Vierbeiner

Mit Fiffi ins Paradies

von Elieser Segal

Von den heiklen theologischen Fragen, die sich Tierfreunde stellen, ist keine so herzergreifend, wie die nach dem Schicksal eines geliebten Vierbeiners nach seinem Tod. Um aus dem Dilemma herauszukommen, ist es bisweilen am bequemsten, scheinheilig zu versichern, Fiffi genieße jetzt ein seliges Dasein im Hundeparadies.
Die jüdische Tradition ist in dieser Frage nicht eindeutig. Einige Rabbiner behaupten, daß Tiere kein ewiges Leben haben. Im Buch Kohelet steht geschrieben: »Denn jeder Mensch unterliegt dem Geschick, und auch die Tiere unterliegen dem Geschick. Sie haben ein und dasselbe Geschick. Wie diese sterben, so sterben jene.« Der Midrasch erklärt diese biblische Gegenüberstellung: »So wie es den Tieren bestimmt ist, zu sterben, und sie des ewigen Lebens nicht würdig sind, so ist es auch den Bösen vorherbestimmt, zu sterben, und sie sind des Lebens in der kommenden Welt nicht würdig.«
Ganz anderer Meinung ist Saadia Gaon, ein Gelehrter des zehnten Jahrhunderts, dessen »Buch der Glaubensartikel und Dogmen« ein bahnbrechender Beitrag zu einer systematischen jüdischen Theologie war. Saadia setzt sich mit der grundlegenden Frage auseinander, weshalb die Tora uns gebietet, in einem Akt des Gottesdienstes unschuldige Tiere zu opfern.
Zunächst erläutert er, Gott habe es so bestimmt, daß die Schlachtzeit eines Tieres im metaphysischen Sinne der natürlichen Lebensdauer eines Menschen entspricht. Jedoch fügt der Tod durch das Messer des Schlachters dem Tier mehr Leiden zu als ein natürlicher Tod. Wenn dies der Fall wäre, würde der allwissende und vollkommen gerechte Gott das Tier gewiß für das erduldete Leid belohnen.
Maimonides diskutiert in seinem »Führer der Unschlüssigen« auch diese Ansicht, obwohl er sie nicht Saadia zuschreibt. Vielmehr geht er davon aus, daß sie aus der »Mutazila« stammt, einer der wichtigsten theologischen Schulen des Islam, die einen großen Einfluß auf Saadia Gaon hatte. Anfangs bezeichnet Maimonides die Ansicht der »Mutazila« als schändlich und macht sich über die Vorstellung lustig, wie tote Flöhe, Läuse und Mäuse in der jenseitigen Welt ihren Lohn genießen. Später räumt er allerdings ein, daß die »Mutazila« von der legitimen Sorge getrieben worden sei, dem Allmächtigen ja keine Ungerechtigkeit und kein Unrecht zuzuschreiben.
Die Aussicht auf ein Hundeparadies war für Maimonides trotzdem keine hinnehmbare Option. Seine Vorstellung von einem Leben nach dem Tod war eine zutiefst intellektuelle. Er erkannte Aristoteles’ These an, daß die Menschen kraft ihrer Vernunft für eine individuellen Vorsehung bestimmt seien. Den vernunftlosen Tieren hingegen komme nur eine allgemeine Vorsehung zugute, die das Überleben ganzer Gattungen determiniert.
Durch die Kabbala und später vor allem durch das Aufkommen der chassidischen Bewegung in Osteuropa rückte eine ganz andere Betrachtungsweise dieser Problematik in den Brennpunkt. Einer der erbittertsten Kämpfe, den die Chassidim gegen den traditionellen Juden austrugen, betraf die Vorgehensweisen und die Regulierungen des rituellen Schlachtens. Nicht nur stellten die Chassidim ihre eigenen Schochetim, also rituellen Schlachter, sie bestanden auch auf dem Gebrauch speziell geschliffener Messer.
Der Streit besaß eine Dimension, die aus ganz unterschiedlichen Glaubensvorstellungen über das Schicksal der Seele herrührte. Wie viele Anhänger der Kabbala glaubten die Chassidim an die Doktrin von »Gilgul« – die Seelenwanderung. Das bedeutet, daß Menschen, die noch nicht soweit sind, ins Paradies eingelassen zu werden, in die Welt zurückkehren, so oft, bis es ihnen gelingt, ihren spirituellen Zustand zu läutern.
Die Seelen der Sünder müssen durch die Stadien der unbelebten Gegenstände, der Pflanzen und Tiere aufsteigen, bis sie ihren menschlichen Status wieder einnehmen dürfen. Koschere Tiere wie Rinder und Schafe stellen die vorletzte Stufe auf der Skala des spirituellen Aufstiegs dar, sodaß durch den geringsten Fehler beim Schlachten die Seele am Erreichen des endgültigen Stadiums ihrer Erneuerung gehindert wird.
Aufbauend auf dieser theologischen Prämisse, konnte die chassidische Ideologie einen zwingenden neuen Grund dafür nennen, beim Schlachten äußerst gewissenhaft zu verfahren. Die Kuh, deren Hals ausgestreckt unter dem Messer liegt, könnte von der Seele eines reumütigen Sünders bewohnt sein, dessen letzte Chance für die ewige Ruhe davon abhängt, daß die Schlachtung unter gewissenhaftester Einhaltung des jüdischen Religionsgesetzes ausgeführt wird!
Besonders vehement setzten sich die Schüler von Rabbiner Israel Ba’al Schem Tow für diese Idee ein, zum Beispiel der Maggid Rabbi Dov Ber aus Mesritsch. Aus diesem Grund enthalten die Handbücher für professionelle Schächter Aufforderungen zur Reue und spezielle Gebete, in denen der Schächter die Hoffnung ausdrückt, dieser furchteinflößenden metaphysischen Verantwortung, die ihm auferlegt ist, spirituell würdig zu sein.
In der chassidischen Folklore gibt es haarsträubende Geschichten über furchtbare Strafen, die den nachlässigen Schächter in der kommenden Welt erwarten.
Nach alldem scheint es doch das Beste zu sein, das Leben gleich beim ersten Mal richtig zu leben und sich einen Platz in Gan Eden zu sichern. Wenn man dort ankommt, sollte man dann ein paar Minuten seiner Ewigkeit dafür reservieren, mit dem Hund Gassi zu gehen.

Der Autor ist Professor für Religiöse Studien an der Universität Calgary/Kanada

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