frankfurt

Meisterschüler

Friedrich Benz spricht langsam. Vor allem dann, wenn er Fachbegriffe verwendet. »Die Zylinder werden von der Exenterwelle angetrieben«, erklärt er und schaut dann zu der Frau, die neben ihm steht. Der Blickkon-
takt signalisiert Lydia Böhmer, dass sie nun Benz’ Ausführungen auf Hebräisch wiedergeben kann. Worum es wirklich geht an diesem Vormittag in der Kfz-Lehrwerkstatt in Frankfurt am Main, das weiß die Dolmetscherin nicht so genau. Um so mehr aber die Jugendlichen, die einen Halbkreis um die Dieselmaschine gebildet haben, an der Benz ihre Funktionsweise erklärt.
Die jungen Männer aus Israel hören aufmerksam und gebannt zu, und sie fragen nach. Im Laufe des Tages haben sie Gelegenheit, all das Wissen, das ihnen Benz und andere Ausbilder mithilfe der Dolmetscherin vermitteln, praktisch anzuwenden. Deswegen sind Andrey, Roman, Mohamed und acht weitere Schüler aus dem Jugenddorf der Kinder- und Jugendaliyah Hadassah Neurim, das nördlich von Tel Aviv liegt, nach Hausen im Frankfurter Norden gekommen. Vier Wochen lang wohnt und lernt die Gruppe in der Landesfachschule des Kfz-Gewerbes Hessen, die Kooperationspartner eines einmaligen Ausbildungsprojekts ist.

startschwierigkeiten Es brauchte seine Zeit, bis die deutsch-israelische Kooperation starten konnte. Der 19-jährige Ro-
man jedenfalls hat es sich nicht so recht vorstellen können, dass den »vielen Re-
den«, die er vor Jahren im Jugenddorf gehört hatte, tatsächlich auch Taten folgen würden. Jetzt ist der junge Mann, Sohn russischer Einwanderer wie auch die meis-
ten aus der Gruppe, in der Mainmetropole, um seine Kenntnisse über Benzin- und Dieselmotoren zu vervollständigen. Freitags, am Ende jeder Schulungswoche, wird geprüft, was in den Köpfen der angehenden Kfz-Techniker hängen geblieben ist und wie sie mit dem Wissen praktisch umgehen. Ob sie beispielsweise die Fehler finden, die die Ausbilder zuvor in die Lehrmotoren eingebaut hatten.
Auf zwei Jahre ist das Programm angelegt, das Unterricht in Israel und praxisorientierte Stunden in Frankfurt beinhaltet. Nach erfolgreicher Prüfung werden die jungen Leute ein von der hessischen Kfz-Schule ausgestelltes Zeugnis erhalten. Einen Abschluss, der mit dem deutschen Meisterbrief vergleichbar ist, gibt es in Israel noch nicht. »Denn dort ist der praktische Bereich der Berufsausbildung nicht gut entwickelt«, erklärt Pava Raibstein, Geschäftsführerin der Kinder- und Jugend-aliyah in Frankfurt. An Fachkräften mit entsprechenden Qualifikationen bestehe daher ein großer Bedarf. Auch Pava Raibstein hat zur Realisierung des Programms beigetragen, das in der dritten Juniwoche mit elf Teilnehmern startete. Ende Juli reisen weitere elf Auszubildende, darunter dann auch zwei junge Frauen, zum vierwöchigen Lehrgang an.

bedarfsanalyse Das, was hierzulande bei der Ausbildung zum Kfz-Techniker selbstverständlich sei, nämlich mehr Praxis, müsse sich in Israel noch durchsetzen, diesen Eindruck hat auch Claus Kapelke, der Geschäftsführer der Landesfachschule des KfZ-Gewerbes Hessen. Kapelke war an der Entwicklung des Ausbildungsprogramms beteiligt. Er war vor Ort, um eine Art Bedarfsanalyse erstellen, um dann mit Ausbildern das Corriculum zu verfassen. Ideengeber des Projektes war Kobi Avital, der Direktor des Fachbereichs Kfz-Technik an der Schule des Jugenddorfs in Israel.
Vor einigen Jahren habe Avital bei ihr angefragt, ob ein paar seiner Schüler einmal schnuppern könnten im »Land des Automobils«, erinnert sich die 48-Jährige. Sie konnte die Landesfachschule des Kfz-Gewerbes für ihre Idee gewinnen. So kam 2005 zunächst eine Gruppe von zehn Ju-
gendlichen für sieben Tage zu einem Schnupperkurs nach Frankfurt. Die Gäste aus Israel erhielten einen Einblick in die Ausbildung, wie sie in Deutschland für Kfz-Lehrlinge üblich ist, besichtigten Werkstätten und auch Autohäuser. Mithilfe des Frankfurter Kooperationspartners wurde schließlich das Konzept ausgeweitet und ein Curriculum entwickelt, das versucht, die in der israelischen Ausbildung fehlenden oder vernachlässigten Bereiche zu ergänzen.

Chance Die Auszubildenden aus dem Jugenddorf Hadassah Neurim stammen großteils aus »schwierigen, zerrütteten oder sozial benachteiligten Familien« Seit mehr als 75 Jahren betreut die Kinder- und Jugendaliyah junge Menschen, die aus den unterschiedlichsten Ländern und verhältnissen kommen. Die Jugenddörfer werden ihnen zu Heimat, Schutz und Ausbildungsstätte. Das wissen auch die jungen Kfz-Mechanker und scheinen sich ihrer Chance bewusst zu sein, die ihnen der Lehrgang bietet. »Sie sind sehr diszipliniert, fleißig und ehrgeizig«, urteilen alle Betreuer über die 18- bis 21-Jährigen. Auch nach der Unterrichtszeit, die von 8 bis 16 Uhr dauert, tüfteln die jungen Männer mit ihrem Betreuer Eyal Deri an den Motoren herum. Sie halten sich aber nicht nur in der Werkstatt auf. Einen Teil ihrer Freizeit verbringen sie auch damit, Frankfurt und das Umland kennenzulernen.
»Wenn die Auszubildenden im kommenden Jahr ihre Prüfungen bestehen, dann ist ihnen ein Arbeitsplatz sicher«, das weiß Pava Raibstein ganz genau. Sie habe häufig erlebt, dass sich die israelische Industrie immer wieder darüber beschwere, dass es an fachlicher Qualifikation der Mechaniker mangele. Die Jugendlichen aus Hadassah Neurim werden »die am besten ausgebildeten Kfz-Mechaniker in Israel sein. Und damit haben wir Einzigartiges erreicht«, sagt Raibstein mit ein wenig Stolz in ihrer Stimme.
Aber nicht nur das. Mittlerweile sind auf das Kooperationskonzept auch andere Branchen aufmerksam geworden. So reiste im Frühjahr eine Gruppe von Auszubildenden aus dem Berufszweig Elektrik und Elektronik ebenfalls nach Frankfurt, um in die Ausbildungsstätten der Handwerkskammer Rhein-Main hineinzuschauen.
Damit aus einem Schnupperkurs ein Ausbildungsprogramm werden kann, werden erhebliche finanzielle Mittel benötigt. Ermöglicht haben das Kooperationsprojekt für die Kfz-Mechaniker die Volkswagen AG und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Sie unterstützten dieses Angebote mit 100.000 Euro. Es sind weitere Zuwendungen notwendig, damit es aus dem Stadium eines Pilotprojekt herauswächst. Ob es sie geben wird? »Diese Frage muss vorerst offen bleiben«, sagt Kapelka.

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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