Alla Hodorovska

„Meine Heimat ist hier“

von Ralf Pasch

Das Hochhaus in der Kasseler Nordstadt steht wie ein Aussichtsturm vollkommen frei auf einem Hügel. Hier wohnt Alla Hodorovska. Vor dem Balkon ihrer Wohnung im siebenten Stock breitet sich die Stadt im Tal der Fulda aus. „Meine Heimat“, sagt die 42‐Jährige, „ist Deutschland.“ Daran gibt es nichts zu deuteln. Als ob sie das unterstreichen will, fügt sie energisch hinzu: „Ich bin gut integriert, ich fühle mich hier zu Hause.“
Vor elf Jahren kam sie aus Belaja Zerkow, einer Industriestadt mit etwa 200.000 Einwohnern in der Nähe von Kiew, nach Deutschland. Die Mutter arbeitete in einer Druckerei, der Vater in einer Schuhfabrik. Arbeiten, um die Familie über Wasser zu halten, war der Lebensinhalt der Eltern. Das prägte die Kindheit der Tochter. Religion hingegen spielte überhaupt keine Rolle. „Es stand zwar im Pass, dass wir Juden sind, aber eigentlich waren wir eine Familie wie jede andere.“ Weil die Eltern nichts über jüdische Religion wussten, konnten sie der Tochter auch nichts weitergeben. Alla kann sich nicht erinnern, dass es in der Stadt eine Gemeinde oder eine Synagoge gab. Juden, so viel weiß sie, trafen sich an Feiertagen in einem Haus – „Meine Großmutter ging ab und zu dorthin.“
Mit 18 verließ Alla ihre Heimatstadt. Sie hatte geheiratet. Der Mann, von dem sie sich später trennte, kam aus Kiew. Dort fand sie Arbeit als Köchin in einem Unternehmen, das Arbeitskräfte vermittelte. Das Leben in Kiew war kein Zuckerschlecken. „Unsere Familie war arm.“ Mit ihrem Mann, dem Sohn Ruslan und der Schwiegermutter wohnte sie in einer Dreizimmerwohnung. Das Leben bot kaum Lichtblicke – vor allem nicht für die Zukunft des Sohnes. Doch dann keimte die Hoffnung auf ein anderes Leben. Alla hörte davon, dass Verwandte nach Deutschland gegangen waren.
Sie selbst machte sich 1995 auf den Weg dorthin. Ihre Eltern kamen später nach. Zunächst landete Alla in einer Notwohnung in Mühlheim am Main, einer kleinen Stadt bei Offenbach. „In den Zimmern“, erinnert sie sich, „durften wir weder kochen noch essen, die Küche lag im Keller.“ Ruslan war damals sieben, er ging in die erste Klasse, die er auch in Mühlheim besuchte. Er schlug sich so gut, dass er das Schuljahr regulär beenden konnte. „Ruslan ist sprachbegabt“, freut sich Alla. Es fiel ihm nicht schwer, Deutsch zu sprechen. Und weil er in der Mühlheimer Unterkunft für Migranten ständig mit Kindern aus dem ehemaligen Jugoslawien spielte, lernte er quasi nebenbei auch noch deren Sprache.
Alla belegte zwar Deutsch‐Kurse. Ihre ersten Schritte in der damals noch fremden Sprache allerdings brachte ihr der Religionslehrer in der Mühlheimer jüdischen Gemeinde bei – noch heute spricht sie mit großer Dankbarkeit von ihm. Berufliche Kurse sollten Alla für den deutschen Arbeitsmarkt fit machen, Praktika im Krankenhaus, in einem Hotel und in einer Konditorei gehörten dazu. Einen Job fand sie nicht. Auch in Kassel, wohin sie zwei Jahre später zog, gab es keine Stelle. So blieb Alla zunächst nichts anderes übrig, als wieder einen Kurs zu belegen. Diesmal einen, bei dem sie als Betreuerin für ältere Menschen ausgebildet werden sollte. Plötzlich aber bekam sie ein Angebot, als Köchin in einem Altersheim zu arbeiten – dafür ließ sie den Kurs getrost sausen. Fünf Jahre war sie dort. Bis die Kündigung kam – aus „betrieblichen Gründen“, wie es in solchen Fällen oft lapidar heißt. Also galt es, noch mal von vorn anzufangen.
Alla wollte nicht wieder von einer Schulungsmaßnahme zur anderen springen, sie entschloss sich für einen kompletten Neuanfang und begann – obwohl sie bereits Köchin war – eine Ausbildung zur Fachkraft für das Gastronomiegewerbe. Nach zwei Jahren Theorie und praktischer Ausbildung in Hotels und im Kasseler Rathaus machte sie ihren Abschluss. „Ich hatte immer noch Probleme mit der deutschen Sprache, aber ich habe alle Prüfungen geschafft“, sagt sie stolz.
In Kassel wird die Synagoge mehr und mehr ihr Lebensmittelpunkt. „Gestern war ich den ganzen Tag in der Gemeinde.“ Dort packt sie beim Putzen und in der Küche mit an. „Ich bin immer da, wenn die Synagoge meine Hilfe braucht.“ Außer der Tatsache, dass Alla dort Beschäftigung hat, gibt es noch einen Grund für ihr Engagement: Dankbarkeit dafür, dass die Gemeinde sie in den vergangenen Jahren immer wieder unterstützt hat, wenn sie Hilfe brauchte – etwa als es darum ging, einen Ausbildungsplatz für ihren Sohn zu finden.
Außer zum Arbeiten geht Alla in die Gemeinde auch zur Gymnastikgruppe – und zum Schauspielen. Seit einigen Jahren gehört sie zur Laienspielgruppe, die sich regelmäßig trifft, um Stücke in Deutsch oder Russisch einzustudieren, die außer in Kassel auch in anderen Gemeinden aufgeführt werden. Es ist noch nicht lange her, dass Alla das Schauspielen als Leidenschaft entdeckt hat. „Warum habe ich nicht früher damit angefangen?“, fragt sie sich manchmal – und gibt die Antwort gleich selbst: „Als ich Kind war, hatten meine Eltern weder Zeit noch Geld dafür. Und später wusste ich nicht, wo man so etwas lernen kann.“ Allas Vater erfüllte sich in Deutschland selbst einen heimlichen Wunsch und spielte bis vor Kurzem in der Kasseler Theatergruppe mit. Wenn die Tochter auf der Bühne steht, sitzen gelegentlich die Eltern im Publikum. Alla kann es manchmal selbst noch nicht so recht glauben, dass sie solche Talente besitzt. Fast nebenbei erzählt sie, dass sie ab und zu auch malt. „Ich wusste nicht, dass ich das kann.“
Trotz allem ist die Gemeinde für Alla ein Ort, der mehr bietet als Beschäftigung und Zerstreuung. „In Kassel habe ich das Judentum kennengelernt.“ Sie geht oft zu den Gottesdiensten, nicht nur an den Feiertagen. Ihr Weg zur Religion führte über Seminare der Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland (ZWSt). Gerade war Alla bei einem Kurs für koscheres Kochen in Bad Kissingen. Sie kann nicht verstehen, dass Zuwanderer, die wie sie in die Kasseler Gemeinde aufgenommen wurden, nicht in die Synagoge gehen. „Wir sind doch nach Deutschland gekommen, weil wir Juden sind.“
Dass Juden auch 60 Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur in Deutschland angefeindet werden, beeindruckt Alla nicht sonderlich. Menschen, die Nazi‐Parolen brüllen und Synagogen beschmieren, sind in ihren Augen schlicht „Verrückte und Idioten“. Sie haben es nicht geschafft, Allas aufkeimende Heimatgefühle für Deutschland zu beeinflussen.
Die Ukraine rückt indes immer weiter in die Ferne. Vor vier Jahren war Alla nach langer Zeit wieder in Kiew, aber es zieht sie nicht dorthin zurück. „Ich habe dort keine Verwandten und Bekannten mehr.“ In den Urlaub fährt sie lieber nach Israel, nach Bulgarien oder Spanien, das findet sie „besser als die Heimat“. Die Eltern hingegen reisen öfter in die Ukraine und nehmen gelegentlich auch Ruslan mit.
Der ist gerade 19 geworden, vor sechs Jahren war er Barmizwa in der Kasseler Gemeinde. Er hat eine Ausbildung zum Hauswirtschafter begonnen und lernt dabei vor allem das Kochen. Seine Mutter ist nicht nur froh, dass er in ihre Fußstapfen tritt, sondern auch erleichtert, dass er im Gegensatz zu vielen gleichaltrigen Zuwandererkindern eine Beschäftigung gefunden hat. „Es ist das Schlimmste, wenn die Kinder zu Hause sitzen.“ Wie seine Mutter scheint auch er sich in der neuen Heimat eingelebt zu haben. „Er hat mehr Kontakt zu deutschen Jugendlichen als zu russischen oder ukrainischen“, sagt Alla, als sie sein Zimmer zeigt. Dort steht ein Keyboard, er bringt sich das Spielen selbst bei. Über seinem Bett prangen grell‐bunte Poster, auf denen westliche Popstars posieren. An einer anderen Wand hängt ein bunt bestickter weinroter Wandbehang mit dem hebräischen Schriftzug „Schalom“.

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