Eishockeyspieler

Minjan auf dem Eis

von Joël Wüthrich

Verdiente jüdische Eishockeyspieler gibt es schon lange: Valery Kamensky, Yewgeni Babitsch, Yuri Liapkin, Vitaly Dawydow, Nikolai Epshtein und Vladimir Nyschkin waren in den 60er- bis 90er-Jahren Mitglieder der berüchtigten »Sbornaja«, der sowjetischen Eishockey-Nationalmannschaft. Sie wurden mehrfach Weltmeister und Olympiasieger und schrieben Eishockeygeschichte. Aber auch in Kanada, dem Mutterland des Eishockey, und in den USA haben sich jüdische Eishockeystars den Weg in die NHL, die beste Liga der Welt, gebahnt. Zum Beispiel Bob Nystrom, Ronnie Stern, David Nemirovsky, Todd Simon und Steve Dubinsky.
Heute heißen die jüdischen Eishockey-Stars in der NHL Mathieu Schneider, Jeff Halpern, Stephen Weiss oder – der Shooting-Star der aktuellen Saison – Mike Cammalleri (Foto: imago). Und es werden bald weitere folgen, die derzeit in den sogenannten »Minor Leagues« (Ausbildungsligen) beeindruckende Leistungen zeigen. Ein besonderes Beispiel ist der hochtalentierte Benjamin Rubin aus Montreal, ein orthodoxer Jude, der bei den Gatineau Olympique in der Quebec Major Junior Hockey League spielt. Anders als die meisten anderen jüdischen Profis, versucht er seinen Glauben aktiv und mit so wenigen Kompromissen wie möglich zu leben. Oft ergibt sich eine Kollision mit dem Spielbetrieb in der Liga, aber man fand eine Einigung: Rubin wird samstags spielen, aber nicht an den Hohen Feiertagen.
Jeff Halpern haben solche Probleme von Beginn seiner Karriere an nie wirklich beschäftigt. Der Profi der Dallas Stars, der seit 1999 eine feste Größe unter den Topstars des Nordamerikanischen Eishockeysports (über 530 NHL-Partien) ist und im US-Nationalteam spielt, sagt ohne Umschweife: »Ich bin stolz auf meine Herkunft und meinen Glauben. Aber in erster Linie bin ich ein NHL-Profi und muss alles dafür tun, in diesem harten Beruf zu reüssieren. Da haben Kompromisse wenig Platz. Dennoch versuche ich schon, die Traditionen zu pflegen.«
Auch Mathieu Schneider musste in seiner langen Karriere (1135 NHL-Partien, seit 1988 NHL-Profi!) immer den eleganten Spagat zwischen Spitzensport und Tradition schaffen. Seine Frau ist eine konvertierte Jüdin, und die Kinder werden jü- disch erzogen. »Das hat immer sehr gut funktioniert. Ich konnte immer alles unter einen Hut bringen«, sagt der Veteran. Schneider ist ein alter Hase in diesem Business, hat er doch bereits 1993 mit Montreal die wichtigste und prestigeträchtigste Trophäe im Klub-Eishockey, den Stanley Cup, gewonnen. Seitdem ist der gebürtige New Yorker Jahr für Jahr einer der effektivsten und punktbesten Verteidiger der Liga. Er hat nicht nur einen herausragenden »track record« vorzuweisen, sondern spielte auch schon mit den Größten dieser Sportart zusammen: Wayne Gretzky, Patrick Roy, Steve Yzerman, Chris Chelios, Nicklas Lidström, Dominik Hasek und wie sie alle heißen. Mathieu Schneider spielt in seiner mittlerweile schon 19. NHL-Saison bei seinem siebten NHL-Team, den Anaheim Ducks. Beim Titelverteidiger soll er den zurückgetretenen Superstar Scott Niedermayer ersetzen und mit seiner Routine als herausragender Spielanalytiker und Läufer, aber auch durch seine Effektivität im Überzahlspiel, dem Team noch mehr Tiefe und Qualität verleihen. Bisher jedoch machte dem Nationalspieler und Olympiateilnehmer (2006) eine Fußgelenkverletzung das Leben schwer, und er kam auf nur wenige Einsätze.
Der absolute Shooting-Star der Saison aber heißt, wie gesagt, Mike Cammalleri (25). Der Sohn einer kanadischen jüdischen Mutter und eines italienisch-kanadischen Vaters ist der Star bei den Los Angeles Kings. Mit ihm und seiner Form steht und fällt die Leistungskurve der Südkalifornier. Die Wertschätzung, die man ihm entgegenbringt, zeigte sich auch in den letzten Vertragsverhandlungen, als Cammalleri die gewünschten 3,35 Millionen US-Dollar erstreiten konnte. Die gleiche Summe bekommt er auch in der nächsten Saison, und dann wird er zum »Unrestricted Free Agent«. Dies bedeutet, dass er auf dem freien Markt seinen Preis selber bestimmen und die bestmöglichen Angebote einholen kann. Cammalleri (Weltmeister mit Kanada 2007), der als harter Arbeiter auf dem Eis und sehr zuverlässiger Scorer gilt, wird unter Experten als einer der besten Vollstrecker der kommenden Jahre gehandelt. In dieser, seiner fünften Saison in der NHL lässt er sich, wie auch schon 2006/07, erneut weit vorne in der Scorerliste blicken.
Aber nicht nur auf dem Eis, auch hinter den Kulissen bei den Funktionären und Teambesitzern ist ein »Minjan« zu finden: Der nicht immer beliebte, weil mächtige und politisch geschickte »Herrscher über die NHL«, Commissioner Gary Betman, ist ebenso jüdisch wie einige wichtige Mitglieder des »Board of Governors« (Teambesitzer) und Manager: Jeremy Jacobs (Boston Bruins), Larry Tannenbaum (Toronto Maple Leafs), Alan Cohen (Florida Panthers), Jim Schoenfeld (General Manager der New York Rangers) und Ed Snider (Philadelphia Flyers). Dazu kommen noch der Chef vom NHL-Rechtsdienst David Zimmerman wie auch einige Media-Verantwortliche der Liga und bei den diversen Klubs. Fragt sich, wer sich auf dem rutschigeren Parkett bewegt.

Der Autor ist Chefredakteur der Schweizer Eishockeyzeitschrift »Top Hockey«.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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