Nationalsozialismus

Mit Gesicht und Namen

Am Anfang schien es noch, als könnte sich Dr. Leopold Moses dem nationalsozialistischen Terror entziehen: Der Berliner Arzt hatte 1933 erfolgreich Beschwerde gegen den Entzug seiner Kassenzulassung einge-legt. Als »Frontkämpfer« des Ersten Welt-kriegs wurde die Beschwerde anerkannt –Dr. Moses durfte weiter als Kassenarzt praktizieren. Die Ruhe währte nur kurz: 1935 machte die Familie Moses Urlaub in den Bayerischen Alpen. Gemeinsam mit seinem Sohn Ernest beobachtete der Mediziner, wie eine Skifahrerin schwer stürzte. Als er ihr helfen wollte, fragte sie, ob er Ju-
de sei – Dr. Moses bejahte. »Ich würde lieber sterben, als mich von einem Juden anfassen zu lassen«, war die Antwort der Frau, an die sich Sohn Ernest noch heute erinnert. Geschockt reiste die Familie am nächsten Tag zurück nach Berlin.
Doch auch hier spitzte sich die Situation zu: Im Februar 1936 wurde die Wohnung der Moses’ von der Gestapo durchwühlt und verwüstet, die Familie beschloss, in die USA zu emigrieren. In New York konnte Leopold Moses zunächst wieder als Arzt arbeiten – bevor er am 20. Dezember 1939 an einem Herzinfarkt starb.
Die Lebensgeschichte von Dr. Leopold Moses ist eine von 2.018 Biografien, die die Medizinhistorikerin Rebecca Schwoch im Rahmen des Forschungsprojekts »Anpassung und Ausschaltung – die Berliner Kassenärztliche Vereinigung im Nationalsozialismus« recherchiert und zusammengetra-
gen hat. »Wir wollten den Opfern nicht nur die Namen zurückgeben, sondern die Menschen hinter den Namen wieder sichtbar machen«, erklärt Angelika Prehn, Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin. Die Idee für die Studie hatte Roman Skoblo, Vorsitzender des Landesverbandes jüdischer Ärzte und Psychologen in Berlin. Gemeinsam mit dem da-
maligen KV Berlin-Vorsitzenden Manfred Richter-Reichhelm initiierte er im Oktober 2001 die Aufarbeitung der Geschichte der KV-Vorgängerinstitutionen.

Forschen Doch mit der eigentlichen Forschungsarbeit konnte erst 2005 begonnen werden: Vier Jahre und mehrere Spendenaufrufe waren nötig, um die Finanzierung der aufwendigen Studie zu sichern. Als Glücksfall erwies sich dabei der Fund des Reichsarztre-
gisters im Keller der KV: 97.000 Datensätze, die einen umfangreichen Grundstock für die Forschung bildeten. Zusätzlich recherchierte Historikerin Schwoch gemeinsam mit einem internationalen Team und den Wissenschaftlern des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf in unzähligen Fachzeitschriften und Ma-
gazinen, besuchte das Bundesarchiv und wandte sich an die Entschädigungsbehörde in Berlin, um den Lebensläufen der jüdischen Berliner Kassenärzte auf die Spur zu kommen. Das Ergebnis ihrer Forschungen sind zwei Bücher: Der Band Anpassung und Ausschaltung – die Berliner Kassenärztliche Vereinigung im Nationalsozialismus beschreibt, wie die Vorgängerinstitution der KV Berlin die jüdischen Kassenärzte in der Stadt verdrängte – und deren Existenz Schritt für Schritt zerstört wurde. Der zweite Band Berliner jüdische Kassenärzte und ihr
Schicksal im Nationalsozialismus ist ein Ge-
denkbuch, das 2.018 Biografien versammelt.

Erinnern Im Laufe ihrer Recherchen stieß Schwoch auch auf Angehörige der Ärzte, die aus ihren persönlichen Er-
innerungen erzählen konnten – für Schwoch sind es diese Berichte, die das Gedenkbuch besonders lebendig machen. »Es ist eben kein anonymes Gedenken oder Kranzabwerfen, sondern eines, das mit Gesichtern und Namen verbunden ist«, ergänzt Roman Skoblo. Für den Arzt erfüllt die Studie die Mizwa der Er-
innerung – und zeigt zudem viele Beispiele von Zivilcourage. »Damit gibt es die Chance, dass einige Retter in Yad Vashem be-
nannt werden«, so Skoblo weiter.
1933 stellten jüdische Ärzte mit rund 2.000 Vertretern zwei Drittel aller Berliner Kassenärzte, viele von ihnen wa-
ren Fachmediziner. »Die Spezialisierung

war eine Nische für die jüdischen Ärzte«, erläutert Skoblo. »Von den deutschen Kollegen als ›jüdisches Spezialistentum‹ abgetan, setzte es sich dennoch schnell durch.« Von diesen gut 2.000 Medizinern waren 1942 nur noch rund 180 jüdische »Krankenbehandler« in der Stadt zugelassen – diese durften ausschließlich jüdische Pa-
tienten versorgen. Eine Zulassung als Krankenbehandler bedeutete allerdings keineswegs eine Verbesserung der Lage für einen jüdischen Arzt, wie etwa das Beispiel von Dr. Hermann Gottberg zeigt: »Seit 1933 ununterbrochen gequält, wurde ich gezwungen, die Wohnung aufzugeben, die Praxis wurde in jeder nur denkbaren Art geschädigt; der Höhepunkt wurde mit der Entziehung der Approbation erreicht, und meine Tätigkeit nur noch als jüdischer Krankenbehandler gestattet«, heißt es im Lebenslauf von Gottberg von 1945. »Damit war ich praktisch zum Verhungern verurteilt, da Geldmittel nicht vorhanden waren und ich von dem verbotenen Verkauf meiner Sachen leben musste.«

Zurückgeben Arztpersönlichkeiten wie Dr. Gottberg will Skoblo Berlin zurückgeben: »Aber es geht gleichermaßen darum, ihren Familien, ihren Kindern, Enkelkindern und Urenkeln Genugtuung zuteil werden zu lassen und unsere Kollegen damit dem Vergessen zu entreißen.« Mit der Vorstellung der beiden Bücher ist die Forschung allerdings noch nicht abgeschlossen: »Wir haben eine funktionierende Da-
tenbank, mit der wir weiterarbeiten können«, sagt Rebecca Schwoch. Die recherchierten Biografien sind nicht nur Forschungsgegenstand: Die Namen der jü-
dischen Ärzte finden auch ihren Platz auf der digitalen Gedenktafel am Eingang der KV Berlin. »Wir haben mit Absicht eine elektronische Gedenktafel gewählt«, sagt Manfred Richter-Reichhelm. »Damit können wir kommende Forschungsergebnisse mit aufnehmen.«

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