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USA

Mit der Zeit

von Sylke Tempel

An Nachwuchs fehlt es kaum. Nur jüdisch sieht er nicht gerade aus. Die Kinder im Gebetskreis der Synagoge Scha’ar Zahav sind schwarz, asiatisch oder auch weiß (und das nicht unbedingt in der Mehrzahl). Während ihre Lehrerin Gebete spricht oder Lieder vorsingt, hüpfen sie ab und an zu ihren Eltern, die einen Zirkel um die Kinder gebildet haben, lassen sich von Mami Eins oder Mami Zwei auf den Arm nehmen, von Papi Eins oder Zwei den Arm um die Schultern legen oder stellen sich zuweilen auch zwischen Mami und Papi, und beantworten dann wieder mit Enthusiasmus die an sie gestellten Fragen. An diesem Schabbat geht es um AIDS, die Krankheit, die vor über 20 Jahren so grausam in der Gay Community San Franciscos wütete. Die meisten Kinder und Jugendlichen sind mit dem Thema offenbar bestens vertraut. Mit großer Ernsthaftigkeit sprechen sie Segenswünsche für »jene, die an der Krankheit leiden«.
Niemand hatte an Kinder gedacht, als Scha’ar Zahav vor 30 Jahren gegründet wurde. Wozu auch. Es war die erste ausschließlich schwule Synagogengemeinde der Stadt, ins Leben gerufen von orthodoxen Juden, die in ihren Gemeinden wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert wurden. Ihren Glauben ausüben wollten sie und gleichzeitig »unter sich« sein – und das bedeutete, ganz im Sinne der hochideologischen späten 70er-Jahre: Nur die eigene Gruppe war geduldet. Hetero-Männer oder Frauen, gleich ob lesbisch oder »straight«, hatten in Scha’ar Zahav nichts zu suchen.
Ein wenig müssen die Gemeindemitglieder heute über die Engstirnigkeit jener Tage lachen. Da sitzen sie, eng gedrängt im kleinen Büro der Rabbinatssekretärin. Draußen toben Kinder, im Konferenzraum studieren ein paar Jugendliche den Wochenabschnitt. Es sei nicht so leicht, in der Synagoge einen Platz zu finden, sagt Henry Kirschner, der zu den Gründungsmitgliedern gehört. »Am Schabbat ist es hier immer voll.«
»Die Geschichte Scha’ar Zahavs spiegelt als Mikrokosmos die gesamte Geschichte der Gay Community wider«, meint Gemeindemitglied Richard Weiner. Mit dem Ausbruch von AIDS und der heftigen Diskriminierung durch die heterosexuelle Umgebung fielen auch einige der »Vorurteile innerhalb der schwulen Welt«. Lesbische Frauen wurden plötzlich zugelassen, danach kamen die Bisexuellen. Später tauchten die ersten Kinder in der Gemeinde auf: »Die meisten von ihnen«, so Weiner, »stammten aus Ehen, die vor allem lesbische Frauen eingegangen waren, bevor sie sich zu ihrer Homosexualität bekannten.« Die Gemeinde wuchs, vor wenigen Jahren baute man das neue Gemeindezentrum in der Dolores-Street – an prominenter Stelle, gleichsam in einem »religiösen Dreieck«. Schräg gegenüber liegt die deutsch-lutheranische Kirche, in der die Gottesdienste gehalten wurden, als das neue Zentrum noch nicht ganz fertig und das alte bereits abgerissen war. Und gegenüber die katholische »Mission Dolores«, die 1776 gegründete Missionsstation der Franziskaner, um die sich die Stadt San Francisco entwickeln sollte.
In den Neunzigern schließlich, als künstliche Befruchtung erschwinglich und die Adoption durch gleichgeschlechtliche Ehepaare möglich wurde, kamen die Kinder. Viele Kinder, ein ganzer Baby-Boom. Wenige Jahre später eröffnete Scha’ar Zahav eine Grundschule. Ein Viertel der der dort lernenden Schüler sind Nichtjuden. »Es ist schon seltsam, aber ein paar Jahrzehnte nach dem Beginn der Schwulenbewegung werden wir von unseren eigenen Erfolgen heimgesucht«, sagt Richard Weiner. Homosexualität sei anerkannt, behauptet er, selbst orthodoxe Synagogen hätten weniger Schwierigkeiten, »Mitglieder mit anderer sexueller Orientierung anzuerkennen«. Was Scha’ar Zahav, das sich wie jede religiöse Institution in den USA frei finanzieren muss, zahlende Mitglieder kosten kann. Umgekehrt aber schicken viele, auch nichtjüdische Eltern ihre Kinder in die Grundschule Scha’ar Zahavs, um ihnen zu vermitteln, dass »es auch ganz andere Lebens- entwürfe gibt als Mutter, Vater, Kind. Ein Viertel der Schüler sind Nichtjuden, ihre Eltern erscheinen auch oft zu den Gottesdiensten und anderen Aktivitäten der Gemeinde.
Doch wenn die Gemeinde jetzt zu einer Art Anschauungsort für aufgeschlossene Nichtjuden wird, wo bleibt denn da die Jüdischkeit? Und wenn, wie Weiner sagt, ein Viertel der Gemeindemitglieder «straight» sind, wo ihr spezieller Charakter? Diese Frage finden die Gemeindemitglieder absurd. «Dass Homosexualität akzeptiert ist, bedeutet noch lange nicht, dass wir nicht mehr marginalisiert werden», sagt Reuben Zellmann, Rabbiner in Ausbildung. Bübisch und sehr jung sieht er aus in seinem Pullunder, der randlosen Brille und der Kippa auf dem kurzen Haar. «Transsexuelle wie ich werden immer noch diskriminiert.» Und Jüdischkeit bedeute eben, die Interpretationshoheit des Mainstreams zu durchbrechen. «Gott hat uns so geschaffen, wie wir sind, und das müssen wir akzeptieren, selbst wenn in der Bibel steht, dass ein Mann, der beim Manne liegt, getötet werden soll.»
Man muss schon einen Gottesdienst der Gemeinde besuchen, um zu sehen, wie ernst die Mitglieder ihre Jüdischkeit nehmen. Die meisten der Gebete sind, anders als in vielen Reformsynagogen, auf Hebräisch. Viele Mitglieder können sie sprechen, ohne in ihren Siddur zu schauen. Eine Autorität, die ihnen das Judentum erst vermitteln muss, hätten sie nicht gebraucht. Trotzdem stellten sie jüngst eine Kantorin und vor knapp acht Jahren eine Rabbinerin mit dem schönen Namen Camille Schira Angel ein. Den landläufigen Vorstellungen einer Geistlichen entspricht sie ganz und gar nicht mit ihrem weißen Hemd, das selbst während des Gottesdienstes locker über der Hose hängt, dem Kurzhaarschnitt und dem etwas kantigen Gesicht. Aber sie ist, vermerkt sie stolz, «Rabbi in der neunten Generation». Im Jahr 2000 kam sie aus einer Gemeinde in der Upper West Side New Yorks nach San Francisco. «Wir glaubten, dass ein professionell ausgebildeter Rabbiner uns bereichern würde», sagt Kirschner. Rabbi Angel ist überzeugt, dass eine so diverse, heterogene und integrationsfreudige Gemeinde sie als Rabbinerin und Jüdin verändert habe. Hier hat sie es nicht mit den üblichen, relativ konformen Schützlingen zu tun. Sondern mit aschkenasischen und schwarzen Mitgliedern, Konvertiten, die vornehm und politisch sehr korrekt «Jews by Choice» genannt werden und ehemals Orthodoxen, mit «Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transsexuellen oder Behinderten. Das hat mir am Anfang Angst eingejagt. Ich war mir nicht klar, ob ich allen Rechnung tragen könnte.» Aber diese Gemeinde habe aus ihr einen «besseren Rabbiner und eine bessere Jüdin gemacht». Noch nirgends habe sie eine so intensive Gemeindearbeit erlebt, ein solches Engagement, ein solch tiefes Verlangen, jüdisch sein zu wollen.
«Ich bin das beste Beispiel», meint Alex Ingersool, der jeden Samstag mit seinem Partner Martin Tennenbaum zum Gottesdienst erscheint. «Seit fast 30 Jahren bin ich ‚Jew by Choice‘ und Mitglied dieser Gemeinde. So Gott will, werde ich bei den nächsten Gemeindewahlen der erste, zum Judentum konvertierte Präsident.»

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