Präsident Indonesiens. Als einzige Abgeordnete werden Linke-Fraktionschef Gregor Gysi und der Grünen-Rechtsexperte Jerzy Montag den Bundestag vertreten. Als schmerzlich wird Pe-
res jedoch die Nachricht der Starsängerin Barbara Streisand empfinden, die aus unbekannten Gründen kurzfristig absagte.
Der selbstgefällige Reigen der Regierung stößt vielen Israelis auf. Sie fordern von ihr, das Geld für die ausgefallenen Feierlichkeiten lieber in »Bildung, Gesundheit und Kultur zu investieren«, anstatt es in dumpfen Feuerwerken zu verpuffen, so der Initiator einer Bürgerinitiative, die im Internet bereits mehr als 72.000 Unterschriften sammelte. »Dies werden keine prunkvollen, sinnlosen Feierlichkeiten werden, sondern eine Reihe von Ereignissen, die demonstrieren sollen, wie weit unser Land es in 60 Jahren gebracht hat«, versprach Olmert daraufhin. Balila be-
mühte sich, auch mit originellen Projekten aufzuwarten, die die Lebensqualität im Land langfristig verbessern sollen.
Besondere Aufmerksamkeit erhält die neue Liebe der Israelis, das Fahrrad. So organisierte die Armee die größte Radtour in der Staatsgeschichte. Mehr als 4.000 Teilnehmer, angeführt vom stellvertretenden Verteidigungsminister Matan Vilnai, radelten vier Tage lang an den wichtigsten historischen Stätten des Landes vorbei. Der Geburtstag des Staates ist Anlass, zwei neue, 60 Kilometer lange Radwege einzuweihen, von Tel Aviv nach Jerusalem und um den See Genezareth. Besonders stolz ist man auf den neuen, 1.200 Kilometer langen Trans-Israel-Radweg.
Im Gegensatz zu früher soll besonderes Augenmerk auch auf Minderheiten und Benachteiligte fallen. In Rahat im Negev wird ein Festival für die Kultur der Beduinen und in Schfaram im Norden Feiern für israelische Araber stattfinden. Schoaüberlebende, Einwanderer aus Äthiopien oder Russland werden ebenfalls besonders geehrt. 600 Kindern aus armen Familien soll eine Bar Mizwa spendiert werden, 60 besondere Spielplätze werden Kindern der armen Peripherie auch künftig Freude bereiten. Darüber hinaus werden 60 Picknickstätten für Behinderte eingerichtet, um ihnen die Natur näher zu bringen. Als besondere Note wird im September vor den Stadtmauern Jerusalems ein Konzert der »Geigen der Hoffnung« gespielt werden. Nach 65 Jahren der Stille werden dabei liebevoll restaurierte Geigen von Holocaustopfern erstmals in einem eigens komponierten Konzert wieder zu hören sein. Es bleibt abzuwarten, welcher Nationalvogel das Open-Air-Konzert mit seinem Gezwitscher begleiten wird.

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